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"Vatileaks"-Affäre:Berufung oder Begnadigung?

In den Vernehmungen und auch bei seiner Aussage am zweiten Verhandlungstag hatte der tiefgläubige "Paoletteo" gesagt, er habe die Kirche auf den rechten Weg zurückbringen wollen, nachdem er Missstände erkannt habe, die auch andere wahrgenommen hätten, er sei vom Heiligen Geist geleitet gewesen. Da es das Delikt der unbefugten Aneignung in den Gesetzen des Vatikanstaats nicht gibt, forderte Arru, das Gericht solle die Mindeststrafe für einfachen Diebstahl anwenden - das wären drei Tage gewesen. Drei Tage hat sie nun auch, um mit ihrem Mandanten zu überlegen, ob sie Berufung einlegen wollen gegen das Urteil, das Gabriele auch auferlegt, die Prozesskosten zu tragen - Höhe derzeit unbekannt.

Paolo Gabriele fühle sich nur schuldig, das Vertrauen des Heiligen Vaters missbraucht zu haben.

(Foto: AFP)

Direkt nach der vom Gerichtspräsidenten Della Torre verlesenen Entscheidung sagte Arru allerdings, "es ist ein gutes Urteil." Es liegt fast um die Hälfte unter der Strafe, die der Promotore della Giustizia verlangt hat. Die Richter haben das mit mildernden Umständen begründet: Paolo Gabriele hat keine Vorstrafen, zu seinen Gunsten wurden auch die Dienste angeführt, die er der Kirche vor den Taten geleistet hatte. Außerdem dass er, zuletzt am Urteilstag, seine Reue und Schuld für den Vertrauensbruch gegenüber Benedikt beteuert hat.

Gabriele ist im Moment der einzige, der für Vatikleaks zur Rechenschaft gezogen wurde. Das Verfahren gegen den wegen "Begünstigung" beschuldigten Claudio Sciarpelletti ist abgetrennt worden. Der Computertechniker aus dem Vatikan-Staatssekretariat hatte ein Kuvert mit Unterlagen aufbewahrt, auf dem Gabrieles Namen stand, erhalten hat er es jedoch nie. Vatikan-Sprecher Federico Lombardi sagte aber, mögliche weitere Ermittlungen seien durch das Urteil nicht ausgeschlossen. Weiterhin unbekannt ist unterdessen, was im Bericht einer unter Kirchenrecht stehenden Kardinalskommission steht, die wegen Vatileaks im Auftrag des Papstes ermittelt hat.

Gabriele wurde nach dem Urteil am Samstagmittag vom Gerichtsgebäude an der Piazza Santa Marta in der Vatikanstadt wieder in den Hausarrest in seiner Wohnung gebracht, dort wird er voraussichtlich mindestens die nächsten Tage auch bleiben. Das Gericht hat noch nicht erklärt, was mit ihm passiert. Denkbar ist, dass es die Strafe zur Bewährung aussetzt. Und falls der Ex-Kammerdiener Berufung einlegt und sie angenommen wird, könnte er bis zum Prozess in der nächsten Instanz auf freien Fuß gesetzt werden.

Kaum vorstellbar ist hingegen, dass er jemals in ein italienisches Gefängnis überstellt wird - denn dort müsste er seine Strafe absitzen, weil es im Vatikan gar keinen geeigneten Haftraum gibt. Aller Voraussicht aber wird ohnehin der Papst eingegreifen, und seinen auf Abwege geratenen Diener begnadigen, der doch aus "tief im Innersten empfundener Liebe zur Kirche und ihrem sichtbaren Oberhaupt" gehandelt haben will. Vatikansprecher Lombardi nannte eine Begnadigung jedenfalls nach dem Urteil "sehr wahrscheinlich".

© Süddeutsche.de/mahu
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