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Waldbrände in Kalifornien:Schuld ist ausnahmsweise nicht der Mensch

Waldbrände in Kalifornien

Ein Einsatzfahrzeug fährt eine Straße im Boulder Creek entlang, solch düstere Bilder sind die Menschen in Kalifornien gewohnt.

(Foto: Marcio Jose Sanchez/dpa)

Die Menschen in Kalifornien sind, so makaber das klingen mag, mittlerweile daran gewöhnt, dass es um diese Jahreszeit zu verheerenden Bränden kommt. Doch in diesem Jahr ist vieles anders.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Ein paar Tage lang sah es so aus, als würden die Götter alles auf Kalifornien schleudern, was sie im Olymp so finden. In einem Naturspektakel epischen Ausmaßes gab es innerhalb von 72 Stunden knapp 11 000 Blitze zu bestaunen - doch sorgten die elektrostatischen Aufladungen im Himmel auf der Erde für ein Szenario aus der Hölle: Sie verursachten mehr als 650 Feuer, die sich mittlerweile zu zwei riesigen Bränden vereint haben und einen traurigen Wettbewerb veranstalten: Der LNU Lightning Complex im Norden Kaliforniens ist mit knapp 1500 Quadratkilometern der zweitgrößte Brand in der Geschichte des Bundesstaates, der SCU Lightning Complex südöstlich davon liegt knapp dahinter auf Platz drei. Mehr als 1000 Häuser sind abgebrannt, Tausende mussten evakuiert werden, bislang sind sieben Menschen gestorben.

Die Kalifornier sind, so makaber das klingen mag, mittlerweile daran gewöhnt, dass es um diese Jahreszeit zu oftmals verheerenden Bränden kommt, und doch ist in diesem Jahr vieles anders. "So was haben wir zuletzt vor mehr als einem Jahrzehnt gesehen", sagt Bruce Bennett von der kalifornischen Behörde für Forstschutz.

Der Schaden, den die Feuer in diesem Jahr anrichten werden, ist noch nicht absehbar.

(Foto: Noah Berger/AP)

Gewöhnlich ist der Mensch verantwortlich für Brände in dieser Gegend, also Stromleitungen, außer Kontrolle geratene Lagerfeuer, Brandstiftung. Diesmal jedoch verbanden sich ein ausklingender Tropensturm über dem Pazifik und die Hitze aus Südkalifornien zu einem trockenen Gewitter. Vereinfacht ausgedrückt: Die Luftfeuchtigkeit war hoch genug, um Wind, Wolken und Blitze zu erzeugen; aber nicht hoch genug, damit es auch regnete und kleinere Feuer gleich wieder gelöscht würden. Perfekte Bedingungen also für die Brände, um sich rasch auszubreiten.

Seit 20 Jahren gibt es eine Dürre in Kalifornien, in diesem Jahr kam im August eine Rekordhitze dazu - im Death Valley wurden Temperaturen von mehr als 54 Grad gemessen. Bereits Anfang des Jahres hatten Experten davor gewarnt, dass es angesichts des trockenen Winters und des ungewöhnlich warmen Frühlings (es gibt Millionen verdorrter Bäume) zu verheerenden Bränden kommen könnte - zumal es nachts kaum abkühlte.

Bedeutsam war also nicht nur die Hitzewelle im August, die Trockenheit in den vorherigen Monaten leitete die Katastrophe ein. "Es war extrem trocken, es war extrem heiß, und dann schlugen innerhalb von drei Tagen mehr als 10 000 Blitze ein", sagt Bennett.

Wetter in Kalifornien

Mehr als 10 000 Blitze innerhalb von drei Tagen: Dieses Bild wurde in der Nähe von Healdsburg im US-Bundesstaat Kalifornien aufgenommen.

(Foto: Kent Porter/dpa)

Aufgrund der trockenen Hitze brauchen die Feuer auch nicht wie gewöhnlich starke Winde, um sich rasch auszubreiten - was die Arbeit der Feuerwehr zusätzlich erschwert, die ohnehin mit außergewöhnlichen Bedingungen zu kämpfen hat, schließlich gibt es in Kalifornien jeden Tag etwa 6000 neue positive Corona-Tests.

"Die Pandemie hat gewaltige Auswirkungen auf den Kampf gegen die Feuer", sagt Bennett. Zum einen müssten Feuerwehrleute in sogenannten Blasen leben und dürften lediglich in kleineren Gruppen arbeiten, zum anderen werden in Kalifornien Häftlinge zu Brandbekämpfern ausgebildet. 200 Insassen-Mannschaften gibt es gewöhnlich, nun sind es wegen der Pandemie nur ein wenig mehr als die Hälfte.

Waldbrände in Kalifornien

Feuerwehrleute bei der Pause: Die Arbeit ist sonst schon hart, und dieses Jahr müssen sie sie unter Corona-Bedingungen verrichten.

(Foto: Noah Berger/dpa)

Dazu kamen zahlreiche Stromausfälle wegen der Hitze, und dann gab es in den vergangenen zehn Tagen auch noch mehrere kleine Erdbeben mit einer Stärke von mehr als 3,0. All das macht es zum einen schwer, die Feuer zu bekämpfen: Der LNU Complex ist zu einem Drittel eingedämmt, Experten befürchten aber eine Verschlimmerung vor dem Wochenende. Zum anderen ist es schwierig, die Einwohner zu evakuieren. Aufgrund der Hitze sollten sie möglichst in Zelten untergebracht werden, aufgrund der Coronavirus-Pandemie würde dadurch aber die Gefahr von Neu-Infektionen steigen. Wer könne, so der verzweifelte Aufruf der Behörden, der möge bei Freunden oder Verwandten unterkommen.

Es heißt, dass es mehrere Wochen dauern könnte, bis die Brände unter Kontrolle sind, und das führt bereits zum nächsten Problem in Kalifornien. Sollten sie das nicht sein, dann wird es erst so richtig gefährlich. Im Herbst nämlich gibt es die berüchtigten Winde - Santa Ana im Süden und Diablo im Norden -, und die könnten dafür sorgen, dass sich der zweitgrößte sowie der drittgrößte Brand in der Geschichte des Bundesstaates erst so richtig ausweiten. Die Götter sind, so scheint es, noch lange nicht fertig mit Kalifornien.

© SZ/ick
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