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Etwa 200 Kilogramm Erde bekommen Angehörige nach der Terramation. Die kann als Dünger dienen, zum Beispiel für ein Beet im Garten. (Symbolbild)

(Foto: Sorapop/imago images/Panthermedia)

Begraben oder verbrannt werden - das waren bislang die Optionen für Verstorbene. Im Bundesstaat Washington ist nun Terramation erlaubt: ein Verfahren, das den Körper zu Dünger werden lässt.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Man denkt ja hin und wieder mal darüber nach, was nach dem Tod passiert - nein, es geht nun nicht um Himmel und Hölle oder die Wiedergeburt als glückliche Kuh, sondern ganz konkret darum: Was tun mit dem Körper, wenn es vorbei ist? Man könnte Ruhe auf dem Friedhof finden oder in einer Urne, man könnte seine Überreste in den Ozean streuen oder im Weltall verteilen lassen; grundsätzlich bleiben einem allerdings nur zwei Alternativen: begraben oder verbrannt werden. Was aber, wenn, im wahrsten Sinne des Wortes, etwas Neues durch einen wächst? Wenn man zum Beispiel Dünger für einen Baum oder ein Lilienbeet sein könnte?

Terramation heißt das Verfahren, das seit Kurzem ausschließlich im US-Bundesstaat Washington erlaubt ist. "Ich glaube, dass es die Welt verändern kann", sagt Micah Truman am Telefon, und natürlich klingt er aufgeregt. Er ist Gründer der Firma Return Home, die von Mitte Juni an Leichen kompostieren und einen Kubikmeter fruchtbare Erde zu Angehörigen liefern wird: "Es gibt diese Sehnsucht, auch nach dem Tod mit der Welt verbunden zu bleiben. Das können wir über diesen natürlichen, umweltfreundlichen Prozess erreichen; wir wollen verhindern, dass der letzte Akt des Menschen darin besteht, den Planeten zu verschmutzen." Fürs Kremieren braucht es etwa 17 Kubikmeter Erdgas (oder in den USA laut Truman: 120 Liter Heizöl), bei Begräbnissen würden Unmengen an Holz, Stahl, Beton und Balsam (ein Video auf der Return-Home-Webseite rechnet in Golden-Gate-Bridge-Einheiten) benötigt. "Wir bieten die bessere, nachhaltige Alternative", verspricht Truman.

Vereinfacht ausgedrückt passiert genau das, was geschähe, würde man Verstorbene nicht balsamieren, begraben oder verbrennen - nur sehr viel schneller. Leichen werden in einen Behälter gelegt, der aussieht wie ein umgekippter Kühlschrank: 2,40 Meter lang, einen Meter hoch und breit. Dazu 300 Kilo Stroh, Holzhackschnitzel, Sprossen. Das Lüftungssystem, das Truman "Oktopus" nennt, schickt die Mikroben im Zusammenspiel mit Wasser und Wärme in "Hyperdrive", wie er es nennt: Nach nur 30 Tagen ist der Körper kompostiert. Nicht-natürliche Elemente wie künstliche Hüftgelenke, Schrauben oder Silikon werden maschinell aussortiert, die Zähne und Knochen gemahlen und zum Kompost gegeben, der noch einmal 30 Tage lang in einem Behälter ruht. Etwa 200 Kilogramm Erde werden dann an die Angehörigen ausgeliefert. Die kann als Dünger dienen, zum Beispiel, so viel darf Truman über die Kunden sagen, für ein Lilienbeet im Garten.

In Kalifornien und Oregon soll 2022 das Kompostieren von Leichen erlaubt werden

74 dieser Behälter gibt es bei Return Home in der Nähe von Seattle, es ist das derzeit größte Unternehmen der Welt, das sogenannte "Natural Organic Reductions" anbietet. Zudem gibt es nicht weit von dort die gemeinnützige Firma Recompose, hier werden seit fünf Monaten Leichname kompostiert. In den Bundesstaaten Kalifornien und Oregon sollen 2022 Gesetze verabschiedet werden, die das Kompostieren menschlicher Leichen erlauben sollen, in Colorado haben die Gesetzgeber kürzlich dafür gestimmt. "Ich bin überrascht, dass es das in Europa nicht längst gibt", sagt Truman, der hofft, dass gerade von Kalifornien aus - wie bei der Legalisierung von Marihuana vor ein paar Jahren - eine Welle durch die USA und von dort aus auf andere Kontinente schwappt. "Es gibt bereits Konkurrenz - für mich ist das ein Zeichen, dass die Idee funktioniert und es einen Markt gibt", sagt er.

Knapp 5000 Dollar kostet das Verfahren, dazu kommen die Kosten für den Transport, die laut Truman bei "eineinhalb bis zwei Mal so viel wie ein Business-Class-Flugticket von Seattle zum gewünschten Ort" liegen. Truman ist Geschäftsmann, er hat mehr als 20 Jahre lang in der Finanzbranche gearbeitet. "Ich wollte was tun, von dem ich glaube, dass es die Welt verbessert", sagt er - aber er will natürlich auch Geld verdienen, und das führt zur Frage, ob sich dieses neue Verfahren durchsetzen wird. "Es ist eine weitere Alternative, und man muss sagen, dass wir als Branche nicht besonders kreativ gewesen sind", sagt Katey Houston vom Bestattungsinstitut Weeks Funeral Homes in Seattle. Sie glaubt, dass Terramation in den kommenden fünf Jahren zwischen 15 und 20 Prozent des Marktes ausmachen wird.

Landwirte würden längst verstorbene Tiere kompostieren und als Dünger verwenden, sagt Houston: "Es ist ein völlig natürlicher Prozess, der nun bei Menschen möglich ist." Das gesteigerte Umweltbewusstsein habe dazu geführt, dass viele darüber nachdenken würden, was nach dem Tod mit ihnen passieren wird. Vor allem junge Leute suchen neue Wege des Erinnerns. In Deutschland etwa boomen Baumbestattungen. In den USA können Kunden nun eben auch Kompost anfordern. Für ein Beet braucht es nur ein paar Kilo Dünger, den Rest kann man auch der umweltfreundlichen Forstwirtschaft spenden, es entstehen dann Wälder und Wiesen.

Wer also demnächst mal wieder darüber nachdenkt, was nach dem Tod mit einem passiert: Es gibt nun eine dritte Alternative.

© SZ/afis
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