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Swatting in den USA:Einmal Spezialkommando, bitte

Ein bewaffneter Mörder befinde sich in dem Haus in Long Beach, hatte ein Anrufer gemeldet, wenig später stürmte eine Spezialeinheit mit mehr als 60 Einsatzkräften das Gebäude.

(Foto: Jim Staubitser/dpa)

In den USA grassiert die Unsitte des "Swatting": Menschen rufen die Polizei, melden angebliche Geiselnahmen, geben falsche Adressen an. Jetzt ist dabei ein Mann gestorben. Wer ist schuld?

Als Andrew Finch verdächtige Geräusche außerhalb seines Hauses in Wichita, Kansas, hörte, beschloss er, mal nachzuschauen, was es damit auf sich hatte. Es klang, als würden mehrere Menschen da draußen rumoren. Seine Frau und seine beiden Kinder waren im Haus, er machte sich Sorgen. Finch öffnete also die Tür und lugte heraus, und sogleich wurde er angebrüllt, er solle die Hände heben, und als er die Hände nicht sofort hob, sondern verwundert schaute, kam ein Schuss. Der Schuss tötete Finch. Die Frage ist nun: Wer trägt die Schuld an seinem Tod?

Diese Frage wird derzeit öffentlich in den Medien der USA diskutiert, und über dieser Frage brüten Anwälte und Staatsanwälte in Wichita ebenso wie im 2000 Kilometer entfernten Los Angeles. Dort hat die Geschichte ihren Ausgang genommen.

Kriminalität Falscher Notruf - Polizei erschießt unbeteiligtes Opfer
US-Bundesstaat Kansas

Falscher Notruf - Polizei erschießt unbeteiligtes Opfer

Die Beamten fahren im US-Bundesstaat Kansas wegen einer angeblichen Geiselnahme zu einem Haus - doch die hat nie stattgefunden. Es ist nicht der erste Fall eines falschen Notrufs, der einen solchen Großeinsatz auslöst.

In Los Angeles saß Tyler Barriss, 25, in der vergangenen Woche mal wieder am Computer und vertrieb sich die Zeit mit dem Online-Spiel "Call of Duty". Als er sich über einen Mitspieler ärgerte, drohte er diesem, ihm ein Spezialeinsatzkommando der Polizei auf den Hals zu hetzen. Der Mitspieler quittierte die Drohung gelassen. Solle er das Kommando doch schicken, ließ er Barriss wissen. Er gab ihm sogar seine Adresse in Wichita, Kansas.

Nun muss man wissen, dass in Amerika seit einiger Zeit die Unsitte des "Swatting" verbreitet ist. Der Name leitet sich von den Spezialkommandos der Polizei ab, den Swat-Teams. Beim "Swatting" ruft man eine Notfallnummer an und berichtet von einem vermeintlichen Notfall, zum Beispiel einer Geiselnahme. Man gibt die Adresse eines nichts ahnenden Opfers an, in der Hoffnung, dass dessen Wohnung von einem Swat-Team gestürmt wird, was mindestens zu einem Schrecken und meist auch zu erheblichem Sachschaden führt. Das ist an sich schon eine ziemlich miese Art von Streich, aber nun ist das ganze aufs Ärgste aus dem Ruder gelaufen.

Nachdem Tyler Barriss den Eindruck gewonnen hatte, seine Drohung perle am Mitspieler ab, schritt er zur Tat. Er hatte ja, wie er glaubte, die Adresse seines Kontrahenten. Was Barriss aber nicht wusste: Dieser hatte ihm einfach irgendeine Adresse gegeben. Nicht einmal die eines Bekannten oder eines Nachbarn, einfach eine Adresse irgendwo in den Weiten der Vereinigten Staaten. Denn Kansas liegt ziemlich genau in der Mitte des Landes, gleich weit weg von überall.

Barriss rief mit unterdrückter Nummer bei der Polizei in Wichita an. Mit panischer Stimme berichtete er, dass er seinen Vater erschossen habe und nun seine Mutter und seinen Bruder als Geiseln halte. Für die Polizei gab es keinen Grund, den Anruf nicht ernst zu nehmen. "Wer um Hilfe bittet, dem wird geholfen", sagte der örtliche stellvertretende Polizeichef Troy Livingston. Ein Satz, der im Rückblick eine zutiefst bittere Note hat.

Das Spezialkommando rückte aus und umstellte das Haus von Andrew Finch. Die Polizisten mussten davon ausgehen, dass ein bewaffneter Killer auf sie wartete, der, soweit sich das aus dem Anruf schließen ließ, sehr nervös war. Als Finch die Haustür öffnete und auf die Anweisung, die Hände zu heben, nicht sofort reagierte, schoss ein Polizist. Er hatte den Eindruck gehabt, Finch habe eine Hand auf Hüfthöhe bewegt, also eventuell eine Waffe gezogen.

US-Polizisten werden selten dafür belangt, wenn sie im Dienst jemanden erschießen

Fragen stehen nun im Raum. Hat der Polizist zu schnell geschossen? Ist er der Schuldige? Oder liegt die Hauptschuld bei Tyler Barriss, der das Spezialkommando zu dem Haus schickte? Wie ist die Rolle des Mitspielers zu bewerten, der Barriss die falsche Adresse gab? Und sogar: Hat Andrew Finch den entscheidenden Fehler gemacht, als er die Hände nicht schnell genug hob? Lisa Finch, die Mutter des Toten, fordert, dass sowohl der Polizist als auch der Anrufer wegen Mordes angeklagt werden. Es ist jedoch ziemlich sicher, dass das nicht passieren wird.

Amerikanische Polizisten werden in den seltensten Fällen dafür belangt, wenn sie im Dienst jemanden erschießen. Es reicht, wenn sie glaubhaft versichern können, dass sie den Eindruck hatten, ihr Leben oder das Leben einer dritten Person sei in akuter Gefahr gewesen. Wenn es nun aber, wie zu erwarten ist, darauf hinausläuft, dass entschieden wird, der Polizist habe rechtmäßig von seiner Schusswaffe Gebrauch gemacht, was bedeutet das für das Vergehen von Tyler Barriss? Könnte es am Ende lediglich als dummer Streich eingeordnet werden?

Dass Barriss so schnell identifiziert werden konnte, lag auch an der Hilfe der Online-Community. Andere Spieler von "Call of Duty" benachrichtigten die Behörden, weil sie die Auseinandersetzung mitbekommen hatten, die zu dem Anruf führte. Barriss sitzt derzeit in Los Angeles in Haft. Was irreführende Anrufe angeht, ist der 25-Jährige kein Unbekannter. 2015 hatte er eine falsche Bombendrohung gegen ein Fernsehstudio ausgesprochen. Auch damals wurde er erwischt und verbüßte eine Gefängnisstrafe. Was ihm diesmal blüht, ist offen.

Jean Phillips, Jura-Professorin an der Universität von Kansas, sagte der New York Times: "Ich weiß nicht genau, was passieren wird, zumindest, wenn man die Gesetze von Kansas zu Grunde legt. Man wird versuchen, eine Gefängnisstrafe von mehr als ein, zwei Jahren zu erreichen, weil es einen Toten gab. Aber mir ist nicht ganz klar, wie man das bewerkstelligen kann."

Tyler Barriss meldete sich einige Stunden nach dem tödlichen Schuss anonym bei einem Youtube-Kanal, auf dem er interviewt wurde. Was die Folgen seines Anrufs angehe, sagte er, sei die Schuld bei anderen zu suchen. Zum Beispiel bei dem Polizisten, der den Schuss abgefeuert habe. Es wird erwartet, dass Barriss in den kommenden Wochen aus dem Gefängnis in Kalifornien nach Kansas überführt wird.

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