Süddeutsche Zeitung

Vergewaltigung:Die 7 wichtigsten Fakten zu sexueller Gewalt

Lesezeit: 8 min

Die wenigsten Vergewaltigungen werden angezeigt, und meist ist der Täter kein Unbekannter.

Von Elisa Britzelmeier

Wenn von Opfern sexueller Gewalt gesprochen wird, dann sind meist Frauen wie Nina F. gemeint. F., 33, wird am Ende einer Partynacht in der Münchner Innenstadt vergewaltigt. Sie findet sich am frühen Morgen entblößt in einem Park wieder, neben dem Club, vor dem sie sich noch von Freunden verabschiedet hatte. Jemand muss ihr K.-o.-Tropfen ins Glas geschüttet haben. Am nächsten Tag erinnert sie sich an fast nichts, hört nicht auf zu weinen. Die Betäubungsmittel können nicht nachgewiesen werden; als ihre Schwester sie zur Polizei bringt und sie endlich untersucht wird, ist es dazu schon zu spät. Aber an ihrem Körper finden die Beamten DNA-Spuren von drei verschiedenen Männern. Zuordnen können sie diese bis heute nicht.

Auch Gabriele Liebig, 52, ist Opfer von sexueller Gewalt. Ihren echten Namen will sie nicht nennen. Ihr Fall ist sogar typischer als der von Nina F. Missbraucht als Kindergartenkind, von einem Verwandten. Vergewaltigt mit Anfang 20, von einem Mann, mit dem sie ein kurzes Verhältnis hatte. Wieder und wieder sexuell gedemütigt in der zehnjährigen Beziehung, die sie bis Mitte dreißig führt und die einmal ein ganzes Leben hätte halten sollen.

F. und Liebig sind zwei von vermutlich Hunderttausenden Frauen in Deutschland, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Auch Männer werden Opfer von Gewalt, und wahrscheinlich ist es für sie noch schwieriger, darüber zu sprechen. Aber bei den 20 Vergewaltigungen, die jeden Tag angezeigt werden, sind (aufs Jahr bezogen) sechs Prozent der Opfer männlich - und 94 Prozent weiblich. Studien zeigen: In Wirklichkeit sind es wohl sehr viel mehr Betroffene. Die sieben wichtigsten Erkenntnisse aus Umfragen und Kriminalstatistiken.

1. Gewalt gegen Frauen ist weiter verbreitet als viele denken

Jede dritte Frau in Europa hat als Erwachsene körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Das ist das Ergebnis einer EU-Studie aus dem Jahr 2014, bei der 42 000 Frauen befragt wurden. Deutschland liegt im Mittelfeld: 35 Prozent haben hier seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt, sind also geschlagen, getreten, geohrfeigt, begrapscht, genötigt oder zum Sex gezwungen worden. Eine von zwanzig Frauen wird demnach vergewaltigt, eine von zehn erlebt andere Formen sexueller Gewalt. 2004 kam eine vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) herausgegebene repräsentative Untersuchung zu noch drastischeren Zahlen: Fast jede siebte Frau in Deutschland wird demnach vergewaltigt oder sexuell genötigt.

Trotzdem sprechen die wenigsten darüber. Monika Schröttle, Professorin an der TU Dortmund, die die Studie von 2004 leitete, sagt: "Man kann im Alltag besser leben, wenn man das wegschiebt." So wie Gabriele Liebig das lange tat. Heute ist sie 52, lebt in einer Großstadt und arbeitet "in einem sozialen Beruf", genauer will sie das nicht sagen. Vor allem wegen ihres Sohnes. Er ist mittlerweile erwachsen, aber er soll nicht wissen, was ihr passiert ist. Sie wählt ihre Worte mit großer Vorsicht, im Gespräch nennt sie kaum Details. Man spürt, dass sie Angst hat, erkennbar zu sein, und zugleich, dass sie viel gelesen hat über Gewalt und deren Wirkung. Über den Missbrauch in der Kindheit spricht sie inzwischen, auch öffentlich. Aber was sie als erwachsene Frau erlebte, behält sie für sich.

Als sie anfing, den Missbrauch in ihrer Kindheit aufzuarbeiten, war ihr Sohn längst geboren. Dabei realisierte sie, wie stark ihre eigene Beziehung von Gewalt geprägt war, wie oft ihr Mann sie manipulierte, sie in Situationen brachte, die ihr ausweglos schienen.

"Ich fühlte mich von Anfang an nicht wohl, aber ich dachte, ich müsse das akzeptieren", sagt sie heute. Nach außen wirkte ihr Mann ganz normal, liebenswürdig, er führte "ein absolut durchschnittliches Leben". Aber er wurde grob, wenn es um Sex ging. "Es war sein Muster, Sexualität zu leben. Als würde man einen ganz üblen Pornofilm nachspielen, mitsamt aller Gewalttätigkeit und Demütigung, gegen meinen Willen", sagt Liebig. "Er bekam gar nicht richtig mit, was er da tat."

2. Nur die wenigsten Vergewaltigungen werden erfasst

Angezeigt hat Gabriele Liebig ihren Partner nie. "Mir erschien das sinnlos, damals", sagt sie. Nur 15 Prozent der Frauen in Deutschland gehen der EU-Studie zufolge zur Polizei, wenn ihr Partner gewalttätig wird; 17 Prozent sind es, wenn sie nicht mit dem Täter zusammen sind. Bei vielen Frauen ist Scham der Grund. Einige rechnen sich nur geringe Erfolgschancen aus, andere sagen, sie hätten selbst eine Lösung gefunden oder wollten alleine zurechtkommen.

Offizielle Kriminalstatistiken sind also nur ein Anhaltspunkt - dort kann nur erfasst werden, was auch angezeigt wird. Immer wieder führt die Polizei deswegen Befragungen der Bürgerinnen und Bürger durch, um die Diskrepanz zwischen tatsächlich stattgefundenen und polizeilich erfassten Straftaten zu erfassen. Solche Dunkelfeldstudien wurden für das Jahr 2014 in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern erstellt. Das Ergebnis: Bei den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ist die Dunkelziffer erschreckend hoch.

Zum Vergleich: In Niedersachsen wurden 2014 etwa sieben Prozent der Sexualdelikte angezeigt - aber 94 Prozent der Autodiebstähle.

3. In den meisten Fällen kennen sich Opfer und Täter

77 Prozent der von sexueller Gewalt betroffenen Frauen sagten in der EU-Umfrage, der Täter sei ihnen bekannt gewesen. Mehr noch: Oft sind sie sogar, wie Gabriele Liebig, mit ihm zusammen oder verheiratet. Viele Opfer wollen ihre Familie oder ihr soziales Umfeld schützen, einige gestehen sich selbst nicht ein, dass ihnen Straftaten angetan wurden. "Gerade bei Partnergewalt versuchen Frauen, die Vorfälle nicht als Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung abzuspeichern. Fragt man sie dann aber, ob sie erzwungene oder ungewollte sexuelle Handlungen erlebt haben, sagen sehr viele ja", sagt die Sozialwissenschaftlerin Schröttle.

Meistens ist es also nicht so, dass der Vergewaltiger im dunklen Parkhaus einem willkürlichen Opfer auflauert, sondern es ist zum Beispiel der Partner, ein Freund, eine Bekanntschaft aus dem Club, zu Hause, in der eigenen Wohnung. Von den 7345 Vergewaltigungen, die im Jahr 2014 bei der Polizei angezeigt wurden, spielte sich gerade einmal ein Fünftel überfallartig in der Öffentlichkeit ab.

Nina F. war insofern eine Ausnahme, aber sie fühlt sich nicht als solche. In ihrem Bekanntenkreis vermuten viele, schon einmal K.-o.-Tropfen erwischt zu haben, auch Männer. Nur: Meistens ging es gut aus, sie waren benommen, wie gelähmt, Freunde brachten sie aber einfach nach Hause. "Die Polizei bekommt so was ja gar nicht mit. Deswegen wollten mir die Beamten erst einmal weismachen, K.-o.-Tropfen seien ein reines Medien-Phänomen. Sie sagten, ich hätte wohl einfach nur zu viel gesoffen", erzählt F. Dabei kannte sie ihre Grenzen, sie geht öfter feiern, und früher war sie auch gerne alleine unterwegs. Sie sagt das mit fester Stimme, und so, als hätte sie es schon oft betont. Sie sagt aber auch: "Frauen können nicht alleine weggehen, einfach nur, weil sie Frauen sind."

Welche Frauen es trifft - und wie man Täter erkennen kann

4. Sexuelle Gewalt trifft unterschiedliche Frauen - unabhängig von Alter oder Bildung

Sexuelle Gewalt passiert jeden Tag und es kann jede Frau treffen. Die Gefahr sinkt zwar mit dem Alter - aber nicht besonders stark. Vor allem, wenn der Täter der eigene Partner ist.

Auch andere Merkmale wie Bildungsgrad, Einkommen, Beruf oder Wohnort haben für Frauen wenig Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, zum Opfer zu werden.

Überraschend ist ein weiterer Befund: Frauen mit höherer Bildung geben häufiger an, sexuelle Gewalt zu erfahren, und Frauen in Führungspositionen sprechen öfter davon, sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Das könnte daran liegen, dass sie eher potenziell gefährlichen Situationen ausgesetzt sind, etwa Geschäftsreisen. Gleichzeitig, sagt die Wissenschaftlerin Schröttle, ist es womöglich aber auch so: Frauen mit höherer Bildung sind eher sensibilisiert, können entsprechende Erlebnisse vielleicht eher reflektieren und deshalb eher darüber sprechen.

5. Vergewaltiger gibt es in allen sozialen Schichten

Ähnlich wie bei den Opfern lässt sich auch bei den Tätern kein entscheidendes Merkmal festmachen. Vergewaltiger gibt es in allen sozialen Schichten und allen Bevölkerungsgruppen. "Sexualstraftäter sind nicht anders als alle anderen Menschen, und sie sind auch nicht alle pathologische Persönlichkeiten", sagt Monika Schröttle. "Man erkennt sie nicht, und das ist nicht beruhigend." Was es durchaus gibt, sind Verhaltensmuster. Doch die zu erforschen, ist schwierig. "Gewalttäter orientieren sich oft an traditionellen Bildern von Männlichkeit", sagt die Soziologin."Viele sind narzisstisch. Aber das sind zum Beispiel auch viele Chefs."

Die Täter, halten die Forscher der EU-Untersuchung fest, sind in 98 Prozent der Fälle Männer. "Trotzdem: Es ist nicht richtig, alle Männer unter Generalverdacht zu stellen. Denn die Mehrheit wird ja nicht zum Täter", sagt Monika Schröttle.

6. Von sexueller Belästigung zu sexueller Gewalt ist es nicht weit

Am häufigsten kommen Übergriffe vor, die nicht strafrechtlich relevant sind. Jede zweite Frau wurde schon mindestens einmal sexuell belästigt. Das heißt: Ihr wiederholtes Nein zu einem Date wurde nicht akzeptiert, sie wurde mit anzüglichen Witzen bedacht, angestarrt, bekam ohne Aufforderung Nacktbilder geschickt oder wurde gegen ihren Willen angefasst. Die EU-Untersuchung ergab: In einer Gesellschaft mit vielen Fällen sexueller Belästigung gibt es auch viele Vergewaltigungen, in Schweden etwa sind beide Werte hoch. "Die Übergänge sind fließend", sagt Monika Schröttle, "im öffentlichen Raum, aber vor allem innerhalb von Paarbeziehungen."

In Gesellschaften, in denen obszöne, beleidigende Kommentare toleriert werden, kommt es also wahrscheinlich häufiger zu sexueller Gewalt. Andererseits könnte die Korrelation von Belästigung und Gewalt auch so zusammenhängen: Es ist einfacher, von schweren Übergriffen in einer Beziehung oder im Freundeskreis zu berichten, wenn in der Gesellschaft ohnehin bereits kritisch über das Thema Belästigung gesprochen wird.

Gabriele Liebig findet, dass sich einiges gebessert hat, seit sie Anfang 20 war, seit der Zeit also, als der Mann sie vergewaltigte, mit dem sie damals kurzzeitig zusammen war. Zwar wird sexuelle Gewalt immer noch tabuisiert. "Aber so massiv, wie wir das vor dreißig Jahren erlebt haben, ist es nicht mehr", sagt sie. "Damals waren die Männer noch deutlicher dem Zwang ausgesetzt, immer stark zu sein. Anmache und Abwertung waren üblich, und über Sexualität konnte man gar nicht sprechen oder nur anzüglich." Was ihr passierte, erzählte sie niemandem. "Das hätte sofort im gemeinsamen Freundeskreis die Runde gemacht." Liebig ist sich sicher, dass niemand sich auf ihre Seite gestellt hätte. Nicht einmal die Frauen.

7. Sexueller Missbrauch in der Kindheit erhöht die Wahrscheinlichkeit, wieder Opfer zu werden

Etwa ein Drittel der Frauen, die als Erwachsene in einer Beziehung zum Opfer sexueller Gewalt werden, haben auch als Kinder schon sexuelle Gewalt erlebt. So wie Gabriele Liebig. Gerade weil sie im Vorschulalter missbraucht wurde, war sie sich sicher, keinen Mann lange bei sich halten zu können. Sie sei in ihrer Partnerwahl "eingeschränkt" gewesen, sagt sie. Immer wieder scheiterten ihre Beziehungen, sie hatte das Gefühl, keine wirkliche Nähe zuzulassen, keine "Heimeligkeit" herstellen zu können. Dabei wollte sie unbedingt Kinder haben. Und zugleich wusste sie, dass sie aus gesundheitlichen Gründen weniger Zeit hatte als andere. "Weil ich so unter Druck stand, einen Partner zu finden, war ich weniger kritisch, als ich es heute wäre", sagt sie. Und man müsse es ja auch so sehen: Über so etwas wie Einvernehmlichkeit sprach man früher nicht, Gewalt in einer Beziehung war lange gesellschaftskonform.

"Frauen mit Gewalterfahrungen in der Kindheit haben im Erwachsenenalter dann meist Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen", sagt Monika Schröttle, wobei klar sein müsse, dass die Frauen deshalb mitnichten selbst schuld sind. "Täter scheinen sich diese Frauen und ihre Unsicherheit geradezu auszusuchen."

Nach und nach erfuhr Liebig, dass auch ihr Mann als Kind sexuell missbraucht wurde, von einer Frau. Für sie ist das der Grund, dass Sexualität mit ihm sich immer anfühlte wie eine Nötigung. Die Gesellschaft, sagt sie, müsse endlich begreifen, dass Männer auch Opfer sein können.

Betroffene sagen: Wer als kleiner Junge missbraucht oder misshandelt wird, der wird als Erwachsener eher zum Täter. Soziologin Monika Schröttle sagt: So genau wisse man das nicht. Es gebe zahlreiche Gegenbeispiele, und noch lange ist nicht alles erforscht. "Aber man sieht durchaus Tendenzen in der Sozialisation, die Jungen das Gefühl geben: Du darfst auf keinen Fall Opfer bleiben. Sonst bist du kein richtiger Mann."

Die Männer, die Nina F. beim Weggehen überfielen, wurden nie gefunden. Die Männer, die Gabriele Liebig wieder und wieder Gewalt zufügten, wurden nie angezeigt. Beide können über ihre Erlebnisse heute reden. Aber sie sind nur zwei von vielen.

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