Vatikan und Missbrauch Vielleicht ist es schon zu spät

Franziskus bei einer Veranstaltung der Vereinten Nationen in Rom. Der Papst will Klarheit im Umgang mit sexuellem Missbrauch schaffen, trägt mitunter aber selbst zu Verwirrung bei.

(Foto: AFP)

Mit dem Missbrauchsgipfel will Franziskus die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherstellen und Klarheit schaffen. Doch häufig ist es der Papst selbst, der mit seinen Aussagen Verwirrung stiftet.

Kommentar von Oliver Meiler, Rom

Personalentscheidungen sind selten unpolitisch, auch im Vatikan nicht. Für den wohl wichtigsten Moment in seinem Pontifikat holt der Papst seinen vertrauten früheren Sprecher zurück aus dem Ruhestand. Pater Federico Lombardi, 76 Jahre alt, ein Jesuit wie Jorge Mario Bergoglio, wird den Missbrauchsgipfel mit den Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen moderieren, der diese Woche im Vatikan stattfinden wird. Lombardi soll dafür sorgen, dass alles auf den Tisch kommt, ohne dabei die Institution zu beschädigen. Und die Bischöfe sollen danach wissen, wie sie in Zukunft mit Skandalen und Kinderschändern umzugehen haben.

Genauso wichtig ist es, dass die Welt den Eindruck gewinnt, die katholische Kirche gehe endlich mit angemessener Härte mit sich selbst ins Gericht - nach all den Jahrzehnten des Schweigens, Vertuschens, Schönredens. Der Gipfel ist eben auch das: ein Kampf um die Glaubwürdigkeit der Kirche, eine Herausforderung für die Kommunikationsabteilung, wahrscheinlich die komplizierteste, die ihr jemals erwuchs. Die gut getimte Entlassung des früheren Kardinals Theodore McCarrick, einst mächtiger Washingtoner Erzbischof, aus dem Klerikerstand ist nur ein schwaches Signal, obschon es das in dieser Form noch nie gegeben hat. McCarrick ist jetzt 88. Drei Päpsten hat er als Kardinal gedient. Er war auch noch ein Star, als seine Schwäche für junge Seminaristen vielen längst bekannt war.

Missbrauch in der katholischen Kirche Jahrtausend-Konzil im Vatikan
Prantls Blick

Jahrtausend-Konzil im Vatikan

Es reicht nicht, wenn nun die katholische Kirche für den sexuellen Missbrauch einzelne bestraft. Sie muss sich als Ganzes radikal ändern. Dazu gehört die Abschaffung des Zölibats.   Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Alles kommt spät, auch dieser Gipfel. Die Frage ist, ob sich die Schlacht um die Glaubwürdigkeit überhaupt noch gewinnen lässt. Franziskus hat in den vergangenen Jahren versucht, den vatikanischen Kommunikationsapparat zu reformieren, ja zu revolutionieren. Ziel war es, die Welt draußen vor dem dicken Gemäuer mit jener drinnen einigermaßen zu verbinden. Radio Vatikan, das Vatikanische Fernsehzentrum, der Buchverlag, die sozialen Medien, die Zeitung L' Osservatore Romano, die Onlineplattform Vatican News, der Fotodienst, das Presseamt: Der Papst versammelte alles unter einem Dach und holte viele Medienprofis. Das neu geschaffene Dikasterium für Kommunikation erhielt als Präfekten einen italienischen Journalisten. Paolo Ruffini ist kein Geistlicher, auch das hatte es noch nie gegeben. Für die publizistische Linie aller Medien ist neu Andrea Tornielli zuständig, der bisher für die Zeitung La Stampa über Vatikanisches schrieb.

Franziskus redet viel und häufig. Auch deswegen verliert sein Wort an Gewicht

Noch aber greift die Reform nicht, sie schuf bisher vor allem Konfusion und Intrigen. Vor anderthalb Monaten trat überraschend Greg Burke zurück, der amerikanische Sprecher des Papstes, von einem Tag auf den anderen. Das Presseamt des Heiligen Stuhls, Nervenzentrum und Schnittstelle zwischen der Kirchenwelt und der wirklichen Welt, hat nun einen Interimschef, von dem niemand weiß, wie lange er bleiben wird. Nicht eben ideal in diesen schwierigen Zeiten.

Natürlich trägt dieser Papst zuweilen zur Verwirrung bei. Er redet ja gerne frei von der Leber weg. Franziskus gibt auch viele Interviews. Sein Wort ist nicht so rar, wie es jenes seiner Vorgänger war, es verlor deshalb auch ein bisschen an Gewicht. Der Fauxpas zum chilenischen Missbrauchsskandal übertönt bis heute alle seine sehr dezidierten Voten zum Thema, die danach folgten. Nun also ist Padre Lombardi zurück, um dem Ganzen wieder einen festen Rahmen zu geben - so es nicht schon zu spät dafür ist.

Leserdiskussion Katholische Kirche: mehr Glaubwürdigkeit durch Missbrauchsgipfel?

Leserdiskussion

Katholische Kirche: mehr Glaubwürdigkeit durch Missbrauchsgipfel?

Alles kommt spät, auch dieser Gipfel, kommentiert SZ-Autor Oliver Meiler. Was erwarten Sie von der Veranstaltung?