USA nach Massaker in Charleston:Roof hört eine Stunde zu, dann schießt er

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Ein anderer Freund, Dalton Tyler, erzählte, Roof habe wüst über Schwarze geschimpft und angekündigt, "einen Bürgerkrieg anzuzetteln". Tyler sagt, er habe Roof deswegen zwar "blöd" genannt und ihn für einen Rassisten gehalten, sonst aber nichts unternommen. "Ich möchte andere Leute nicht verurteilen", erklärte er. Aber vielleicht liegt genau hier das Problem - dass Rassismus in Teilen der USA, und vor allem in den Südstaaten wie South Carolina, schweigend geduldet wird oder als Kavaliersdelikt gilt. Im Laufe der Ermittlungen wird sich zeigen müssen, wie viele Menschen im Umfeld Roofs von seiner Einstellung wussten und warum niemand etwas dagegen unternommen hat.

Roof hat sich womöglich erst in jüngerer Zeit zum Rassisten gewandelt. Als seine Facebook-Seite am Donnerstagmorgen noch zugänglich war, fanden sich dort unter seinen etwa 90 Freunden viele Schwarze, womöglich frühere Klassenkameraden. Andererseits zeigte das Profilfoto Roof, wie er mit schwarzer Jacke im Wald steht und finster in die Kamera blickt. Auf seiner Jacke prangen zwei Aufnäher, die Flaggen der früheren Regime in Südafrika und Rhodesien (heute Simbabwe), die im Namen einer weißen Minderheit eine weitgehend schwarze Bevölkerung brutal unterdrückten. Die "white supremacists" in den USA, die sich den Schwarzen überlegen fühlen, halten diese einstigen Regime im Süden Afrikas für vorbildlich und betrauern bis heute deren Ende.

US-Präsident Barack Obama

"Wieder einmal werden Unschuldige getötet, weil es einem Übeltäter leichtfiel, an eine Pistole zu gelangen."

Obama spricht von "Traurigkeit und Zorn"

Am Mittwochabend erschien Roof der Polizei zufolge in der Kirche im Zentrum von Charleston, hörte eine Stunde lang zu und erschoss dann neun Menschen. Als Tatort hatte er eine der ältesten Kirchen im Süden des Landes gewählt, ein Symbol für schwarzen Widerstand gegen weiße Unterdrückung.

Inwieweit Roof auch gesundheitliche oder psychische Probleme hatte, ist noch unklar. Als ihn die Polizei einmal aus einem Einkaufszentrum entfernte, fand sie in seiner Jackentasche Suboxone, ein verschreibungspflichtiges Medikament für Abhängige von Opiaten. Roof konnte dafür kein Rezept vorlegen.

Aktuelles Lexikon: Hate Crime

"Angeklagter! Warum haben sie den Mann verprügelt?" In Deutschland ist es juristisch günstiger, auf diese Frage zu antworten: "Weil er ein Ausländer ist" als: "Er wollte mir sein Handy nicht geben". Ist eine Gewalttat von rassistischen Motiven angetrieben, ändert sich am Tatbestand der Körperverletzung nichts, es bleibt bei einer Mindeststrafe von nur fünf Tagessätzen Geldstrafe. Das Motiv Habgier hingegen wiegt im deutschen Strafgesetzbuch schwer, aus der Körperverletzung wird sofort der Tatbestand des Raubes, die Mindeststrafe steigt auf ein Jahr Haft. Manche halten das für ungerecht, besonders im Vergleich zu den USA, wo sogenannte Hate Crimes (Verbrechen, die aus Hass gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen begangen werden) als eigenes, schweres Delikt gelten. Den Attentäter von Charleston, der am Mittwochabend sechs schwarze Frauen und drei Männer in einer Kirche erschossen hat, erwartet ein Prozess nach diesem scharfem Recht. Der Bundestag hat im Mai beschlossen, einen kleinen Schritt in amerikanischer Richtung zu gehen: Deutsche Richter werden künftig durch eine Ergänzung im Strafzumessungsparagrafen 46 aufgefordert, "rassistische, fremdenfeindliche oder sonstige menschenverachtende" Motive besonders zu berücksichtigen. Wie sie das tun, ist ihnen aber freigestellt. Ronen Steinke

Was auch immer seinen Hass auslöste oder befeuerte: Roof gehört mutmaßlich zu einer gewalttätigen Minderheit, die so genannte Hate Crimes begeht, also Personen angreift, nur weil sie zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe gehören. Einer Statistik der Bundespolizei FBI zufolge sind die Opfer solcher Verbrechen in 33 Prozent der Fälle, und damit überdurchschnittlich oft, schwarze Menschen. Die zweitgrößte Gruppe besteht mit 20 Prozent aus Homosexuellen. Es folgen Weiße und Juden mit je zehn, Hispanics mit sechs und Muslime mit zwei Prozent.

Der Massenmord in Charleston hat auch die - vorhersehbar folgenlose - Debatte über Amerikas Waffen neu belebt. US-Präsident Barack Obama erklärte im Weißen Haus, er verspüre "Traurigkeit und Zorn" ob der Gewalt. Angesichts der politischen Mehrheiten in Washington gab er sich allerdings nicht optimistisch, die Waffengesetze verschärfen zu können. Obama war damit bereits nach dem Schulmassaker in Newtown Ende 2012 gescheitert, als ein Amokläufer 20 Kinder und sechs Lehrkräfte erschoss. "Wieder einmal wurden Unschuldige getötet, weil es einem Übeltäter leichtfiel, an eine Pistole zu gelangen", sagte der Präsident, "irgendwann muss dieses Land zur Kenntnis nehmen, dass es diese Art von Gewalt in anderen entwickelten Ländern nicht gibt."

Die Republikaner setzen stattdessen lieber auf Abschreckung. Nikki Haley, die republikanische Gouverneurin von South Carolina, verlangte am Freitag sehr dezidiert die Todesstrafe für den Täter.

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