USA Jens Söring: 31 Jahre Haft - und kein Ende

"Der Staat hat mir entsetzliches Leid angetan", sagt der wegen Mordes in den USA verurteilte Jens Söring. "Er hat mir mein Leben und meine Freiheit geraubt."

(Foto: Karin Steinberger)

Der Deutsche legte für seine Jugendliebe ein Geständnis ab - und wurde in den USA zu zweimal lebenslang verurteilt. Obwohl neue Fakten vorliegen, lehnt die zuständige Kommission die Bewährung von Jens Söring ab.

Von Karin Steinberger, Dillwyn

Es ist erst ein paar Tage her, er war aufgekratzt, traurig, er war nachdenklich und dann euphorisch, er sprang von einem Aggregatzustand in den nächsten. Er war anders als bei den Besuchen in den Jahren davor. Vielleicht war es das: Er war auf eine vorsichtige Art glücklich.

Durch das kleine Fenster im Besucherraum zog der Geruch der Kantine, ab halb vier gibt es im Buckingham Correctional Center Abendessen - für erwachsene Männer. Jens Söring, Gefangener Nummer 1161655, verurteilt zu zweimal lebenslang für den Mord an Nancy und Derek Haysom, schien das alles gar nicht mehr wahrzunehmen. Man versöhnt sich mit Orten, wenn man glaubt, sie bald verlassen zu dürfen. Selbst mit diesem Koloss aus Beton, 1349 Correctional Center Road, Dillwyn, Virginia, USA. Die Adresse, dachte er immer, wird einmal sein Grab.

Aber diesmal erzählte er von dem kleinen Säckchen, das er gepackt hat. Zahnpasta, Zahnbürste, Seife, Deo und eine Liste mit Adressen. Das Säckchen steht seit einiger Zeit in seiner Zelle. Er ist bereit, Tag und Nacht. Er hat sich auch eine Levi's Blue Jeans gekauft, ein Markenhemd, Schuhe, das erste Mal in all den Jahren, damit er wie ein Mensch aussieht, wenn er wieder unter freie Menschen kommt. Er nestelte an seinem hellblauen Gefängnishemd herum, an seiner blauen Gefängnisjeans, hinten ein Gummizug. Er lachte kurz und bitter. Keine Sekunde würde er irgendwas davon da draußen anlassen. Mehr als 100 Dollar hat er ausgegeben, um gut auszusehen, wenn er nach fast 31 Jahren ins Leben zurückgeht. "Damit ich nicht splitterfasernackt über den Atlantik fliege."

Das war Anfang letzter Woche. Er war sich so sicher, dass kein vernünftiger Mensch mehr an seiner Unschuld zweifeln könne. Jens Söring, 1990 zu zweimal lebenslang verurteilt, weil er die Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom 1985 in Lynchburg, Virginia, umgebracht haben soll. Schuldig gesprochen wurde er vor allem, weil er die Morde ganz am Anfang gestanden hatte. Seitdem sagt er, dass er das nur getan hat, um seine große Liebe vor dem elektrischen Stuhl zu retten. "I am innocent", sagte er vor Gericht - und sagt er seitdem jeden Tag.

Vor ein paar Monaten bestätigte dann das Gerichtsmedizinische Institut in Virginia, dass das Blut der Blutgruppe 0, das am Tatort gefunden wurde und das immer Jens Söring zugerechnet wurde, von einem anderen, unbekannten Mann stammt. Außerdem bestätigte das Institut, dass auch zwei Spuren von der Blutgruppe AB am Tatort, die Blutgruppe der Mutter, von einem unbekannten Mann stammen.

Das Blut von zwei unbekannten Männern am Tatort - und keine Spur von Söring, der als Einzeltäter verurteilt wurde? Als sein Fall vor ein paar Monaten wieder vor das Parole Board kam, war das die zwölfte Anhörung in Sachen Söring, Entlassung auf Bewährung: wie jedes Jahr sprachen Unterstützer vor dem Parole Board, sie waren zu sechst, und sie kamen mit gewichtigeren Argumenten. Diesmal, dachte Söring, wird alles anders. Nun kam sehr überraschend der Entscheid der Bewährungskommission: Entlassung auf Bewährung abgelehnt, zum zwölften Mal.

Er sei unglaublich enttäuscht und überrascht, schrieb Jens Söring noch am Freitag. "Für mich ist diese Entscheidung absolut unverständlich nach all den neuen Erkenntnissen." Er werde trotzdem nicht aufgeben zu kämpfen. "Der Staat hat mir entsetzliches Leid angetan in den letzten 31 Jahren, er hat mir mein Leben und meine Freiheit geraubt, diese Entscheidung ist nur ein weiteres Unrecht, nein, es ist eine Straftat." Söring schrieb noch am Sonntag, dass die einzig gute Nachricht sei, dass der Antrag auf seine Unschuldserklärung, den sein Anwalt im August letzten Jahres mit den neuen DNS-Erkenntnissen eingereicht hatte, wohl noch nicht entschieden wurde. Zur gleichen Zeit wurde über die Medien bekannt, dass der Gouverneur angedeutet habe, auch die Unschuldserklärung abzulehnen.

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