bedeckt München 22°

Brände in den USA:Eine Wand aus Feuer

Bobcat Fire Burns East Of Los Angeles

Allein in Kalifornien sind 16 000 Feuerwehrleute im Einsatz, um die Waldbrände zu bekämpfen, etwa hier, in Monrovia, einer Kleinstadt nordwestlich von Los Angeles.

(Foto: DAVID MCNEW/AFP)

Die USA werden von den schlimmsten Waldbränden seit Jahrzehnten heimgesucht. Mehr als 30 Menschen sind bislang gestorben, eine Fläche so groß wie die halbe Schweiz wurde verkohlt. Einsatzkräfte sind fassungslos.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Wer am Wochenende in Los Angeles am Strand spazieren wollte, der bekam auf sein Handy eine Warnung geschickt, lieber nicht nach draußen an die Luft zu gehen, die nicht frisch, sondern "katastrophal" und "gefährlich" sei. Wer es trotzdem wagte, der erlebte einen geradezu grotesken Anblick. Bei klarem Himmel glauben Optimisten hier sonst, über den Pazifik bis Japan sehen zu können, Realisten sprechen von immerhin noch 30 Kilometern Sichtweite - an diesem Morgen waren selbst die paar Surfer im Ozean, keine 50 Meter entfernt, kaum zu erkennen. Die Sonne wurde hinter der Aschewolke zu einem kleinen, knallroten Ball. Auf der Haut bildete sich innerhalb von nur wenigen Minuten ein Aschefilm. Es war, als würde man durch eine postapokalyptische Landschaft laufen.

Es brennt an der amerikanischen Westküste wie seit Jahrzehnten nicht, bis zum frühen Sonntagmorgen (Ortszeit) wurden 33 Tote gezählt, überwiegend in Kalifornien und Oregon, es ist davon auszugehen, dass noch mehr Menschen den Bränden zum Opfer fallen. Das National Interagency Fire Center, das die Bekämpfung der Waldbrände in den USA koordiniert, meldete am Wochenende, bislang hätten 97 größere Brände in mehreren Bundesstaaten der USA rund 20 000 Quadratkilometer Land verkohlt, das entspricht in etwa der halben Schweiz. Mehr als 29 000 Feuerwehrmänner sind derzeit im Einsatz, 16 000 davon allein in Kalifornien. Nicht zuletzt der Rauch bedroht die Gesundheit von Millionen Amerikanerinnen und Amerikanern: Die Menschen in Los Angeles klagen über Atemnot und trockene Haut, der sogenannte Air Quality Index (AQI), bei dem auf einer Skala zwischen 0 und 500 die Luftqualität bewertet wird, lag den ganzen Tag über bei mehr als 100, also im ungesunden Bereich, bisweilen überschritt er den Grenzwert 300, bei dem der Notstand ausgerufen und Hausarrest verordnet wird. Weiter nördlich, in den Städten, die näher dran sind an den Feuern, ist die Lage noch dramatischer. Dort sieht es nicht postapokalyptisch aus, sondern so, als hätte jemand das Tor zur Hölle aufgestoßen, und die Luftqualität ist erschreckend.

Der Maximalwert liegt bei 500, im Bundesstaat Oregon im Nordwesten der USA wurden Werte von mehr als 700 gemessen. Wissenschaftler sind damit nicht vertraut, sie können die gesundheitlichen Folgen für den Menschen nicht absehen. "Es gibt kaum Daten mit den Werten", sagte Mary Prunicki, die an der Stanford University zum Thema Luftverschmutzung forscht, der Los Angeles Times. Vor allem Asthmatiker und Leute mit Herzkrankheiten müssten aufpassen: "Bei diesen Werten ist die Lunge völlig außer Kontrolle." Sie hoffe, dass die Folgen ähnlich wie bei Werten von 300 seien, nur eben ein wenig extremer. Was aber, wenn diese Folgen anders sein werden? Schlimmer?

"Der Himmel ist rot - als hätte jemand eine Wand aus Feuer hochgezogen", sagt Michelle Westman am späten Samstagabend. Sie ist mit ihrem elf Jahre alten Sohn aus der Kleinstadt Duvall im Bundesstaat Washington bereits vor ein paar Tagen vor den "Pearl Hills Fires" im Osten zu ihren Eltern in die 40 Kilometer südwestlich gelegene Metropole Seattle geflohen. Sie fühlen sich sicherer dort, allerdings ist auch da die Qualität der Luft schrecklich: "Fast jedem schmerzt die Lunge, jeder Schritt ist beschwerlich." Das Wahrzeichen der Stadt, die Space Needle, ist mit Asche bedeckt und kaum zu sehen, Bürgermeisterin Jenny Durkan hat alle Strände und Parks im Stadtgebiet gesperrt. Wer drinnen bleiben kann, der möge das tun - doch das führt bereits zum nächsten Problem: Es gibt Tausende Obdachlose in Seattle, und wo sollen die hin, während der Coronavirus-Pandemie? Im Süden des Stadtzentrums wurde nun ein verlassenes Warenhaus zur Zufluchtsstätte umfunktioniert. Es ist wie immer in solchen Fällen: Die Ärmsten trifft es zuerst und mit der größten Wucht.

Massive Smoke Cloud Descends On Seattle Amid Historic Fires

Verschwunden im Rauch: Die Space Needle, das Wahrzeichen von Seattle, ist derzeit kaum zu sehen.

(Foto: Lindsey Wasson/AFP)

"Das einzige Wort, das man für die aktuelle Lage verwenden sollte: Katastrophe", sagt Chris Roberts am Telefon, und man sollte wissen, dass der Mann diesen Begriff nicht leichtfertig verwendet. Er ist zwei Jahrzehnte lang Feuerwehrmann in Kalifornien gewesen, er hat einige der schlimmsten Brände in der Geschichte des Bundesstaates bekämpft und dabei immer von jeweils "extremen Situationen" gesprochen. Er ist mittlerweile Brandschutzexperte der Football-Profiliga NFL, am Freitag ist er von Los Angeles nach San Francisco geflogen, weil die dort ansässigen 49ers am Sonntag ein Heimspiel austragen sollten. Roberts sagt: "Der Anblick beim Landeanflug war unfassbar, als wäre es ein anderer Planet." Er hat im November 2018 das sogenannte Camp Fire erlebt, den folgenschwersten Waldbrand in der Geschichte Kaliforniens. "Das hier ist was anderes", sagt er nun. "Der Himmel ist orangerot, der Boden sieht beige aus, der Himmel ist graugelb."

Auf dem Boden erlebte er genau das, worüber viele Menschen im Norden Kaliforniens berichten: Nicht nur unter freiem Himmel ist die Luft gefährlich, sondern auch drinnen. "Wir haben neben dem Stadion ein Zelt aufgebaut, darin ist mein Büro mit zwei Laptops", sagt Roberts: "Nach einer Stunde war eine zentimeterdicke Ascheschicht auf sämtlichen Geräten und Tischen." Das Erstaunliche: Die Partie sollte dennoch stattfinden, und vielleicht ist das, was ein paar Tage davor im Baseballstadion der Giants auf der nördlichen Seite der Bucht von San Francisco passierte, ein Symbol dafür, wie die USA mit Krisen wie Klimawandel, Naturkatastrophen und Coronavirus-Pandemie umgehen - draußen brennt die Welt, drinnen wird gespielt. Mit Pappkameraden als Zuschauer, weil in Corona-Zeiten ja sonst niemand in die Arenen darf.

Rot und Orange: In San Francisco ist das Ausmaß der Brände schon beim Blick in den Himmel zu sehen.

(Foto: BRITTANY HOSEA-SMALL/AFP)

Die Menschen in den USA, insbesondere an der Westküste, haben in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder erleben müssen, was zurzeit passiert: Häuser verbrennen, ganze Siedlungen werden vernichtet. In sechs Bundesstaaten werden derzeit Menschen in Sicherheit gebracht, alleine in Oregon dürften mehr als 500 000 betroffen sein. Roberts weiß aus seiner Erfahrung als Feuerwehrmann, wie knifflig das werden könnte. "Man will den Leuten zurufen: 'Das Wasser, mit dem ihr gerade eure Häuser abspritzt, wird verdunstet sein, noch bevor die Flammen das Grundstück erreichen werden'", sagt er, andererseits sei es natürlich verständlich, dass sie nicht fliehen wollten. Für viele, sagt Chris Roberts, ist ihr Haus, das Einzige, was sie haben: "Sie wissen auch nicht, wohin sie gehen sollten."

© SZ/min

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite