bedeckt München -2°

USA: Porno-Vorwürfe gegen Teenager:"Nichts Unrechtes getan"

Das war zu viel für Marissas Mutter. "Marissa hat nichts Unrechtes getan", sagt sie, "bis heute wissen wir nicht einmal, wer das Bild verschickt hat." Das Mädchen, das die Aufnahme vor nun bald drei Jahren gemacht hatte, ist fortgezogen. Und Marissa sagt: "Wir waren zwölf. Ich wusste doch gar nicht, was provozierend bedeutet." MaryJo Miller schaltete die Bürgerrechtsorganisation ACLU in Pittsburgh ein. Und aus der Lektion, die ein Provinzstaatsanwalt ein paar Teenagern fürs Leben erteilen wollte, ist über Nacht ein Streit um etwas geworden, was den Amerikanern hoch und heilig ist: ihre persönliche Freiheit.

"Es ist noch kein Verbrechen, wenn Jugendliche sich nackt fotografieren lassen", sagt Witold Walczak, der Rechtsberater der ACLU. Es müsse schon mehr zusammenkommen, um derlei Fotos zu Kinderpornographie zu machen. "Da hat ein Staatsanwalt das Gesetz nicht gründlich genug gelesen." Und wenn er die Mädchen in ein Erziehungsprogramm zwingen wolle, missbrauche er schlicht sein Amt. In den USA ist die Kindererziehung als Grundrecht der Eltern in der Verfassung verankert. "Da will einer die Kinder retten, indem er ihre Zukunft ruiniert." 17 Eltern fügten sich den Bedingungen des Staatsanwalts.

Klage gegen Staatsanwalt

Miller und die ACLU aber verklagten zusammen mit zwei weiteren mutigen Müttern ihrerseits den Staatsanwalt wegen Amtsmissbrauchs. Ein Bundesrichter gab ihnen recht und erließ vor ein paar Tagen eine einstweilige Verfügung. Bis auf weiteres soll Staatsanwalt Skumanick die Sache ruhen lassen. Der indes gibt nicht klein bei. Im Gegenteil, er findet, dass er den Mädchen goldene Brücken gebaut hat: "Ich hätte sie einfach festnehmen lassen können", sagt er. "Ich habe es nicht getan." Er will gegen die einstweilige Verfügung angehen.

Die Sache ist längst ein lokales Politikum geworden. Auf der Website des Wyoming County Press Examiner tragen die Leser des örtlichen Wochenblattes mittlerweile eine bittere Fehde aus. MaryJo Miller wurde dort etwa - anonym - gefragt, warum sie das Bild ihrer Tochter nicht als Poster im örtlichen Walmart-Supermarkt aufhänge, wenn es wirklich so harmlos sei. Aber auch aufmunternde Worte hat sie bekommen. Neulich lag eine Briefkarte in der Post. Eine Justizangestellte am Gericht in Tunkhannock schrieb: "MaryJo, vielen Dank, dass du dem Staatsanwalt Paroli bietest. Hunderte Frauen unterstützen dich." MaryJo sagt, dass ihr die Tränen gekommen sind, als sie die Zeilen gelesen hat.

Tatsächlich scheint der Ort tief gespalten - entlang der Linien, die ganz Amerika politisch und weltanschaulich trennen. Staatsanwalt Skumanick ist Republikaner. In diesem Jahr steht er zur Wiederwahl an - in vielen Bundesstaaten werden die örtlichen Sheriffs, Staatsanwälte und Richter gewählt. Da ist es bestimmt nicht von Schaden, wenn man sich seinen konservativen Wählern als Mann von Recht und Ordnung präsentiert. Auf der anderen Seite: Auch wenn die ACLU Überparteilichkeit für sich beansprucht, ist es schon so, dass sie meist Anliegen vertritt, die Demokraten am Herzen liegen.

Der Fall dürfte die Gemüter weiter erhitzen. Am 2. Juni will der Bundesrichter darüber entscheiden, ob der Staatsanwalt das Verfahren gegen Marissa und die anderen Mädchen weiter betreiben darf. Es wird ein ereignisreicher Monat im Leben der jungen Frau werden. Marissa ist schwanger. Genau eine Woche später, am 9. Juni, soll ihr Baby kommen.

© SZ vom 16.4.2009/vw
Zur SZ-Startseite