Berlin:Keine Anhaltspunkte für ein Motiv

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Laut Statistik werden in Berlin 90 Prozent aller Tötungsdelikte aufgeklärt. Meist besteht eine Beziehung zwischen Opfer und Täter, der Mörder von Burak Bektas jedoch hat nichts hinterlassen, außer den Projektilen seiner Munition. Die Polizei stellt Hypothesen auf: War es ein Nachbar, der sich von der Gruppe gestört fühlte? Ein Geisteskranker? Ein Neonazi? Alexander Huebner, Leiter der Mordkommission, sieht keine Anhaltspunkte für ein Motiv. "Wir haben so wenig Täterhandeln. Wo kann man da ermitteln?", fragt er.

Auch die NSU-Morde erschienen in Deutschland jahrelang mysteriös. Die Mörder hinterließen kein Bekennerschreiben, rühmten sich bis zu ihrer Selbstenttarnung am 4. November 2011 nicht mit den Taten. Die Angehörigen aber, von den Ermittlungsbehörden verdächtigt und drangsaliert, hatten die "Propaganda der Tat" verstanden: Migranten sollten in Deutschland nicht mehr ruhig schlafen können. Und auch Neonazis wussten die Taten zu lesen: Mit dem Lied "Döner-Killer" bejubelte eine Band die Morde, lange bevor sie dem NSU zugerechnet wurden.

"Nachher erst mal ZDF gucken, über den Kanaken, der hier vor der Tür abgeknallt wurde und hoffen, dass keiner brauchbare Hinweise zum Täter liefert ;)", schreibt "Kleener Krümel" im Februar 2013 auf Facebook, kurz bevor die Polizei den Täter über "Aktenzeichen XY" suchen lässt. Hinter "Kleener Krümel" verbirgt sich Mandy P., deren Freund, der Neonazi Mike S., in der Nähe der Straßenecke wohnt, an der Burak Bektas erschossen wurde.

Seyb und ihre Mitstreiter wollen nicht den selben Fehler machen

Helga Seyb hat bei der Polizei Anzeige gegen P. erstattet. Sie hat sich mit anderen Aktivisten kurz nach der Tat zur "Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak B." zusammengetan. Seyb und ihre Mitstreiter wollen nicht noch einmal die Fehler machen, die auch Linke bei den NSU-Morden machten: sich nicht interessieren, wegschauen. Stattdessen kämpfen sie dafür, dass der Fall nicht in Vergessenheit gerät, dass vor allem in Richtung rechts stärker ermittelt wird.

Für die Initiative ist der Facebook-Kommentar von P. ein Hinweis auf einen möglichen rassistischen Hintergrund des Mordes an Burak Bektas. Neben den Parallelen im Tathergang zu den NSU-Morden führen die Mitglieder auf, dass ein paar Stunden vor dem Mord in der Nähe des Tatorts Neonazis gesichtet wurden, dass in rechten Foren zu Gewalttaten aufgerufen worden war. "Aber diesen Anhaltspunkten geht die Staatsanwaltschaft nicht genügend nach", sagt Helga Seyb.

Der Kriminalist Alexander Huebner hat P. vernommen. Sie habe keinen Bezug zur Tat, sagt er. Die Mordkommission habe sich mit der Staatsschutzabteilung ausgetauscht, sagt die Staatsanwaltschaft: "Es gibt keine Hinweise, dass die Tat extremistisch oder terroristisch motiviert war."

Viele Briefe mit vielen Fragen

"Welche Erkenntnisse des Verfassungsschutzes wurden in die Ermittlungen einbezogen? Wurde ein Zusammenhang mit einer Veranstaltung zum Thema ,Rechtsextremismus' am Vorabend der Tat geprüft?" - Mehmet Daimagüler schreibt viele Briefe mit vielen Fragen an den zuständigen Staatsanwalt. Der Rechtsanwalt hat im April 2014 die Vertretung von Melek Bektas im Ermittlungsverfahren übernommen.

Daimagüler ist auch Nebenklageanwalt im Münchner NSU-Prozess. Auf seine Fragen bekommt er nur unzureichend Antworten. Er sagt, erst drei Monate nach der Tat werden in Neukölln gemeldete polizeibekannte Rechtsextreme mit Waffenschein von der Mordkommission überprüft. Er weist darauf hin, dass die Staatsschutzabteilung, zuständig für politische Straftaten, offenbar erst im November 2014 die Akten Bektas vorgelegt bekommt. "Man hat, wenn man den Akten vertrauen kann, nicht mal Neonazis in ganz Berlin überprüft, auch nicht in Brandenburg, obwohl die Landesgrenze vom Tatort nur wenige Hundert Meter entfernt liegt", sagt er. Ohne seine Briefe hätte der Staatsanwalt die Ermittlungen wohl längst eingestellt.

Jetzt nimmt sie Tabletten zum Schlafen

"Wäre der Mord nicht schon aufgeklärt, wenn es ein deutscher Junge wäre?", fragt Melek Bektas. Wie soll sie es nach den Geschichten über den NSU schaffen, nicht permanent zu denken, dass ihr Sohn aus rassistischen Motiven ermordet wurde? Das erste Jahr nach dem Mord konnte sie gar nichts tun, konnte nicht ruhen, nicht essen, nicht mehr arbeiten. Jetzt nimmt sie Tabletten zum Schlafen, macht wieder den Haushalt, kocht. Jeden Abend sitzt sie mit den beiden Kindern und ihrem Mann beim Essen. Sie schweigen und schauen auf Buraks Bild an der Wand.

Mehmet Daimagüler wird oft gefragt, welche Lehren man aus dem NSU gezogen hat. "Ich finde die Frage falsch", sagt er. Das impliziere, dass der NSU vorbei ist. "Wer sagt uns das denn? Vielleicht existiert die Gruppe noch als Idee, als eine Art Franchise für Nachahmungstaten. Wir sollten mehr Demut haben und sagen: Wir wissen es noch nicht."

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