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USA:Die Schläfer erwachen

Im Osten der USA schlüpfen in diesen Tagen Milliarden Zikaden. 17 Jahre haben ihre Larven im Boden gewartet. Jetzt drängen sie an die Oberfläche, veranstalten viel Lärm - und haben nur eines im Sinn: sich zu paaren.

Sie erwachen, drängen ans Licht - und wenn sie Pech haben, brät ihnen ein Amerikaner gleich einen tödlichen Schlag mit dem Tennisschläger über. Beim Zikaden-Tennis handelt es sich um eine höchst makabere Art der Vergnügung. Aus Filmen auf Youtube lassen sich die groben Regeln dieser Tätigkeit extrahieren: Ein Spieler rüttelt mit einer langen Stange an den Ästen eines mit Zikaden besetzten Baumes und scheucht die Tiere auf. Die anderen Teilnehmer warten in der Nähe und dreschen die aufgescheuchten Fluginsekten durch die Luft.

Ein bizarres Vergnügen.

Andererseits existieren auch ein paar recht ordentliche Argumente, mit denen sich die Angriffe auf die etwa vier Zentimeter großen Insekten mit den roten Augen als legitime Notwehr rechtfertigen lassen. Mehrere Bundesstaaten in den USA erwarten in diesen Tagen nämlich den Beginn einer Invasion durch zig Milliarden Zikaden. Die Tiere stechen zwar nicht, sie richten auch keine nennenswerten Schäden an Pflanzen an - aber sie veranstalten einen irre penetranten Lärm. Viele Bewohner der betroffenen Bundesstaaten verschwinden in der fraglichen Zeit deshalb in den Urlaub, und Zuhausegebliebene greifen mitunter zu Abwehrmitteln wie Tennisschlägern. Damit lassen sich die Krawallinsekten wenigstens von den Bäumen vor den Schlafzimmerfenstern vertreiben; auch wenn der mörderische Insektensport ganz bestimmt nur von einer Minderheit etwas reizbarer Menschen betrieben wird.

Als die Insekten zuletzt abtauchten, war Gerhard Schröder gerade Bundeskanzler geworden

Trotzdem ist es ein Jammer, dieses Zikadentennis. Denn in Maryland, Ohio, Pennsylvania, Virginia und West Virginia bahnt sich gerade ein grandioses Naturschauspiel an: Die 17-Jahres-Zikaden schlüpfen, um den kurzen Höhepunkt ihres höchst eigenartigen Lebens zu feiern - und danach zu sterben, egal, ob missmutige Menschen mit dem Tennisschläger auf sie losgehen oder nicht. Immerhin, die Verwaltung der Metroparks Cleveland bereitet sich mit Freude auf die Ankunft der vielen Milliarden Insekten vor, die jeden Moment aus dem Boden krabbeln können. Die Parkverwaltung bietet ein Zikaden-Festival mit Vorträgen und Wanderungen an. Für die Klangkulisse sorgen die Tiere selbst. Und auf der Webseite cicadamania.com freuen sich Zikadenfreunde auf die Ankunft der Insektenmassen.

Wen sie da feiern - und wen Hausbesitzer und Menschen mit leichtem Schlaf in den betroffenen Staaten fürchten?

17 Jahre haben die Tiere im Untergrund verbracht, mindestens 30 Zentimeter tief im Boden vergraben, geschützt vor Frost und anderen Anfechtungen des Lebens an der Oberfläche. Vier Mal haben sich die Larven der sogenannten Periodischen Zikaden in dieser Zeit gehäutet, Saft aus Baumwurzeln gesogen und auf ihren Moment gewartet. Nun ist es in diesen Tagen so weit, die Schläfer aus dem Untergrund werden erwachen, sich aus dem Boden wühlen. Die Tiere werden auf Bäume krabbeln, über Wiesen schwirren, Briefkästen verstopfen, Terrassen bedecken und lärmen.

Der Lebenszyklus der 17-Jahres-Zikaden ist bizarr. Es war im Jahr 1999, als die Elterngeneration der jetzigen Debütanten in der gleichen Gegend an die Oberfläche drängte, sich paarte, Eier legte, und sich die kurz darauf geschlüpften Larven in den Boden gruben. Bill Clinton war damals US-Präsident und schlug sich in seiner zweiten Amtszeit hauptsächlich mit dem Wirbel um seine Affäre mit Monica Lewinsky herum. In Deutschland lag das Ende der Ära Helmut Kohl erst einige Monate zurück, der neue Kanzler hieß Gerhard Schröder. Die Sängerin Britney Spears schaffte mit ihrem Song " . . . Baby One More Time" den weltweiten Durchbruch, und eine Krisenfirma namens Apple stellte seit Kurzem den Namen ihrer Produkte ein kleines "i" voran. Und wer sich 1999 mit einem Modem ins Internet einwählte, der erzeugte damit Geräusche, die dem Paarungszirpen der Elterngeneration der aktuellen Zikadenschwemme gar nicht so unähnlich waren.

In diesem Mai erwachen nun die Individuen der sogenannten "Brut 5". Die verschiedenen Populationen im Osten der USA werden als "Brut" bezeichnet und durchnummeriert. Nur hier leben diese seltsamen Tiere. Die meisten Zikadenpopulationen verbringen 17 Jahre unter der Erde, manche vermehren sich hingegen in einem 13-Jahres-Rhythmus. Dieser gemächliche Lebenszyklus verhindert, dass sich Fressfeinde auf die Zikaden spezialisieren können. Denn wenn die Hauptmahlzeit nur alle 17 Jahre mal auftaucht, sollte man prinzipiell auch für andere Nahrung offen sein, wenn man als Art und Individuum überleben will.

Auch die schiere Masse an Zikaden sichert das Überleben der Insekten. Wenn in diesen Tagen Abermilliarden Individuen aus dem Boden quellen, dann summiert sich das zu einer überwältigenden Menge. Pro Hektar - das ist eine Fläche von 100 auf 100 Meter - kommen so bis zu 3000 Kilogramm zusammen. Da kommen die Gelegenheitsfresser nicht hinterher: Vögel futtern die Zikaden, Fische fressen sie und auch Hunde machen sich über die Insekten her - und kotzen dann mit hoher Wahrscheinlichkeit den Garten ihrer Besitzer mit den schwer verdaulichen Zikaden voll. Es gibt zu viele Zikaden auf einmal.

Gegen die schwirrenden Millionen wehren sich die Amerikaner also mit Tennisschlägern oder schonen ihre Nerven mithilfe eines Gehörschutzes. Wenn die Milliarden Tiere nach der Paarung dann tot aus Bäumen und Büschen kippen, werden sie mit Hochdruckreiniger, Besen und Schaufeln entsorgt. In zahlreichen Orten der jeweiligen Aufmarschgebiete werden extra Container zur Zikadenentsorgung aufgestellt. Den Radau veranstalten die Zikadenmännchen, um Weibchen auf sich aufmerksam zu machen und sich als Partner zu empfehlen. Dazu muss ein Zikadenmännchen lauter zirpen als die Kollegen, das übliche Konkurrenzgeschrei. Der Lärmteppich klingt nach einer Mischung aus knarzenden Geigerzählern, alten Internet-Modems und Vuvuzela-Geblase (das waren die Plastiktröten, mit denen bei der WM in Südafrika dieses Dauersummen in Stadien erzeugt wurde).

Wer sich nur eines der Tiere ins Ohr steckt, hört angeblich den Lärm eines Presslufthammers

Der Sound ist durchdringend. Je nach Quelle werden unterschiedliche Vergleiche bemüht: Mal entspricht der Pegel der Tiere dem eines Presslufthammers, dann dem einer Diesellokomotive oder eines landenden Ufos. Auf cicadamania.com vergleichen die Autoren die Lärmkulisse mit der einer sehr lauten Kantine. Und wenn man sich eine Zikade direkt in den Gehörgang einführe, so heißt es dort, dann befinde sich der Lärm in einer Kategorie mit einem sehr lauten Rockkonzert oder einer Krankenwagensirene. In diesem Falle drohe ein Gehörschaden. Aber wer sich eine zirpende Zikade ins Ohr steckt, hat vielleicht ganz andere Probleme. So oder so: Der Lärm in Maryland, Ohio und den anderen betroffenen US-Bundesstaaten wird bald in den frühen Morgenstunden einsetzen und bis nach Sonnenuntergang andauern. Die Pausen sind kurz, sehr kurz.

Nach der Paarung legt ein Weibchen bis zu 400 Eier ab. Mit einer Art Stachel kratzen sie Furchen in Äste, in denen sie jeweils bis zu 40 Eier deponieren. Im Juni endet der Zikadenspuk dann so plötzlich, wie er begonnen hat. Der Höhepunkt unzähliger 17-jähriger Insektenleben ist vorbei, die Tiere sterben und werden ein Fall für die Stadtreinigung von Cleveland oder anderer Orte, bedecken Terrassen oder verstopfen die Filter von Swimmingpools.

Nach sechs Wochen schlüpft der Nachwuchs. Die Nymphen lassen sich von ihren Ästen hinabfallen, graben sich in den Boden ein und suchen sich eine leckere Baumwurzel, um daran zu saugen und 17 Jahre später wieder ans Licht zu krabbeln.

Wer weiß, was dann über das Jahr ihrer Zeugung geschrieben werden wird: 2016, das war, als Donald Trump zum ersten Mal Präsident der USA wurde, als Kunden sich noch für diese Apple-Produkte mit dem kleinen "i" im Namen interessierten und als England zum ersten Mal Fußball-Europameister wurde. Aber nein, das mit dem EM-Sieg ist nun wirklich zu weit hergeholt.

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