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Verkehr:Neben der Spur

Ein Plakat der Kampagne 'Runter vom Gas'

(Foto: Sebastian Gabriel; Bearbeitung SZ)

Eine Plakatkampagne soll mit beklemmenden Bildern für mehr Sicherheit auf deutschen Straßen sorgen. Aber bringt das überhaupt was?

Von Titus Arnu

Das Leben von Katharina Körner veränderte sich auf einen Schlag. Und zwar in dem Moment, als ein Auto auf der Schwarzwaldhochstraße von der Fahrbahn abkam. In dem 400-PS-Sportwagen saßen ihr kleiner Sohn, ihr Mann und ihr Bruder, ein Freund hatte die drei im Auto mitgenommen. Er fuhr viel zu schnell, verlor in einer Kurve die Kontrolle und krachte gegen einen Baum. Das Wrack brannte komplett aus. Alle starben, bis auf den Fahrer.

Das tragische Ereignis ist zwölf Jahre her, doch Katharina Körner redet darüber, als sei es gestern passiert. "Der Unfall hätte sich vermeiden lassen. Man hätte dort 70 fahren dürfen, die Aufprallgeschwindigkeit war 150", sagt sie. Als ein Polizist ihr im August 2005 die Todesnachricht überbrachte, zog es ihr den Boden unter den Füßen weg. In ihre Trauer mischte sich Wut. Der Fahrer des Wagens, der beste Freund ihres Mannes, wollte wohl mit seinem neuen Sportwagen angeben: "Im Strafbefehl stand, dass es Imponiergehabe war."

Katharina Körner hat ein Buch über ihr Unfall-Trauma geschrieben, sie hat sich als Psychotherapeutin auf Trauerbegleitung spezialisiert - und ihre Geschichte nun noch einmal für die Kampagne "Runter vom Gas" erzählt. Mit Beispielen wie dem der Familie Körner wollen die Initiatoren - das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) - für mehr Sicherheit auf deutschen Straßen sorgen.

Das ist trotz langfristig sinkender Opferzahlen dringend nötig. Im Jahr 2016 verloren 3214 Personen ihr Leben im Straßenverkehr, das sind acht Tote am Tag. "Nicht angepasste Geschwindigkeit ist die Unfallursache Nummer eins", sagt Ute Hammer, Geschäftsführerin des DVR. Ablenkung, zu geringer Abstand und Raserei - diese Faktoren führen am häufigsten zu Unfällen, die manchmal ganze Familien auslöschen. 700 Plakate mit Fotos trauernder Menschen und den Slogans "Runter vom Gas!", "Abstand halten!" und "Finger vom Handy!" werden in den nächsten Wochen an deutschen Straßen aufgestellt. Zusätzlich sind fünf Filme in sozialen Netzwerken zu sehen, mit Betroffenen wie Katharina Körner.

Ein Unfalltod betrifft mehr als 100 Menschen

Die Hinterbliebenen stehen im Zentrum der Kampagne. Stirbt ein Mensch bei einem Verkehrsunfall, sind einer Studie zufolge im Schnitt 113 andere Menschen betroffen. Darunter sind elf Angehörige, vier enge Freunde, 46 Bekannte und 42 Einsatzkräfte wie Sanitäter, Feuerwehrleute und Polizisten.

Die Fotos und Geschichten sind berührend, wenn man sich in Ruhe mit ihnen beschäftigt. Aber was bringen solche Plakate neben der Autobahn, wenn man an ihnen vorbeirauscht? Ob Schockbilder und Warnhinweise Menschen dazu bringen, ihr Verhalten zu ändern, war Gegenstand einiger Studien. Die Ergebnisse sind nicht eindeutig. "Die Wirkung ist zielgruppenabhängig", sagt Rüdiger Trimpop, Verkehrspsychologe an der Universität Jena.

Erfahrene Verkehrsteilnehmer ließen sich von derartigen Kampagnen in ihrem Verhalten durchaus beeinflussen, sagt Trimpop, während sich junge Autofahrer oft sicherer fühlen, als sie es eigentlich sind. "Im besten Fall erzeugen solche Bilder Emotionen, die einen zur Erkenntnis bringen, dass es sich lohnt zu leben", sagt Trimpop.

Eine Kampagne in Großbritannien, bei der Schockfotos von Unfallopfern vor der Benutzung des Handys am Steuer warnen sollten, brachte einer Studie zufolge viele Autofahrer zum Nachdenken. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Unfälle, die durch die Benutzung von Smartphones zustande kommt. Ein Fall ist Teil der Kampagne: In Münster kam ein Autofahrer von der Straße ab und raste frontal in einen Lastwagen. Wie "eingefroren" sei die Szenerie gewesen, erinnert sich Polizeihauptkommissar Thomas Hennemann: Der Tacho zeigte 70 Stundenkilometer an, und der tote Fahrer hatte das Telefon noch zwischen den Beinen. Auf dem Display stand nur ein Wort: "Hallo".

© SZ vom 17.05.2017/afis

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