Verhalten bei Gewitter Zorn der Götter

Der Himmel zieht sich zu, es stürmt und blitzt und donnert. Gewitter sind keine Seltenheit in diesen Tagen. Was tun, wenn man draußen von einem Unwetter überrascht wird? Die richtigen Verhaltensweisen bei Gewitter.

Von Merle Sievers

Ein Blick nach oben verheißt nichts Gutes. Dunkle Wolken ziehen auf, die Luft ist schwül und erste Blitze zucken über den Himmel - ein Gewitter ist im Anmarsch. Noch vor wenigen Jahrhunderten dachten die Menschen dann, die Welt würde untergehen. Sie hätten den Zorn der Götter auf sich gelenkt und würden nun für ihre Sünden bestraft. Nicht umsonst ist der Blitz die wichtigste Waffe des Göttervaters Zeus.

Heute wissen wir es zum Glück besser. Bei einem Gewitter trifft eine Warmfront auf eine Kaltfront und die daraus entstehenden elektrischen Spannungen entladen sich in Form von Blitz und Donner auf der Erde. Wenn Luftfeuchtigkeit und Luftverwirbelungen dazukommen, ist das Unwetter perfekt. Eine logische, meteorologische Erscheinung also. Trotzdem melden sich bei Gewitter unsere Urinstinkte: Wir haben Angst vor dem, was sich da über unseren Köpfen abspielt und suchen Schutz. Je nachdem, wo wir uns gerade aufhalten, kann das allerdings zum Problem werden.

Um einzuschätzen, wie weit das Gewitter noch vom eigenen Aufenthaltsort entfernt ist, sollte man die Sekunden zwischen Blitz und Donner zählen. Eine einfache Faustregel: Sobald man es überhaupt donnern hört, ist das Unwetter etwas weniger als zehn Kilometer entfernt. Um die Entfernung etwas genauer auszurechnen, teilt man die Sekundenanzahl zwischen Blitz und Donner durch drei. Die entstandene Zahl gibt in etwa die Kilometer an, die das Gewitter noch entfernt ist. Also wenn man nach dem Blitz beispielsweise 15 Sekunden bis zum Donner zählt, ist das Gewitter noch fünf Kilometer von einem selbst entfernt (Rechnung: 15 : 3 = 5). Liegen zwischen Blitz und Donner nur noch drei Sekunden, ist das Unwetter in der unmittelbaren Umgebung angekommen. Aber was macht man, wenn es soweit ist? Über richtiges Verhalten bei Gewitter kursieren viele Mythen. Einige davon sind wahr, andere sind grober Unfug. Eine Übersicht.

Der Abstand zum nächsten Baum sollte bei Gewitter mindestens zehn Meter betragen. (Quelle: VDE)

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  • In den eigenen vier Wänden fühlt man sich bei Gewitter oft am sichersten. Wenn das Haus einen Blitzableiter hat, besteht auch kein Grund zu Sorge. Ist das aber nicht der Fall, sollte man einige Vorsichtsmaßnahmen befolgen. Zum Beispiel den Kontakt mit allen metallenen Leitungen meiden, die von außen ins Haus führen: Also Gas-, Strom-, oder Telefonleitungen nicht benutzen. Außerdem sollte man mit dem Baden und Duschen warten, bis das Gewitter vorüber ist. Denn: Auch Wasserrohre leiten Blitzstrom weiter. Ein Mythos ist im Übrigen, dass man nicht mit Handys oder schnurlosen Telefonen telefonieren soll, weil die Funkwellen angeblich Blitze anziehen. "Das ist völliger Schwachsinn", sagt der Blitzforscher Ullrich Finke. "Sie sind viel zu schwach, um Einfluss zu haben."
  • Wenn man sich während eines Gewitters im Freien aufhält und keinerlei Möglichkeiten hat, irgendwo Schutz zu suchen, sollte man vor allem auf eines achten: Nicht den höchsten Punkt im Gelände zu bilden, denn ein Blitz sucht sich immer den höchsten Gegenstand in seiner Umgebung aus. Am besten sucht man sich also eine Mulde im Boden und geht in der Vertiefung mit geschlossenen Füßen in die Hocke, empfiehlt der Verband für Elektrotechnik (VDE). Das alte Sprichwort "Buchen sollst du suchen, Eichen sollst du weichen" ist im Übrigen kein guter Ratschlag. Blitze schlagen häufig in Bäume ein, da diese oft den höchsten Punkt in der Umgebung bilden. Dem Blitz ist es dabei herzlich egal, ob es sich bei seinem Zielobjekt um eine Eiche oder eine Buche handelt. Zu Bäumen sollte man bei Gewitter daher einen Abstand von mindestens zehn Metern halten. Von anderen Menschen sollte man sich mindestens einen, besser drei, Meter entfernt halten.
  • Ein anderer Mythos besagt, dass das Auto bei Gewitter der sicherste Ort ist. "Das stimmt tatsächlich", sagt Thomas Raphael, Blitzschutzexperte vom VDE. Die Metallkarosserie bildet einen sogenannten Faradayschen Käfig. Der Blitz fließt also im Falle eines Einschlags außen um den Wagen herum und wird zur Erde hin abgeleitet. Die Menschen im Inneren des Autos sind sicher. "Wer also beispielsweise beim Campen von einem Gewitter überrascht wird, der sollte sich nicht auf seine Zeltstangen verlassen, sondern den Nachbarn fragen, ob man vielleicht ein Stündchen bei ihm mit im Auto sitzen könnte", rät der Experte. Außer natürlich, der Nachbar besitzt ein Cabrio. Das schützt die Insassen deutlich weniger.
  • Fahrrad- und Motorradfahrer sollten ihre Fahrt für die Dauer eines Gewitters in jedem Fall unterbrechen und ein schützendes Gebäude aufsuchen. Falls das nicht möglich ist, sollten sie von ihrem Fahrzeug absteigen und mindestens drei Meter davon entfernt in die Hocke gehen, möglichst auf Asphalt.
  • Wer bei einer Bergtour von einem Gewitter überrascht wird und sich nicht rechtzeitig auf eine Hütte retten kann, der sollte Schutz am Fuße einer Felswand suchen. "Bei einem Abstand von zirka einem Meter sind Wanderer relativ gut vor Blitzeinschlägen geschützt", sagt Raphael. Dennoch sollten sie sich nicht in großen Gruppen aufhalten, sich nicht gegenseitig anfassen und die Beine geschlossen halten, um gegebenenfalls elektrische Spannung nicht aufeinenader zu übertragen.
  • Die gefährlichste Umgebung, in der man sich während eines Gewitters befinden kann, ist auf dem offenen Wasser. Der Blitzexperte warnt: "Schwimmen ist bei Gewitter lebensgefährlich! Denn auch wenn ein Blitz in 100 Metern Entfernung ins Wasser einschlägt, wird der Strom weitergeleitet und kann den ganzen Körper eines Schwimmers erfassen." Bei Gewitter sollten Wassersportler daher so schnell wie möglich den Weg zurück ans Ufer finden. Segler sollten sich auf ihrem Boot so klein wie möglich machen und sich von Metallketten und Segelstangen fernhalten.