Vergewaltigung Welche Frauen es trifft - und wie man Täter erkennen kann

4. Sexuelle Gewalt trifft unterschiedliche Frauen - unabhängig von Alter oder Bildung

Sexuelle Gewalt passiert jeden Tag und es kann jede Frau treffen. Die Gefahr sinkt zwar mit dem Alter - aber nicht besonders stark. Vor allem, wenn der Täter der eigene Partner ist.

Auch andere Merkmale wie Bildungsgrad, Einkommen, Beruf oder Wohnort haben für Frauen wenig Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, zum Opfer zu werden.

Überraschend ist ein weiterer Befund: Frauen mit höherer Bildung geben häufiger an, sexuelle Gewalt zu erfahren, und Frauen in Führungspositionen sprechen öfter davon, sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Das könnte daran liegen, dass sie eher potenziell gefährlichen Situationen ausgesetzt sind, etwa Geschäftsreisen. Gleichzeitig, sagt die Wissenschaftlerin Schröttle, ist es womöglich aber auch so: Frauen mit höherer Bildung sind eher sensibilisiert, können entsprechende Erlebnisse vielleicht eher reflektieren und deshalb eher darüber sprechen.

5. Vergewaltiger gibt es in allen sozialen Schichten

Ähnlich wie bei den Opfern lässt sich auch bei den Tätern kein entscheidendes Merkmal festmachen. Vergewaltiger gibt es in allen sozialen Schichten und allen Bevölkerungsgruppen. "Sexualstraftäter sind nicht anders als alle anderen Menschen, und sie sind auch nicht alle pathologische Persönlichkeiten", sagt Monika Schröttle. "Man erkennt sie nicht, und das ist nicht beruhigend." Was es durchaus gibt, sind Verhaltensmuster. Doch die zu erforschen, ist schwierig. "Gewalttäter orientieren sich oft an traditionellen Bildern von Männlichkeit", sagt die Soziologin."Viele sind narzisstisch. Aber das sind zum Beispiel auch viele Chefs."

Die Täter, halten die Forscher der EU-Untersuchung fest, sind in 98 Prozent der Fälle Männer. "Trotzdem: Es ist nicht richtig, alle Männer unter Generalverdacht zu stellen. Denn die Mehrheit wird ja nicht zum Täter", sagt Monika Schröttle.

6. Von sexueller Belästigung zu sexueller Gewalt ist es nicht weit

Am häufigsten kommen Übergriffe vor, die nicht strafrechtlich relevant sind. Jede zweite Frau wurde schon mindestens einmal sexuell belästigt. Das heißt: Ihr wiederholtes Nein zu einem Date wurde nicht akzeptiert, sie wurde mit anzüglichen Witzen bedacht, angestarrt, bekam ohne Aufforderung Nacktbilder geschickt oder wurde gegen ihren Willen angefasst. Die EU-Untersuchung ergab: In einer Gesellschaft mit vielen Fällen sexueller Belästigung gibt es auch viele Vergewaltigungen, in Schweden etwa sind beide Werte hoch. "Die Übergänge sind fließend", sagt Monika Schröttle, "im öffentlichen Raum, aber vor allem innerhalb von Paarbeziehungen."

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In Gesellschaften, in denen obszöne, beleidigende Kommentare toleriert werden, kommt es also wahrscheinlich häufiger zu sexueller Gewalt. Andererseits könnte die Korrelation von Belästigung und Gewalt auch so zusammenhängen: Es ist einfacher, von schweren Übergriffen in einer Beziehung oder im Freundeskreis zu berichten, wenn in der Gesellschaft ohnehin bereits kritisch über das Thema Belästigung gesprochen wird.

Gabriele Liebig findet, dass sich einiges gebessert hat, seit sie Anfang 20 war, seit der Zeit also, als der Mann sie vergewaltigte, mit dem sie damals kurzzeitig zusammen war. Zwar wird sexuelle Gewalt immer noch tabuisiert. "Aber so massiv, wie wir das vor dreißig Jahren erlebt haben, ist es nicht mehr", sagt sie. "Damals waren die Männer noch deutlicher dem Zwang ausgesetzt, immer stark zu sein. Anmache und Abwertung waren üblich, und über Sexualität konnte man gar nicht sprechen oder nur anzüglich." Was ihr passierte, erzählte sie niemandem. "Das hätte sofort im gemeinsamen Freundeskreis die Runde gemacht." Liebig ist sich sicher, dass niemand sich auf ihre Seite gestellt hätte. Nicht einmal die Frauen.

7. Sexueller Missbrauch in der Kindheit erhöht die Wahrscheinlichkeit, wieder Opfer zu werden

Etwa ein Drittel der Frauen, die als Erwachsene in einer Beziehung zum Opfer sexueller Gewalt werden, haben auch als Kinder schon sexuelle Gewalt erlebt. So wie Gabriele Liebig. Gerade weil sie im Vorschulalter missbraucht wurde, war sie sich sicher, keinen Mann lange bei sich halten zu können. Sie sei in ihrer Partnerwahl "eingeschränkt" gewesen, sagt sie. Immer wieder scheiterten ihre Beziehungen, sie hatte das Gefühl, keine wirkliche Nähe zuzulassen, keine "Heimeligkeit" herstellen zu können. Dabei wollte sie unbedingt Kinder haben. Und zugleich wusste sie, dass sie aus gesundheitlichen Gründen weniger Zeit hatte als andere. "Weil ich so unter Druck stand, einen Partner zu finden, war ich weniger kritisch, als ich es heute wäre", sagt sie. Und man müsse es ja auch so sehen: Über so etwas wie Einvernehmlichkeit sprach man früher nicht, Gewalt in einer Beziehung war lange gesellschaftskonform.

"Frauen mit Gewalterfahrungen in der Kindheit haben im Erwachsenenalter dann meist Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen", sagt Monika Schröttle, wobei klar sein müsse, dass die Frauen deshalb mitnichten selbst schuld sind. "Täter scheinen sich diese Frauen und ihre Unsicherheit geradezu auszusuchen."

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Nach und nach erfuhr Liebig, dass auch ihr Mann als Kind sexuell missbraucht wurde, von einer Frau. Für sie ist das der Grund, dass Sexualität mit ihm sich immer anfühlte wie eine Nötigung. Die Gesellschaft, sagt sie, müsse endlich begreifen, dass Männer auch Opfer sein können.

Betroffene sagen: Wer als kleiner Junge missbraucht oder misshandelt wird, der wird als Erwachsener eher zum Täter. Soziologin Monika Schröttle sagt: So genau wisse man das nicht. Es gebe zahlreiche Gegenbeispiele, und noch lange ist nicht alles erforscht. "Aber man sieht durchaus Tendenzen in der Sozialisation, die Jungen das Gefühl geben: Du darfst auf keinen Fall Opfer bleiben. Sonst bist du kein richtiger Mann."

Die Männer, die Nina F. beim Weggehen überfielen, wurden nie gefunden. Die Männer, die Gabriele Liebig wieder und wieder Gewalt zufügten, wurden nie angezeigt. Beide können über ihre Erlebnisse heute reden. Aber sie sind nur zwei von vielen.

"Wie viel Gleichberechtigung brauchen wir noch?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.