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Berlin:Mutmaßlicher Vergewaltiger ging mit massiver Gewalt vor

Der in Berlin und Brandenburg gesuchte Serienvergewaltiger soll seine Opfer unter anderem gewürgt haben. Nur Stunden vor der Festnahme soll er erneut einer Frau sexuelle Gewalt angetan haben.

Von Jan Heidtmann, Berlin

Es hatte sich eine Sphäre der Unsicherheit und der Bedrohung über den Süden Berlins gelegt. Über die ausgedehnten Waldgebiete, rund um die vielen Seen, die über den Wannsee und Potsdam tief hinein nach Brandenburg reichen. Eine Gegend für die sogenannte Naherholung, für Spaziergänge und zum Joggen. Doch seit Mitte vergangenen Monats war da auch immer Angst mit dabei. Fünf Frauen waren seit dem 12. Juni im Berliner Grunewald sexuell attackiert worden, in fast allen Fällen kam es zu einer Vergewaltigung.

Dasselbe war im brandenburgischen Kleinmachnow bei Potsdam und in Bernau nordöstlich von Berlin geschehen. Nach einer weiteren Vergewaltigung bei Potsdam gelang es der Polizei am Dienstagabend nun, den mutmaßlichen Täter zu stellen. Die Ermittler nahmen von dem 29 Jahre alten Mann unter anderem Fingerabdrücke und DNA-Proben. Am Mittwoch teilte Oberstaatsanwalt Georg Bauer mit, das der Verdächtige nun einem Haftrichter vorgeführt werde. Bei den ihm zur Last gelegten acht Sexualverbrechen gehe es bei drei Taten um besonders schwere Fälle, eines der Opfer sei minderjährig. Bauer sprach von einem "Ermittlungserfolg" der Polizei, die Serie von Vergewaltigungen sei aufgeklärt.

Der Täter sei mit massiver Gewalt gegen die Frauen vorgegangen, sagte Ermittlerin Nora Schürmann vom Landeskriminalamt. Er habe die Opfer zunächst ganz freundlich angesprochen, immer zu belebter Zeit. Danach habe er sie mit Gewalt gepackt und gewürgt. Die Opfer seien vom Weg weggezerrt und in entlegenere Gebiete gebracht worden. Nach der Vergewaltigung habe er eine andere Seite gezeigt, sich um sie gekümmert und sogar versucht, sich mit ihnen für den nächsten Tag zu verabreden.

Joggerin stand unter Schock

Im jüngsten Fall war nach Angaben der Polizei eine Passantin am Dienstagvormittag in einem Waldgebiet in Potsdam auf eine junge Frau getroffen, die offenbar unter Schock stand. Sie war beim Joggen, als sie ein Mann auf Englisch angesprochen und nach dem Weg gefragt habe. Daraufhin zerrte er sie in ein Gebüsch und vergewaltigte sie. Die Passantin alarmierte sofort die Polizei; die junge Frau kam in ein Krankenhaus.

Den Beamten fiel in der Nähe des Tatorts ein Fahrradfahrer auf, der, als er die Polizisten sah, zu Fuß in den Wald floh und entkam. Selbst einige Warnschüsse in die Luft konnten ihn nicht stoppen. Etwa 80 Beamte aus Brandenburg, Berlin und von der Bundespolizei suchten daraufhin mögliche Fluchtwege des Täters ab, dabei wurden ein Hubschrauber, eine Drohne, Wasserschutzboote und Spürhunde eingesetzt. Nach mehreren Stunden der Suche fassten die Polizisten den Mann am Abend in der Neuen Kreisstraße in der Ortslage Kohlhasenbrück der Berliner Villengegend Wannsee. Ausschlag dafür hatte nach Auskunft der Polizei der Einsatz des Hubschraubers mit Wärmebildkamera gegeben, mit der der Verdächtige gegen 18.45 Uhr an der Grenze zwischen Brandenburg und Berlin entdeckt werden konnte.

Die Polizei in Berlin und Brandenburg war schon relativ früh von einem Serientäter ausgegangen, spätestens, nachdem eine junge Frau Ende Juni in der Nähe des ehemaligen Grenzkontrollpunktes Dreilinden vergewaltigt worden war. Besonders auffällig waren die zeitliche und örtliche Nähe der Taten, hinzu kamen die Beschreibungen des Mannes durch die Opfer und gerichtsmedizinische Untersuchungen.

Mehr als 300 Hinweise aus der Bevölkerung

Nach einem weiteren sexuellen Übergriff im brandenburgischen Bernau fand die Polizei Aufnahmen von einer Kamera am dortigen Bahnhof, die den jungen Mann zeigten und veröffentlicht wurden. Bis Anfang dieser Woche gingen mehr als 300 Hinweise bei den Ermittlern ein, so dass die Polizei den mutmaßlichen Täter identifizieren konnte. Dabei half auch ein gefundener Fingerabdruck des Mannes von einem Laubeneinbruch. So seien die Personalien des Verdächtigen erkannt worden, teilte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit. Unklar ist für die Polizei jedoch, warum er sich in Berlin aufhielt, wo er keinen Wohnsitz hat. Dennoch war er dort schon seit Ende vergangenen Jahres durch zwei andere Straftaten auffällig geworden.

Ende Juni riss die Serie von sexuellen Attacken erst einmal ab - bis zu diesem Dienstag. Dass die Polizei den Täter nun schließlich fassen konnte, ist für den Kriminologen Axel Petermann gut zu erklären. "Der Täter hat sich ja zum Weitermachen entschlossen", sagt Petermann. "Das Foto war ebenfalls bekannt und auch, dass er sich mit einem Fahrrad fortbewegt." Besonders geholfen habe aber, dass das letzte Opfer unmittelbar nach der Tat bei der Polizei gemeldet worden war.

Petermann, der bei der Kriminalpolizei in Bremen eine Abteilung für die Jagd nach Serienverbrechern aufgebaut hat, glaubt, dass der Täter weniger von Wut getrieben war, sondern durch die sexuelle Gewalt vor allem seine Macht demonstrieren wollte. Sollte sich der Gefasste als der Täter erweisen, drohen ihm nach dem Gesetz für jede der Taten fünf Jahre Haft. Die Beweislage sei gut, heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Anschließend könnte er in Sicherungsverwahrung genommen werden. Es werde jedoch auch geprüft, ob der Täter möglicherweise psychisch krank ist.

Obwohl Fälle wie diese die Öffentlichkeit immer wieder in Schrecken versetzen, hat Petermann in den 20 Jahren Arbeit als Profiler eine auch beruhigende Erfahrung gemacht: "Es scheint viel weniger Serientäter zu geben, als man ursprünglich angenommen hat."

© SZ/lot/mkoh
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