Verbrechen "Folgen stumpfer Gewalt"

Ort eines Verbrechens: das Haus in Bosseborn, der mit 600 Einwohnern kleinsten Ortschaft der ostwestfälischen Stadt Höxter.

(Foto: Marcel Kusch/dpa)

Über eine Partnerschaftsanzeige in der Zeitung wird eine 41-Jährige von einem Paar in ein abgelegenes Haus gelockt. Sie wird wochenlang misshandelt - und stirbt.

Von Anna Dreher und Carsten Eberts, Höxter

Das Gehöft liegt außerhalb der Stadt, den Knüllberg hinauf, durch den Wald, genau dort, wo die ersten Straßen eines Höhendorfs beginnen. Die Straße wird enger und enger, schließlich ist da der Hof, ein graues Bauernhaus, das vor sehr vielen Jahren zuletzt gestrichen wurde. Hier also soll sich eine menschliche Tragödie abgespielt haben.

Kaum vorstellbar, dass in dieser Straße im 600-Einwohner-Dorf Höxter-Bosseborn, im Weserbergland an der Grenze von Nordrhein-Westfalen zu Niedersachsen, einmal so etwas wie Leben geherrscht hat. Das Gehöft ist verrammelt, die Jalousien sind heruntergelassen. Das Garagenschloss ist kaputt, es wird von einer Kette gesichert. Im ersten Stock fehlt ein Fenster, seit Monaten schon, es wurde notdürftig mit schwarzem Tuch verhangen, der Garten ist völlig verwildert. Alle Türen, auch die der angebauten Scheune, sind mit Polizeiaufklebern versiegelt. Die Nachbarn meiden die Öffentlichkeit, meiden die Fernsehkameras, die seit Freitag da sind. Einige Reporter klingeln an Türen, befragen verunsicherte Anwohner. Doch man muss nicht in die Privatsphäre der Leute eindringen, um die Dimension des Verbrechens erahnen zu können.

Der "Horrorhof von Höxter", so wird wird das Haus in den Boulevardmedien genannt. Ein geschiedenes Paar, Frau und Mann, soll hier eine 41-Jährige wochenlang gefangen gehalten und misshandelt haben. Im Februar hatte die Frau auf das Kontaktgesuch des 46-jährigen Mannes geantwortet, in dem er eine "Frau für eine feste Beziehung" suchte, berichtet die Staatsanwaltschaft. Sie lernten sich kennen, nach kurzer Zeit zog die Frau Anfang März aus ihrer Wohnung im niedersächsischen Bad Gandersheim zu ihm. Da nahm das Grauen wohl seinen Lauf.

Das Ex-Paar habe abgeschieden gelebt, hat die Polizei erklärt. Meistens nachts verließen der 46-Jährige und die 47-Jährige das Haus, zusammen mit der Gefangenen, weil sie fürchteten, die Frau könne sonst flüchten. Anfangs soll die Frau lange Haare gehabt haben, später eine Glatze. Es ging ihr offenbar zunehmend schlechter - was genau sie in Höxten durchlebt hat, untersucht jetzt die Staatsanwaltschaft Paderborn. Die Todesursache steht bereits fest: "Nach dem Ergebnis der Obduktion ist die Frau an den Folgen stumpfer Gewalt gegen den Kopf gestorben. Zum genauen Tathergang können wir aber noch nichts sagen", berichtet Staatsanwalt Ralf Meyer am Freitag. Als stumpfe Gewalt werden zum Beispiel Schläge bezeichnet. Hinweise auf sexuellen Missbrauch gebe es nicht.

Das geschiedene Ehepaar sitzt derzeit in Untersuchungshaft in der JVA Bielefeld-Brackwede. "Beide sind am Mittwoch festgenommen worden", sagt Meyer. Zu Motiven und Aussagen der beiden Tatverdächtigen könne er aber keine Angaben machen. Gegen das Paar wurde am Freitag Haftbefehl wegen Totschlags erlassen.

Dass die Tat überhaupt publik wurde, liegt an einem Motorschaden. Nach dem bisherigen Ermittlungsstand wollte das Paar acht Tage vor seiner Festnahme die laut Ermittlungsbericht "körperlich schwer angeschlagene" Frau zurück in deren Wohnung nach Bad Gandersheim bringen. Auf dem Weg dorthin blieb jedoch das Auto wegen eines Motordefekts liegen. Die beiden sollen zunächst ein Taxi gerufen haben. Während des Wartens verschlechterte sich der Zustand der 41-Jährigen aber immer weiter. "Die Beschuldigten waren nunmehr gezwungen, wegen des schlechten Gesundheitszustandes einen Rettungswagen zu rufen", heißt es in der Mitteilung der Behörden.

Die 41-Jährige wurde von einem Notarzt in ein Krankenhaus nach Northeim gebracht und starb dort ungefähr zwei Stunden später am Morgen des 22. April. Die Obduktion erbrachte den Beweis für ihren gewaltsamen Tod, daraufhin wurden der 46-Jährige und seine 47-jährige Ex-Frau festgenommen und am Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt.

Auch in der Vergangenheit gab es Fälle, in denen das Kennenlernen über eine Kontaktanzeige tödlich endete. 2009 wurde ein 27-Jähriger in Essen nach dem Mord an einer 39-Jährigen zu lebenslanger Haft verurteilt; 2010 verurteilte das Landgericht Hildesheim einen Mann zu Lebenslang, er hatte eine 23-Jährige getötet. In beiden Fällen kannten sich Täter und Opfer aus einem Chat. Wie aber konnte die Gefangenschaft in Höxten so lange unerkannt bleiben? Das ist eine der vielen ungeklärten Fragen. Kontakt zu den Nachbarn soll kaum bestanden haben, man sah sich auf der Straße, mehr nicht. Gut möglich, dass keiner der Nachbarn ahnte, was sich im Keller des Bauernhauses, das sie jeden Tag aus den Fenster sahen, für ein schauerliches Drama abgespielt hat.