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USA:Bonnie & Clyde aus Newport Beach doch unschuldig?

Grant Robicheaux und Cerissa Riley sind offenbar doch unschuldig.

(Foto: Paul Bersebach/AP)
  • Alle Anklagepunkte gegen Grant Robicheaux und Cerissa Riley sind in dieser Woche überraschend fallen gelassen worden.
  • Zwei Frauen hatten 2018 Anzeige erstattet, bei einer Hausdurchsuchung fanden die Ermittler Waffen, Drogen und Handys mit angeblichem Beweismaterial bei dem Paar.
  • Nun sieht es so aus, als habe ein Streit zwischen zwei Bezirksstaatsanwälten dazu geführt, dass der Fall aufgebauscht wurde.

Es passt zu dieser Geschichte, die ohnehin schon verrückt klingt und so ziemlich alle Klischees einer südkalifornischen Seifenoper erfüllt, dass es zu Beginn des dritten Akts einen "Plot Twist" gibt - eine unerwartete Wende der Ereignisse. Es geht um Sex und Drogen, wilde Partys, die Gier nach Macht und Prominenz - und nun plötzlich auch um Politik: Sämtliche Vorwürfe gegen das Paar Grant Robicheaux und Cerissa Riley, sie hätten Hunderte Frauen mit Alkohol und Drogen gefügig gemacht und sexuell missbraucht, sind in dieser Woche entkräftet, alle Anklagepunkte überraschend fallen gelassen worden.

Der erste Akt der Geschichte geht so: Robicheaux ist Chirurg in Newport Beach, einem Städtchen am Pazifikstrand zwischen Los Angeles und San Diego, wo Reiche und Schöne leben, bekannt und auch berüchtigt für promiskuitive Partys. Robicheaux, Typ Surferboy mit Zwei-Millionen-Villa direkt am Strand, wird 2013 vom lokalen Hochglanz-Magazin Orange Coast zum begehrtesten Junggesellen gewählt, ein Jahr später tritt er in der Reality-Show "Online Dating Rituals of the American Male" als Mensch gewordener Frauentraum auf, über den eine andere Teilnehmerin sagt: "Er ist zu perfekt, um wahr zu sein. Er hat bestimmt ein paar Leichen im Keller versteckt."

Robicheaux, mittlerweile 39 Jahre alt, ist ein gern gesehener Gast in den Bars von Newport Beach, und warum auch nicht? Er und seine sieben Jahre jüngere, nicht minder attraktive Freundin Cerissa Riley scheinen locker drauf zu sein, sie erzählen Geschichten davon, wie sie es auf sündteuren Festivals wie Burning Man in der Wüste von Nevada so richtig krachen lassen, als VIPs selbstredend, und sie befeuern die Fantasie der Zuhörer damit, Treue eher freizügig auszulegen und auch mit Drogen wie etwa GHB - umgangssprachlich auch als Liquid Ecstasy bekannt - zu experimentieren, die derart wirksam sind, dass sich Leute bisweilen noch nicht einmal daran erinnern, sie genommen zu haben.

Zwei Anzeigen und eine Hausdurchsuchung

Im zweiten Akt stürzt dieses schillernde Leben in sich zusammen: Zwei Frauen erstatten im September 2018 unabhängig voneinander Anzeige gegen Robicheaux und Riley bei der Polizei von Newport Beach. Eine gibt an, sie habe das Paar im April 2016 in einem Restaurant kennengelernt und sei erst auf eine Party und dann in die Strandvilla mitgegangen. Die andere berichtet, sie sei einige Monate später in einer Bar von den beiden derart abgefüllt worden, dass sie dort ohnmächtig geworden sei. Beide geben jeweils an, von dem Paar vergewaltigt und dabei gefilmt worden zu sein.

Bei der Durchsuchung der Villa finden die Ermittler Waffen, Unmengen Drogen und Handys, auf denen angeblich die Taten der beiden dokumentiert sind. Der damalige Bezirksstaatsanwalt Tony Rackauckas berichtet auf einer Pressekonferenz von "Tausenden Videos, auf denen Frauen benebelt wirken und unfähig, irgendwelchen Handlungen zuzustimmen oder sich dagegen zu wehren". Warum die mutmaßlichen Opfer sich auf Treffen mit dem Paar einließen, erklärt er so: "Die Leute vertrauen Ärzten, und es sorgte für zusätzliches Vertrauen, dass es sich bei der zweiten Verdächtigen um eine Frau handelt." Er spricht von "Hunderten Frauen", die Opfer des Paares gewesen sein könnten.

Fünf weitere melden sich nach Bekanntwerden des Falles, der weltweit für Aufmerksamkeit sorgt. In vielen Berichten wird das Paar in Anlehnung an das legendäre Verbrecherduo nur "Bonnie & Clyde" genannt. Die beiden kommen gegen eine Kaution von jeweils 100 000 Dollar frei.

Todd Spitzer, der mittlerweile Bezirksstaatsanwalt ist, sagt: "Es war unverfrorener Amtsmissbrauch."

(Foto: AP)

"Es ist eine Schande, was da passiert ist"

Nun also der dritte Akt, zu dessen Beginn das Paar für unschuldig erklärt wird. "Es gibt kein einziges Beweisstück und auch kein einziges Video oder Foto, auf dem eine ohnmächtige oder benebelte Frau zu sehen ist, die sexuell missbraucht wird", sagt Todd Spitzer, der mittlerweile Bezirksstaatsanwalt ist: "Es ist eine Farce, was mein Vorgänger und dessen Mitarbeiter diesen Leuten angetan haben: Sie haben diesen Fall aufgebauscht, Beweismittel wiederholt und wissentlich falsch interpretiert. Es war unverfrorener Amtsmissbrauch."

Natürlich könne man den Lebenswandel der beiden für verwerflich halten, allerdings seien die Vorwürfe der sexuellen Nötigung oder gar Vergewaltigung haltlos - es sei unmöglich, anhand der vorliegenden Beweise und Aussagen eine schlüssige Anklage aufzubauen: "Ich kann mich nur entschuldigen. Es ist eine Schande, was da passiert ist. Ich habe diesen Schlamassel nicht herbeigeführt, es ist jedoch meine Aufgabe, ihn zu beenden."

Nun wird es interessant, denn die juristische Fehde zwischen den beiden Bezirksstaatsanwälten hat eine Vorgeschichte: Spitzer, der aktuelle Amtsinhaber, war einst der Protegé von Rackauckas, jedoch im Jahr 2010 wegen Vorwürfen des Amtsmissbrauchs von diesem entlassen worden. Seitdem gibt es einen erbitterten Kampf zwischen den Männern, der darin gipfelte, dass Rackauckas bei der Wahl 2018 nur deshalb noch einmal antrat, damit Spitzer den Posten nicht bekommt. Er war damals 75 Jahre alt und brauchte im Wahlkampf offenbar einen Fall, bei dem er sich als energischer und unbestechlicher Ermittler gegen die wilde Partyszene in Orange County zeigen konnte, einer eher konservativen Gegend im liberalen US-Bundesstaat Kalifornien. Er verlor dennoch, deutlich sogar, trotz seiner vermeintlichen Erfolge im Fall "Bonnie & Clyde".

Der Fall ist längst nicht vorbei

Spitzer ließ nach seiner Wahl den Fall monatelang untersuchen und zweifelte danach die Aussagen der Zeuginnen als unglaubwürdig an: "Einige Frauen haben die Beschuldigten noch nicht einmal persönlich getroffen." Auch die Aussagen seines Vorgängers über eindeutige Fotos und Videos auf Handys seien übertrieben gewesen, die Durchsicht Tausender Stunden Videomaterial habe keine Beweise geliefert.

Rackauckas gibt zu, den Fall für den Wahlkampf aufgebauscht zu haben, aber: "Selbst wenn alle Vorwürfe gegen mich richtig wären, und das sind sie nicht, sollte der Fall nicht eingestellt werden. Ich hoffe, dass all die Frauen, die mutig genug waren, auszusagen, nicht zum Spielball eines verdorbenen politischen Schachzugs werden."

Der Fall ist längst nicht vorbei, der dritte Akt hat gerade erst begonnen. Es bleiben viele Fragen: Ist die Entscheidung Spitzers, keine Anklage zu erheben, nur die späte Rache an seinem einstigen Förderer? Was passiert mit den mindestens sieben Frauen, die gegen das Paar ausgesagt haben? Und was passiert mit Robicheaux und Riley? "Man kann nicht beschreiben, was die beiden durchgemacht haben, ihr Leben ist für immer zerstört", sagt ihr Anwalt Philip Cohen: "Sie werden mit dem Stigma leben müssen. Ich weiß nicht, ob mein Mandant jemals wieder als Chirurg wird praktizieren können."

Robicheaux hat nicht nur einen Anwalt beauftragt, sondern auch die ausgebuffte PR-Agentin Holly Baird, die bereits vor Monaten einen Deal mit dem TV-Sender ABC News für exklusiven Zugang zum Paar ausgehandelt hat. Der Rest des dritten Aktes, aus Sicht von Robicheaux und Riley zumindest, dürfte in Sendungen wie "Nightline" oder "Good Morning America" erzählt werden.

© SZ/nas

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