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USA:Jetzt geht's den Nachbarn an die Wäsche

In den USA ist ein grotesker Streit darüber entbrannt, ob man seine Kleider im Garten zum Trocknen aufhängen darf.

New York, Ende September - Es war an einem sonnigen Vormittag im Mai, als Susan Taylor eine kleine Revolution anzettelte: Sie hängte eine Wäscheleine im Garten auf. "Wir waren ein paar Tage campen, und ich hatte mehrere Ladungen Schmutzwäsche", erinnert sie sich. "Im Garten wurde alles schnell trocken, ich war nach einem halben Tag fertig." Dazu kam das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Überall ist jetzt von Klimaschutz die Rede, und kürzlich hatte ein Professor im Radio gesagt, die Amerikaner könnten dem Klima am einfachsten dadurch helfen, dass sie ihre elektrischen Trockner vergäßen und wie früher Wäscheleinen benutzten.

Waescheleine; Trocknen; USA

USA: Wäscheleinen verboten (Archiv)

(Foto: Foto: dpa)

Susan Taylor ist eine zierliche, lebhafte Frau, 55 Jahre alt, Mutter einer neunjährigen Tochter und von Beruf Krankenschwester. Ihr Mann arbeitet in einer Baufirma. Vor ein paar Jahren hatte die Familie ein 200 Quadratmeter großes Einfamilienhaus in Bend gekauft, einer Stadt hoch oben in den Bergen von Oregon. Ihr Stadtviertel heißt Awbrey Butte und ist typisch für viele Vorstädte der oberen Mittelschicht Amerikas. Die Grundstücke im Schatten hoher Kiefern sind nach deutschen Maßstäben riesig - 2000 Quadratmeter oder mehr. Die Holzhäuser großzügig bis ausladend, die Garagen haben Platz für zwei, manchmal drei Autos.

Es geht gepflegt zu in Awbrey Butte, und Wäsche im Garten, das gab es hier noch nie. Nach ein paar Tagen sprach eine Nachbarin Susan Taylor vorsichtig an: Ein paar Leute im Viertel seien an sie herangetreten, weil sie sich wegen der Wäscheleine geärgert hätten. Denen habe sie gesagt: "'Das ist sicher nur temporär. Bei den Taylors wird der Trockner kaputt sein.' - Das stimmt doch, oder?" Nachbarinnen können so nett sein, auch in der oberen Mittelschicht. Susan Taylor jedenfalls erwiderte, das sei keineswegs temporär, die Wäscheleine helfe gegen die Erderwärmung, außerdem rieche die Bettwäsche hinterher immer so gut. Die Nachbarin sagte nichts mehr.

Dafür bekam Susan Taylor zwei Wochen später einen Brief von Brooks Resources, der Grundstücks-Verwaltung. Die Firma wies die Frau knapp darauf hin, dass Wäscheleinen in Awbrey Butte verboten seien. Und sie fügte hinzu: "Viele Hausbesitzer sind stolz auf ihr Heim und dessen Umgebung." Aus Frau Taylors Wäscheleine war ein Fall geworden.

Wie in Deutschland war es früher in Amerika normal, dass Bettwäsche, Hemden und Unterhosen im Hof oder im Garten zum Trocknen hingen. Dann kam der Wohlstand der fünfziger und sechziger Jahre und mit ihm der Siegeszug der Wäschetrockner. Danach galt in den USA als arm oder asozial, wer noch eine Wäscheleine spannte.

Die Frau aus den Bergen

Oft wurde das öffentliche Wäschetrocknen regelrecht verboten, besonders in den rund 300000 Vierteln, die von Eigentümergemeinschaften reguliert werden. Wie eben in Awbrey Butte. Das Viertel hatte seinerzeit ein Bauentwickler erschlossen, gebaut und Haus für Haus an einzelne Familien verkauft. Die Erwerber bekamen ein kleines Buch mit Regeln in die Hand gedrückt, die Teil des Kaufvertrages wurden, so wie dies auch in Deutschland beim Kauf von Eigentumswohnungen üblich ist. Und in den Regeln für Awdrey Butte steht tatsächlich, dass "Einrichtungen zum Wäschetrocknen" von der Einsicht durch Dritte abzuschirmen sind. Was gar nicht so einfach ist in einer Nachbarschaft, in der Zäune "unerwünscht" sind.

Susan Taylor aber gab nicht klein bei. Sie hatte sich inzwischen schlaugemacht. Der Energieverbrauch der Wäschetrockner ist keineswegs bedeutungslos. Sie schlucken sechs Prozent des Stroms, den Amerikas Haushalte verbrauchen. Das hat die Energie-Informationsagentur der Regierung in Washington herausgefunden. Durchschnittlich 80 Dollar bezahlt eine Familie im Jahr für das Trocknen ihrer Wäsche.

Zu ihrer Nachbarin sagte Susan Taylor: "Wenn unsere Kinder uns einmal fragen: Was war euch wichtiger - die Zukunft des Planeten oder das, was die Leute über eure Wäscheleinen gesagt haben? Was werden wir ihnen dann antworten?" Das war ungefähr in der Zeit, als Präsident George W. Bush sich beim G-8-Gipfel in Heiligendamm gegen konkrete Pläne zum Klimaschutz sperrte.

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