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USA:Die rohe Gewalt der Videos

People take part in a protest against the killings of Alton Sterling and Philando Castile during a march through Times Square in New York

Proteste in New York nach dem Tod von Alton Sterling und Philando Castile

(Foto: REUTERS)

"Gott sei Dank gibt es Apple, Google und Microsoft", sagt der Anwalt der Familie des getöteten Alton Sterling. Viele Schwarze glauben, dass Videos die einzige Möglichkeit sind, Polizeigewalt zu beweisen.

Von Hakan Tanriverdi, New York

Kwasi Craigwell steht am Rand des Bürgersteigs, als die Demonstranten an ihm vorbeiziehen. Der 31-Jährige sieht die Schilder auf denen "Black Lives Matter" steht, die T-Shirts mit der Aufschrit "Bin ich als Nächster dran?" Er hört die Slogans der Demonstrierenden: "We do this for! Alton Sterling! Justice for! Alton Sterling!"

Sterling ist einer von zwei schwarzen Männern, die innerhalb von 48 Stunden durch Schüsse von Polizisten ums Leben gekommen sind. Die zweite Person heißt Philando Castile und auch ihm ist dieser Protest gewidmet.

Landesweit haben Amerikaner am Donnerstag gegen Polizeigewalt demonstriert: in Chicago, Washington, Philadelphia, St. Paul, Atlanta, Dallas (dort wurden mehrere Polizisten erschossen) und eben in New York. Tausende Menschen haben sich hier für eine Demonstration und einen Protestmarsch versammelt, der knapp vier Stunden dauern wird und bei dem sie vom Süden Manhattans bis zum Times Square laufen. Mitten in der Rushhour schlängeln sie sich an Autos auf den vielbefahrenen Avenues vorbei. Der Verkehr ist blockiert.

"Hands up! Don't shoot!"

Doch erstaunlicherweise hupen die Fahrer nur selten, und wenn doch, dann oftmals aus Solidarität. Ein schwarzer Busfahrer streckt seine erhobene Faust aus dem Seitenfenster, symbolisch steht diese Geste auch, aber nicht ausschließlich, für die Black-Power- und Black-Lives-Matter-Bewegung. Zwei Lkw-Fahrer hupen im Takt zu den Parolen ("Hands up! Don't shoot!"), Passanten stehen an den Bürgersteigen, einige von ihnen gröhlen mit. Craigwell schließt sich den Demonstranten an.

"Es scheint so, als ob man jeden Tag aufsteht und es gibt erneut einen Vorfall, in dem Polizisten unverhältnismäßige Gewalt angewendet haben", sagt er, der vor Jahren aus der Karibik in die USA gezogen ist. Seine neue Heimat beschreibt er als "verkorkstes System", in dem Minderheiten willkürlicher Gewalt ausgesetzt würden: "Polizisten können tun, was sie wollen." Es habe keine Folgen für sie, keine juristischen zumindest.

Überall Smartphones

Auf der Demo sind überall Smartphones zu sehen. Fotos werden gemacht, Videos aufgenommen. Das ist durchaus symbolisch gemeint. Viele der Anwesenden glauben, dass die Demonstration vor allem deshalb stattfindet, weil der Tod von Sterling und Castile durch eben solche Videoaufnahmen dokumentiert wurde. Oder, in den Worten des Anwalts der Familie von Alton Sterling: "Gott sei Dank gibt es Apple, Google und Microsoft."

Die Polizisten aus Baton Rouge, wo Sterling starb, trugen zwar Kameras an ihrer Uniform, diese lösten sich aber nach Aussage der Polizei während des Einsatzes. Das einzige Material, das bis jetzt für die Öffentlichkeit zugänglich ist, sind somit zwei Aufnahmen, die jeweils Teile des Polizeieinsatzes aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen. Das Video der Sicherheitskamera des Ladens hat die Polizei beschlagnahmt.

Auf den beiden VIdeos ist zu sehen, wie zwei Polizisten einen Mann in einem roten T-Shirt auf dem Boden fixieren. Eines der Videos zeigt die Sekunden zuvor. Polizisten ringen den Mann nieder. Es macht den Anschein, als habe Sterling keine Waffe in den Händen gehabt. Einer der Polizisten ruft: "Er hat eine Waffe!" Unklar ist, ob der Polizist meinte, dass Sterling an sich bewaffnet war (in Louisiana gilt open carry, das Tragen von Waffen ist also erlaubt.) Kurz darauf werden mehrere Schüsse abgefeuert.

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