USA "Das hier ist Stalking auf Steroiden"

  • Eine Familie im US-Bundesstaat Utah ist seit Monaten einem extremen Fall von Stalking ausgesetzt, teilweise klingeln bis zu 20 Personen pro Tag an ihrer Haustür.
  • Die Besucher sind unter anderem Mitarbeiter von Firmen, die von einem unbekannten Täter zu dem Haus bestellt wurden.
  • Die Familie glaubt, den Täter zu kennen, bis jetzt gab es aber keine Festnahme.

Seit August vergangenen Jahres klingeln Menschen an der Haustür der Familie Gilmore, die nicht eingeladen wurden: Klempner, Baumpfleger, Mitarbeiter von Abschleppfirmen, Elektro-Dienstleister, Pizza-Lieferanten. Sie alle kommen zu dem Haus in der Stadt North Salt Lake im US-Bundesstaat Utah, weil sie jemand dorthin gerufen hat. Jemand, der es offenbar darauf abgesehen hat, die Gilmores zu zermürben, wie die Zeitung Deseret News berichtet.

Angefangen haben die Besuche demnach im vergangenen Sommer, als ein Abschleppdienst den Wagen der Familie abholen wollte. Die Gilmores wollten ihr Auto aber gar nicht loswerden. Seitdem gab es immer mehr Besuche dieser Art. Einmal sei eine Reinigungsfirma mit vier großen Lkws angereist, weil sie einen Anruf bekommen habe, dem zufolge das Haus der Gilmores überschwemmt worden sei. Teilweise seien bis zu 20 Personen pro Tag gekommen, einige davon sogar mitten in der Nacht. Dabei handle es sich nicht nur um Firmenmitarbeiter, sondern auch Kriminelle. "Sie wollen Drogen. Sie bieten Prostitution an", sagte Hausbesitzer Walt Gilmore der Zeitung. Vor ihrem Haus tauchten auch Unbekannte auf, von denen sie sich beobachtet fühlen.

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Der Schaden, der den betroffenen Firmen entstanden sei, belaufe sich der Polizei zufolge bisher auf 20 000 Dollar, umgerechnet 17 600 Euro. Stalking ist Stalking. Aber das hier ist Stalking auf Steroiden", sagte der Polizist Mitch Gwilliam der Zeitung zufolge. Walt Gilmore und seine Familie fühlen sich nicht mehr sicher. Seine Frau habe Todesangst, andere Familienmitglieder wollten das Haus nicht mehr verlassen. "Das ist sehr besorgniserregend für mich, meine Familie und die gesamte Nachbarschaft."

Der Polizei zufolge nutze der Täter ein Computerprogram, das es beinahe unmöglich macht, die Anrufe zurückzuverfolgen. Die Ermittler setzen nun eine Stimmerkennungssoftware ein, um den Täter zu identifizieren.

Die Familie ist sich allerdings schon sicher, wer hinter dem Telefon-Terror steckt. Gilmore sagte der Zeitung, die Familie kenne den Mann. Er sitze in Hawaii. Die Anrufe seien eine Racheaktion, weil die Familie nichts mit dem Mann zu tun haben wolle. Weitere Details nennt Gilmore nicht. Man habe aber bereits eine Anzeige wegen Stalkings gestellt. Für eine Festnahme reichen die Beweismittel derzeit aber nicht aus.

Inzwischen parkt ein Polizeiauto vor dem Haus der Gilmores. Zur Prävention hat die Familie außerdem ein Schild aufgestellt. Jeder, der zu dem Haus gerufen wurde, um einen Service anzubieten, solle sich bei der Polizei melden.

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