Vatikan Papst Franziskus zu Reformen bereit

In "Evangelii Gaudium" fordert Papst Franziskus umfassende Reformen.

Wie kann die katholische Kirche im 21. Jahrhundert funktionieren? Papst Franziskus hat seine Antworten auf diese Frage in einem 180 Seiten starken Schreiben veröffentlicht - und damit eine Art Regierungsprogramm vorgelegt.

In einem Grundsatzschreiben hat Papst Franziskus ein umfassendes Reformprogramm für die katholische Kirche skizziert. In dem Apostolischen Lehrschreiben "Evangelii gaudium", laut katholischer Nachrichtenagentur KNA "eine Art Regierungserklärung", fordert er eine seelsorgerische und missionarische Neuausrichtung sowie eine Kirche der Armen.

Grundsätzlich sei dafür zweierlei nötig: eine missionarische Neuausrichtung auf der einen und strukturelle Reformen auf der anderen Seite.

Die Reformen sollen auch vor seinem, dem höchsten Amt der Kirche, nicht haltmachen. Vom päpstlichen Lehramt dürfe man keine "endgültige oder vollständige Aussage zu allen Fragen" erwarten, heißt es in "Evangelii gaudium".

Es sei nicht angebracht, die Ortsbischöfe in der Bewertung aller Probleme zu vertreten. Schließlich kennen die Ortskirchen die besonderen Herausforderungen und Chancen ihres jeweiligen kulturellen Umfeldes und sollten deshalb auch am besten wissen, wie eine Neuevangelisierung in ihren Ländern aussehen könnte. Wobei natürlich die gesamte Kirche hinter jeder Methoden der einzelnen "Evangelisierer" stehen können müsse. Auch die Bischofskonferenzen sollten eine größere Rolle spielen.

Die Evangelisierung müsse auf kreative Art neu gedacht und sollte nicht mehr von einer zu großen Bürokratie und Administration gebremst werden. Auch bestünde die Gefahr des "grauen Pragmatismus des kirchlichen Alltags", einer Flucht in die "Spiritualität des Wohlbefindens" oder eine "Theologie des Wohlstands".

"In diesem Sinn spüre ich die Notwendigkeit, in einer heilsamen 'Dezentralisierung' voranzuschreiten", schreibt Franziskus. Das Papstamt müsse sich der Bedeutung annähern, die Christus ihm verleihen wollte.

Zum Selbstverständnis der Kirche fordert Franziskus - ganz auf der Linie seiner bisherigen Äußerungen - in seinem Grundsatzpapier offene Türen für alle: "Mir ist eine 'verbeulte' Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist."

In dem Grundsatzschreiben widmet sich Franziskus aus vielen verschiedenen Perspektiven der Frage, wie Kirche und Glaube im 21. Jahrhundert funktionieren können.

Laien etwa sollten eine größere Verantwortung für die Kirche übernehmen können - wobei Franziskus für die derzeitige Situation eine bisher mangelnde Ausbildung und einen "ausufernden Klerikalismus" verantwortlich macht. Ob Laien auch ein größeres Aufgabenfeld übernehmen sollten, geht daraus nicht hervor.

Auch sollte die Kirche die Räume erweitern für eine "wirksamere weibliche Gegenwart", und zwar gerade dort, wo wichtige Entscheidungen getroffen würden. Die Kirche erkenne "den unentbehrlichen Beitrag an, den die Frau in der Gesellschaft leistet, mit einem Feingefühl, einer Intuition und gewissen charakteristischen Fähigkeiten, die gewöhnlich typischer für die Frauen sind als für die Männer". Ein Beispiel sei die "besondere weibliche Aufmerksamkeit gegenüber den anderen, die sich speziell, wenn auch nicht ausschließlich, in der Mutterschaft" ausdrücke. Mehr Aufgaben sollten sie allerdings eher im Bereich der Seelsorge übernehmen können. Der Weg zum Priestertum bleibt ihnen weiterhin definitiv verwehrt.

Das ökonomische System bezeichnete der Papst erneut als ungerecht. Es töte, da in ihm das Gesetz des Stärkeren herrsche. Neben die Ausgebeuteten kämen nun auch noch jene, die ausgeschlossen, ja weggeworfen würden wie Müll. Die Welt, so kritisierte er, lebe in einer neuen Tyrannei des "vergötterten Marktes".

Allerdings sei für die Kirche "die Option für die Armen in erster Linie eine theologische Kategorie und erst an zweiter Stelle eine kulturelle, soziologische, politische oder philosophische Frage". Trotzdem könne die Kirche nicht abseits stehen, wenn es um "das Ringen nach Gerechtigkeit" geht.

Islamische Staaten fleht Franziskus in seinem Schreiben "demütig an", die Christen in ihrem Land ihre Religion frei ausüben zu lassen. Schließlich genössen die muslimischen Gläubigen in den westlichen Ländern auch Religionsfreiheit.

Letztlich ist das grundsätzliche Ziel aller Bemühungen des Papstes und der Kirche aber die Seelsorge und die Evangelisierung. Das "missionarische Handeln" sei "das Paradigma für alles Wirken", heißt es in dem Schreiben. Und der Zeitpunkt sei günstig.

(Das Apostolische Schreiben EVANGELII GAUDIUM finden Sie hier.)