USA:Melania Trump - weichgezeichnet

Gesicht zu ernst, Retusche zu stark: Melania Trumps offizielles Porträtfoto als First Lady ruft ein Bataillon von Bildinterpreten auf den Plan. Aber war früher wirklich alles besser?

Von Laura Hertreiter

Melania Trump, First Lady der USA, hat jetzt also ein offizielles Porträtfoto. Das Weiße Haus veröffentlichte die Aufnahme der 46-Jährigen am Montag in Washington. Obendrein hat Melania Trump nun auch den erwartbaren Spott. Der war ihr von vornherein sicher - ganz egal, was auf dem traditionellen Bild eigentlich zu sehen ist. Der Vollständigkeit halber: Das Foto zeigt die 46-Jährige im Weißen Haus. Schwarzer Blazer, verschränkte Arme, offenes Haar.

"Die Achtzigerjahre wollen ihre First Lady zurück", titelt Stern.de, "I'm a Barbie Girl", Zeit Online, "Melania Trumps entrückter Blick nun offiziell", das Nachrichtenportal ntv. Was an dem Porträt stört? Eigentlich alles, wie eine kurze Presse- und Netzschau zeigt.

Die einen kritisieren, dass das Foto im Weißen Haus aufgenommen wurde, obwohl Melania Trump dort als erste Präsidentengattin gar nicht lebt. Die anderen stört der protzige Ring an ihrer linken Hand - angeblich ein Geschenk von Donald Trump zum zehnten Hochzeitstag, ein 25 Karat schwerer Klunker, geschätzter Wert etwa drei Millionen Dollar. Wie viel Wohltätiges man mit so viel Geld tun könnte! Wieder andere nerven Blick und Körperhaltung, womit die First Lady an eine hemdsärmelige Vorstandsvorsitzende erinnere; ihre Schminke, die sie doch bitte den Achtzigerjahren zurückgeben solle; die Farbwahl ihrer tiefschwarzen Kleider, die ihre angeblich negative Einstellung dem neuen Amt gegenüber doch recht deutlich mache.

Apropos. Melania Trump selbst, auf der Website des Weißen Hauses als "erfolgreiche Unternehmerin" vorgestellt, teilte in einem Statement zum Bild mit: "Ich fühle mich geehrt, in der Rolle der First Lady zu dienen, und freue mich darauf, in den kommenden Jahren im Namen des amerikanischen Volkes zu arbeiten."

Am häufigsten aber ist die Kritik, das Foto sei überdeutlich retuschiert, die Gesichtszüge wirkten unnatürlich puppenhaft und weichgezeichnet. "Als hätte man Vaseline über die Kameralinse geschmiert", wird in sozialen Netzwerken gewitzelt. "Die Neunzigerjahre-Fotografie ist zurück." Und: "Was für ein Photoshop-Fail!"

Ein Gesicht, das bei Männerporträts nie für Irritation sorgt

Dabei ist das Ganze doch nicht sonderlich überraschend - in Zeiten, in denen Zehnjährige Bildbearbeitungsprogramme bedienen können, Dreizehnjährige ihre Selfies mit Beauty-Filtern optimieren und jedes Werbegesicht in hochauflösender Makellosigkeit von Plakatwänden und Leinwänden strahlt. Melania Trumps Fotogesicht wirkt so wächsern, dass es kaum Zweifel an einer nachträglichen Überoptimierung zulässt; man könnte das durchaus sogar als erfrischend ehrlich werten, als Zeichen der Transparenz. Und wäre es nicht die viel größere Überraschung, hätte sich das Neunzigerjahre-Fotomodell plötzlich bodenständig-natürlich inszeniert?

Das erste offizielle Porträt der jeweiligen First Lady ist traditionell eine fürchterlich gestellte Angelegenheit - vergleichbar mit hölzerner Hochzeitsfotografie oder krampfigen Bewerbungsbildern. Bei den Aufnahmen ist grundsätzlich jede Haarsträhne in Form geföhnt, die Körperhaltung millimetergenau vorgegeben, die Mimik exakt positioniert. Es sind Bilder, auf denen Makel nichts verloren haben. Und in der Regel sehen sie allesamt nachbearbeitet aus.

Dennoch unterscheidet sich Melania Trumps Porträt deutlich von denen ihrer Vorgängerinnen, weil sie dem Betrachter das für Präsidentengattinnen übliche warmherzige Lächeln verwehrt. Michelle Obama, Laura Bush und Hillary Clinton strahlen jeweils mit angeknipster guter Laune in die Kameras, im Hintergrund sind aufwendige Blumenbouquets in schmeichelhaften Farben zu sehen.

Melania Trump hingegen hat sich im Weißen Haus vor den weißen Fensterrahmen gestellt, vor dem schon Nancy Reagan posiert hatte. Während die aber gefällig in die Linse gelächelt hatte, irritiert Melania Trump mit der Mimik von jemandem, der verzweifelt versucht, sich daran zu erinnern, wo er sein Gegenüber schon einmal gesehen hat. Ein Gesicht, das bei Männerporträts übrigens nie Irritation auslöst.

© SZ vom 05.04.2017
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB