Süddeutsche Zeitung

Handykamera bei Konflikten:"Das kann die Situation verschärfen"

Die jüngsten Fälle von Polizeigewalt in den USA wurden teils live gefilmt. Psychologe Adolf Gallwitz über die Chancen der Handykamera in Extremsituationen - und ihr Eskalationspotential.

Interview von Ronen Steinke

Adolf Gallwitz, 65, ist einer der erfahrensten Polizeipsychologen in Deutschland. Er lehrt unter anderem an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen, zuvor hat er mehrere Jahre für US-Bundesbehörden in Texas gearbeitet.

SZ: Herr Gallwitz, haben Sie eine Erklärung für die Szene, die sich am Mittwoch im US-Bundesstaat Minnesota abgespielt hat? Ein Mann wird von Polizisten tödlich angeschossen - und seine Lebensgefährtin zückt ihr Smartphone, filmt und kommentiert mit meist ruhiger Stimme. Er verblutet, sie streamt live bei Facebook.

Adolf Gallwitz: Das Video ist schwer anzusehen. Der Mann liegt auf dem Fahrersitz seines Autos, die Polizeibeamten rundherum sind offenbar sehr aufgebracht, haben weiterhin die Waffe gezückt, brüllen, dass die Frau ihre Hände oben behalten soll. Für mich ist aber besonders interessant, dass auf der Rückbank des Autos noch eine vierjährige Tochter sitzt. Um sie kümmert sich offenbar niemand, stattdessen filmt die Mutter.

Wie erklären Sie sich dieses Verhalten?

Sicherlich ist da der Schock, allerdings gibt es noch etwas anders. Das ist vielleicht kein bewusster Gedanke der Frau in dem Moment, in dem ihr Lebensgefährte in tödlicher Gefahr schwebt, aber der Griff zur Handykamera hat auch etwas Vertrautes. Ein Anker in einer Extremsituation. Inzwischen gibt es viele Menschen, die mit Likes sozialisiert sind. Wenn bedeutende Ereignisse nicht dokumentiert werden, fühlt sich das für sie nicht richtig an.

Das sehen Sie als Motiv in einer solchen Lage an?

Mir scheint, das ist eine Aufmerksamkeitsverteilung, die uns Sorge machen muss. Hier geht es um eine Situation von Leben und Tod, und die Betroffene denkt eher an die Nachwelt, an ihre Facebook-Freunde in weiter Ferne.

Bedeutet der Kontakt zur Außenwelt nicht auch einen Schutz, wenn man sich sonst hilflos der Polizei ausgeliefert fühlt?

Das permanente Filmen führt nicht zwingend dazu, dass weniger Fehler geschehen. Die Beamten werden dadurch auch nervöser, vielleicht reizbarer. Jeder Mensch möchte alles richtig machen. Die Sorge, vor der Kamera etwas falsch machen zu können, wird bei Polizisten immer mentale Kapazitäten binden.

Das ist, wenn es um die Verhinderung von Straftaten geht, doch eigentlich etwas Positives. Umgekehrt filmt auch die Polizei aus genau diesem Grund.

Die Hemmungen, einen Polizisten zu beleidigen oder zu bespucken, steigen sicherlich, wenn eine Kamera läuft.

Wie ändert sich das Verhältnis von Polizei und Bürgern, wenn in Gedanken immer noch ein virtueller Dritter dabei ist, der das Video ansieht?

Entscheidend ist, mit welcher Art von Öffentlichkeit die Beteiligten rechnen müssen. Werden die Filme nur im Rahmen eines rechtsstaatlichen Verfahrens ausgewertet? Dann kann das vielleicht deeskalierend wirken, zumindest wenn Vertrauen in diesen Rechtsstaat besteht. Vielleicht war das in dem Fall in Minnesota so, vielleicht wäre der Fall noch dramatischer ausgegangen, wenn die schockierte Mutter nicht in ihr Smartphone sprechen und mit der Facebook-Welt hätte kommunizieren können. Die Waffen waren ja noch immer gezückt. Aber als das Filmen begann, gab es keine neue Gewalt mehr.

Der Rechtsanwalt der Familie von Alton Sterling, einem vor wenigen Tagen in Louisiana getöteten Afroamerikaner, hat gesagt: "Gott sei Dank gibt es Apple, Google und Microsoft." Denn ohne die Handyaufnahmen würde niemand glauben, dass Sterling die Polizisten nicht provoziert habe.

Aber was ist, wenn Aufnahmen veröffentlicht werden, schlicht um jemanden lächerlich zu machen oder anzuprangern? Dann birgt das auch ein eigenes Eskalationspotenzial. Dann kann das die unmittelbare Situation noch verschärfen, das sollte man nicht vergessen. Die Frage ist am Ende, wer hat die Kontrolle über den Film? Es gibt zwischen Polizei und Bürger keine Extremsituation, die ganz eindeutig wäre, es gibt immer subjektive Momente.

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SZ vom 09.07.2016/kat
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