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Raubtiere:Attacke von oben auf die lieben Vierbeiner

Westen, gespickt mit Nieten und Stacheln, sollen kleine Hunde vor Greifvögeln, Kojoten und anderen Raubtieren schützen.

(Foto: Jonathan Hayward/AP)

Der Weißkopfseeadler ist das allseits verehrte Wappentier der USA. Aber bei manchen Hundebesitzern wächst neuerdings die Angst vor dem Raubvogel.

Von Claus Hulverscheidt

Wahrscheinlich hat Bindi wenig Gespür für Modefragen, denn hätte sie es, wäre ihr Protestgebell wohl riesengroß: Zum breiten, schwarzen Nietenhalsband trägt die knuffige Terrierdame eine leuchtend pinke, mit spitzen metallenen Dornen gespickte Weste, dazu auf dem Rücken Dutzende knallbunte Plastikstacheln, die 20 Zentimeter gen Himmel ragen. Wenn es stimmt, dass Hunde und ihre Halter sich über die Jahre immer ähnlicher sehen, dann müsste man sich Bindis Erziehungsberechtigte als britische Punks der Siebziger Jahre vorstellen. Doch mit Rebellion hat das martialische Outfit nichts zu tun - eher schon mit Notwehr, denn das Schoßhündchen aus Anchorage im US-Bundesstaat Alaska ist mitsamt ihresgleichen ins Visier eines Heiligen geraten, eines Nationalheiligen gar: des Weißkopfseeadlers.

Wer den Bald Eagle, wie die Amerikaner ihn nennen, schon einmal hat aufsteigen und Kreise ziehen sehen, hoch oben über dem Missouri River in den Weiten Montanas etwa, den hält die Aura dieses stolzen Vogels noch lange gefangen: majestätische Anmut, gepaart mit Kraft und Wachsamkeit, Geschwindigkeit und Geschick. Viele Amerikaner sind regelrecht vernarrt in ihr allgegenwärtiges Wappentier, obwohl es von den gleichen Amerikanern durch das großflächige Versprühen des Insektizids DDT im vergangenen Jahrhundert fast ausgerottet worden wäre.

Geliebtes Wappentier und gefürchteter Jäger

Dank strengerer Umweltgesetze ist der Jäger mit dem markanten schneeweißen Kopf, den mächtigen braunen Schwingen und dem gelben Schnabel heute in vielen Regionen der USA und Kanadas wieder zu Hause. Zur Freude von Millionen - und zum Entsetzen manch direkter Nachbarn, die auch die andere Seite des Räubers erlebt haben: Auf Bauernhöfen entlang der nordamerikanischen Westküste haben Weißkopfseeadler wiederholt Hühner getötet, selbst Lämmer sollen nicht sicher vor ihnen sein. Strandgänger berichteten, wie Raubvögel Wildgänse malträtierten, auf einem belebten Golfplatz im kanadischen Vancouver zerpflückte ein Bald Eagle vor aller Augen eine Möwe.

Kein Wunder also, dass auch Katzen- und Hundebesitzer Schutz suchen - etwa bei Mark Robokoff, der in Anchorage das Tierfachgeschäft AK Bark betreibt. Er verkauft schon länger beißsichere, mit Spitznieten besetzte Westen und jenes Dornenhaartoupet, die den Pinscher, je nach Perspektive, in einen Punk oder in ein Stachelschwein verwandeln, dafür aber vor Kojoten schützen. Nun gibt es solche Protektoren auch zur Abwehr von Luftangriffen. "Raubvögel sind für kleine Tiere eine ernste Gefahr", heißt es im AK-Bark-Online-Shop. Anders als Kojoten bissen sie nicht, sondern trügen ihre Opfer in lichte Höhen und auf Nimmerwiedersehen davon. "Das ist eine schreckliche Vorstellung."

Ob Adler tatsächlich Hunde fortschleppen, ist noch nicht endgültig bewiesen, manche Experten haben da durchaus ihre Zweifel. Eine andere Gefahr dagegen ist absolut real - und sie betrifft nicht nur die lieben Vierbeiner, sondern auch deren Frauchen und Herrchen. Maureen Gordon, Organisatorin von Öko-Expeditionen in Alaska, hat mit dem amerikanischen Wappentier so ihre Erfahrungen gemacht und jüngst dem Wall Street Journal davon erzählt: "Wenn oben die Vögel fliegen, passen Sie unten bloß auf: Sie kacken."

© SZ
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