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USA:"El Chapos" Gefängnis soll härter sein als Guantánamo

Metropolitan Correctional Center, New York

Gefängnis mitten in Manhattan: das Metropolitan Correctional Center in Downtown.

(Foto: AP)

Der mexikanische Drogenboss sitzt im Metropolitan Correctional Center mitten in Manhattan ein. Im berüchtigten Flügel "South 10" ist die Isolation so extrem, dass die Inhaftierten über eine verkümmerte Sehfähigkeit klagen.

Der bisher spektakulärste Fluchtversuch aus dem Metropolitan Correctional Center in Downtown Manhattan dürfte "El Chapo" gefallen. Im Januar 1981 versuchte ein inhaftierter Drogenboss, über das Dach des zwölfstöckigen Gebäudes zu entkommen. Zwei Komplizen hatten einen Helikopter gekapert, der eigentlich für Touristen-Rundflüge über New York eingesetzt wurde. Der Drogenhändler hatte unterdessen gemeinsam mit anderen Gefangenen einen Wärter als Geisel genommen und wartete auf dem Dach auf seine Befreiung. Dort befindet sich auch heute noch der Außenbereich für die Häftlinge, vom obersten Stockwerk eines nahegelegenen Gerichtsgebäudes aus kann man die Insassen beim Basketballspielen beobachten.

Überspannt war das Dach 1981 mit einem Netz aus Stahl - es vereitelte den ausgeklügelten Plan. Den Komplizen des Drogenbosses gelang es nicht, das Netz mit einer Drahtschere zu durchschneiden. Als sie versuchten, das Netz mithilfe des Helikopters zu zerstören, wäre es beinahe zum Absturz gekommen. Die Komplizen mussten schließlich abdrehen, der Drogenboss ergab sich nach weiteren drei Stunden. Ein aus Verbrechersicht enttäuschendes Ende eines aufsehenerregenden Ausbruchsversuchs. Damit kennt sich auch der Mann aus, der seit Kurzem in genau diesem Gefängnis untergebracht ist: Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo", was aus dem Spanischen übersetzt "der Kurze" heißt.

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Im mexikanischen Drogengeschäft war "El Chapo" lange einer der Größten. Geboren als Sohn eines Bauern, gründete er Ende der 1980er Jahre das Sinaloa-Kartell, benannt nach dem gleichnamigen Bundesstaat an Mexikos Pazifikküste. Heute ist das Kartell eine Art Multimilliarden-Dollar-Unternehmen, das sein Geld vor allem mit Drogen und Menschenhandel verdient.

Obwohl Guzmán immer wieder im Gefängnis saß und die operative Führung seiner Organisation abgeben musste, ist er die prägende Figur des Kartells geblieben. Schon mehrmals konnte er aus vermeintlichen Hochsicherheitsgefängnissen ausbrechen - für Mexikos Polizei eine Schmach. Sein letzter erfolgreicher Ausbruch aus einem mexikanischen Gefängnis gelang ihm im Juli 2015: Obwohl er unter ständiger Beobachtung stand, konnte Guzmán durch ein Loch in seiner Dusche in einen Fluchttunnel hinabsteigen, den Helfer angelegt hatten. (Seine Ingenieure, die auch seine Häuser mit geheimen Türen und Gängen ausstatten, soll Guzmán im Übrigen zu Fortbildungszwecken schon nach Deutschland geschickt haben.) Mit einem im Tunnel deponierten Motorrad flüchtete der Drogenboss in die Freiheit. Ein knappes halbes Jahr dauerte die Jagd nach "El Chapo". Dann konnte er im Januar 2016 erneut festgenommen werden.

In der vergangenen Woche wurde Guzmán in die USA überstellt. Ob amerikanische Gefängnisse den Ausbrecherkönig festhalten können, bleibt abzuwarten. Das Metropolitan Correctional Center steht zumindest im Ruf, härter zu sein als das umstrittene Militärgefängnis Guantánamo. Knapp 800 Häftlinge sind in dem Gebäude in der Park Row 150 in Manhattan untergebracht. Die gefährlichsten werden in einem abgeschirmten Flügel isoliert, der "South 10" heißt. Hier gibt es etwa ein halbes Dutzend Einzelzellen. Die Bedingungen dort hat die New York Times dokumentiert: 23 von 24 Stunden eines Tages brennt in den Zellen Licht, die Scheiben nach draußen sind aus Milchglas, die Schlitze in den Zellentüren verschlossen. Ehemalige Häftlinge berichten, dass es nicht ungewöhnlich sei, dass die Sehkraft in "South 10" mit der Zeit verkümmere.

Auch andere Sinne werden beschnitten: So ist es den Gefangenen nicht erlaubt, einander etwas zuzurufen. Uzair Paracha, verurteilt als Unterstützer des Terrornetzwerks al-Qaida und zwei Jahre in "South 10" untergebracht, erzählt in dem Buch "Hell Is a Very Small Place: Voices from Solitary Confinement": Das Einzige, was man dann und wann höre, seien die Witze, die das Wachpersonal über die Häftlinge mache. Solche Haftbedingungen sind auch in den USA nicht üblich, sondern gelten als "Special Administrative Measures", die im Einzelfall vom Justizminister bestätigt werden müssen. Amnesty International hat sie schon als "entsetzlich und unmenschlich" angeprangert.

Der nächste Starbucks ist nur 650 Meter vom Gefängnis entfernt

Im Fall Guzmán, den die amerikanische Anti-Drogen-Polizei DEA bis vor Kurzem als meistgesuchten Kriminellen führte, halten sich die Behörden bedeckt. So ist nicht klar, ob "El Chapo" während seines Prozesses weiterhin im Metropolitan Correctional Center leben oder möglicherweise nach Brooklyn verlegt wird, und ob er im Falle eines Falles im Flügel "South 10" untergebracht wäre. Er ist auf jeden Fall nicht der erste prominente Kriminelle, der mitten in Manhattan einsitzt, wo der nächste Starbucks nur 650 Meter vom Gefängnis entfernt liegt. Ramzi Ahmed Yousef, der Drahtzieher des Bombenanschlags auf das World Trade Center 1993, bei dem sechs Menschen starben, war zeitweise Insasse des Metropolitan Correctional Center. Genauso Millionenbetrüger Bernie Madoff.

Einmal wurde das Gefängnis im Übrigen schon erfolgreich bezwungen: 1990 seilten sich zwei Hälftlinge aus dem zweiten Stock ab. Als Seil diente ihnen das Kabel einer Boden-Poliermaschine. Einer der beiden Männer, Mauricio Menendez, steht heute noch auf der "Most Wanted"-Liste des U.S. Marshals Service.

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