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Verkauf von historischen Bauten in Italien:Die Salemi-Taktik

Ausverkauf: Ein Ort auf Sizilien will seine verfallende Altstadt retten und historische Gebäude für je einen Euro verkaufen.

Es klingt nach einem Angebot, das man kaum ablehnen kann: historische Häuser mit prächtigem Panoramablick in einem geschichtsträchtigen Hügelstädtchen Westsiziliens, nicht weit von einigen der schönsten Strände des Mittelmeeres. Der Preis: ein Euro. Die Bedingung: Der Käufer muss die Häuser binnen zwei Jahren auf eigene Kosten in ihrem ursprünglichen Stil restaurieren.

Die ungewöhnliche Offerte stammt von Vittorio Sgarbi, dem Bürgermeister der südwestlich von Palermo gelegenen Stadt Salemi. "Unsere Gemeinde besitzt 3700 Häuser, die fast alle im historischen Zentrum liegen und einzustürzen drohen", sagt Sgarbi.

Prominente Geldgeber für die historischen Bauten gesucht

Die meisten Bürger seien längst in bequemere Wohnungen außerhalb des centro storico gezogen. Nun wolle er Reiche und Prominente aus aller Welt anlocken, damit sie sich der "unbequemen Häuser" der Altstadt annehmen und das historische Erbe Salemis retten.

"Wir denken an Leute, die die Sensibilität und die wirtschaftlichen Möglichkeiten haben, sich auf dieses Abenteuer einzulassen." Einen Käufer hat Sgarbi schon gefunden - Massimo Moratti, den italienischen Öl-Tycoon und Eigentümer von Inter Mailand. Zum Dank für das Engagement ernannte der Bürgermeister Moratti am Dienstag zum Ehrenbürger Salemis.

Historisches Städtchen des Friedens

Das 10.000-Einwohner-Städtchen ist nicht irgendein Nest im wilden Westen Siziliens. Es blickt auf eine jahrtausendelange, durchaus glorreiche Geschichte zurück. Hier herrschten die Sikaner und Elymer, Römer, Vandalen, Goten, Byzantiner und Araber, von deren Wort "Salem", "Frieden", sich der Ortsname Salemi ableiten könnte. Muslime, Juden und Christen lebten, jeweils in ihren Vierteln, in der Stadt, die der Staufer-Kaiser Friedrich II. durch ein bis heute erhaltenes Kastell schützen ließ.

Der italienische Freiheitsheld Garibaldi ließ sich im Mai 1860 hier zum Diktator ausrufen und machte Salemi zur Hauptstadt des neuen Italiens - wenn auch nur für einen Tag. Im Jahr 1968 erschütterte ein Erdbeben den Ort und ließ das historische Zentrum halb zerstört und halb verwaist zurück. Schließlich zog, in diesem Jahr, der nächste Eroberer in Salemi ein: Vittorio Sgarbi.

Ein exzentrischer Bürgermeister

Der 56 Jahre alte Kunsthistoriker und Politiker gilt sogar in der flamboyanten italienischen Prominentenszene als Paradiesvogel. Viele Skandälchen, Prozesse und Amouren umranken seine Gestalt. Eitel, gebildet, schlagfertig und cholerisch machte sich Sgarbi als Talkshowschreck einen Namen.

Gegner, und davon schuf er sich viele, betitelte der Freigeist schon mal als "korrupten Wurm" oder "atheistischen Bastard", wenn er nicht gleich ein Glas Wasser auf sie schüttete. Sein Credo lautet: "Vernunft bedeutet für mich, dass ich recht habe."

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Die Salemi-Taktik

Politisch engagierte sich Sgarbi für alle möglichen Gruppen, von den Anarchisten über die Kommunisten und Liberalen bis hin zu den Christdemokraten und Silvio Berlusconis Partei Forza Italia. Er war Bürgermeister eines Ortes in den Marken, Abgeordneter und Kulturstaatssekretär in Rom und schließlich Kulturdezernent in Mailand, blieb aber, streitlustig, wie er ist, selten lange auf einem Posten.

Als ihn die Mailänder Bürgermeisterin im Frühjahr schasste und auch im neuen Kabinett Berlusconi kein Platz für ihn geschaffen wurde, ließ er sich als Bürgermeister-Kandidat für Salemi anwerben. Im Juni gewann er dort mit mehr als 60 Prozent der Stimmen. Die Turiner Zeitung La Stampa kommentierte trocken: "Seit 4000 Jahren sind die Sizilianer daran gewöhnt, jeden Invasoren zu beklatschen."

Die Wahlversprechen des Bürgermeisters

Sgarbi versprach den Bürgern Salemis, er wolle das arme, von Auswanderung und den Folgen des Erdbebens gezeichnete Städtchen zu einer "kleinen sizilianischen Wiege der Kultur" und einem "interreligiösen Begegnungszentrum" machen: "Salemi wird ein Ort der Gedanken, des Geistes und der Spiritualität."

Nach seinem Wahlsieg lobte er die "Intelligenz der Bürger, einen berühmten Mann wie mich zu wählen". Offensichtlich hofften die Wähler, der schillernde Sgarbi werde Prominenz und Geld nach Salemi locken.

Tatsächlich stellte der neue Bürgermeister sofort eine bunte Stadtregierung zusammen. Der berühmte, wegen seiner Schockwerbung für Benetton umstrittene Fotograf Oliviero Toscani erhielt das Ressort für Kreativität. Der futuristische Provokationskünstler Graziano Ceccherini, der vor kurzem das Wasser der Fontana di Trevi in Rom blutrot färbte, wirkt als "Referent für das Nichts". Er muss sein Ressort noch ausfüllen.

Toscani dagegen wurde schon aktiv. Von ihm stammt die clevere Idee mit dem Häuserverkauf, um die historische Altstadt mit ihrer wertvollen Bausubstanz vor dem Verfall zu retten.

"Wir schaffen das Außergewöhnliche", verspricht der Fotograf. Tatsächlich sollen im Rathaus schon etwa 70 Interessenten vorstellig geworden sein. "Wir haben bereits Anfragen von Engländern, Amerikanern und prominenten Italienern", frohlockt Sgarbi.

Indiskretionen zufolge sollen der britische Musiker Peter Gabriel und der italienische Liedermacher Lucio Dalla darunter sein. Greifen sie zu, dürften rasch andere folgen. Wer einen Euro übrig hat für ein Haus in Salemi, der muss sich womöglich beeilen.

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SZ vom 04.09.2008/viw
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