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USA:Amoklauf in Frauenklinik

Trauer in Colorado Springs: Nach dem Amoklauf in der Klinik "Planned Parenthood" legt ein Einwohner des Orts Blumen am Tatort nieder.

(Foto: Daniel Owen/AP)

Ein bewaffneter Mann erschießt in einer Abtreibungspraxis im US-Bundesstaat Colorado drei Menschen. Die Gewalttat zeigt, wie vergiftet das Klima bei diesem Thema ist. Entsteht daraus ein neuer Terrorismus?

Als ein dumpfer Knall ertönte, erkannten Mitarbeiter der Abtreibungsklinik das Geräusch sofort. Sie schickten alle Patienten und Kollegen vom Wartezimmer im Eingangsbereich durch eine Sicherheitstür in die Behandlungsräume und baten alle Beteiligten, ihre Mobiltelefone auszuschalten, um jeden verräterischen Lärm zu vermeiden. Die schnelle Reaktion dürfte viele Leben gerettet haben: Robert Dear, der bewaffnete Eindringling, kam nie am Wartezimmer vorbei, und die meisten möglichen Opfer blieben unverletzt.

Es mag überraschend klingen, dass ein Zentrum für Familienplanung auf schwerste Gewalttaten vorbereitet ist, aber beim "Planned Parenthood"-Zentrum in Colorado Springs war genau dies der Fall. In der Klinik liefen so viele Überwachungskameras, dass die Polizei genau wusste, wo sich der Täter aufhielt und wie viele Menschen er in seine Gewalt bringen konnte. Es dauerte zwar fünf Stunden, bis die Beamten den Mann schließlich zum Aufgeben überreden und festnehmen konnten, und Dear tötete drei Menschen, unter ihnen einen Polizisten, und verletzte neun weitere. Doch ging die Tat am Ende immerhin glimpflicher aus, als es die meisten Beobachter zunächst befürchtet hatten.

"Abtreibungskliniken müssen außergewöhnliche Sicherheitsvorkehrungen treffen, die bei anderen medizinischen Einrichtungen nicht notwendig sind", erklärte Vicki Saporta, die den Verband "National Abortion Federation" leitet. "Dies kann kugelsichere Westen beinhalten, gepanzerte Räume, Überwachungskameras und andere Sicherheitsvorschriften." In der Klinik von Colorado Springs hätten die gut geschulten Mitarbeiter "viele Menschenleben gerettet".

"Wir teilen die Sorge vieler Amerikaner, dass Extremisten ein vergiftetes Klima schaffen."

Am Wochenende erhärtete sich der Verdacht, dass der Täter die Abtreibungsklinik bewusst als Ziel ausgewählt hatte. Medienberichten zufolge erklärte er bei ersten Vernehmungen durch die Polizei, Babys sollten "nicht mehr zerteilt" werden. Auch habe der Verdächtige mehrmals den Namen von US-Präsident Barack Obama genannt, der Abtreibungen befürwortet. Eine anonyme Quelle in Polizeikreisen erklärte, Dears Taten seien "eindeutig politisch motiviert" gewesen. In manchen Berichten hieß es allerdings, Dear habe so viel geredet, dass sich ein zentrales Motiv für seinen Angriff noch nicht ermitteln lasse. Viele Einzelheiten bleiben also unklar, unter anderem auch zum geistigen Zustand des mutmaßlichen Mörders.

Dear, 57, ein großer, bärtiger Mann, gilt als kauziger Einzelgänger, der zuletzt mal in einem Wohnwagen, mal in einer Hütte im Wald lebte. Seine Nachbarn berichten, dass er kein Interesse an Kontakt zu seinen Mitmenschen hatte. In den vergangenen Jahren ist er immer wieder mit Verwandten und Nachbarn in Konflikte geraten. Seine Ex-Frau berichtet, er sei hin und wieder gewalttätig gewesen, doch habe er sich nach seinen gelegentlichen Wutausbrüchen auch wieder entschuldigt.

Was auch immer Dear am Freitag bewegt hat: Seine Gewalttaten fallen in eine Zeit neuer Kontroversen um Abtreibungen in Amerika. Im Sommer hat eine Gruppe von Abtreibungsgegnern den Vorwurf erhoben, Planned Parenthood verkaufe Embryonen an Forscher. Die Aktivisten beriefen sich auf interne Gespräche der Organisation, die sie heimlich mitgeschnitten hatten. Planned Parenthood hat den Vorwurf zurückgewiesen und erklärt, die Aufzeichnungen der Gespräche seien manipuliert worden, um deren Sinn zu entstellen.

Republikanische Kandidaten für das Weiße Haus haben die Kontroverse aufgegriffen und die umstrittenen Vorwürfe noch dramatisiert. In einer TV-Debatte erwähnte die Kandidatin Carly Fiorina die Kliniken von Planned Parenthood und schilderte ein Video mit einem abgetriebenen Fötus, dessen Herz schlage, dessen Beine sich bewegten, während jemand darüber spreche, wie man das Gehirn "ernten" solle für die Forschung. Wie sich herausstellte, gibt es zwar das Fötus-Video, aber weder ist es einer besonderen Klinik zuzuordnen, noch ist darauf jemand zu hören. Es ist auch nicht klar, ob es sich überhaupt um eine Abtreibung handelt oder um eine extreme Frühgeburt.

Nach der Schießerei in Colorado Springs im US-Staat Colorado beklagte Vicki Cowart, eine leitende Mitarbeiterin von Planned Parenthood: "Wir teilen die Sorge vieler Amerikaner, dass Extremisten ein vergiftetes Klima schaffen, das den Terrorismus in diesem Land nährt."

Mehr als 250 Angriffe auf Abtreibungskliniken verüben militante Gegner pro Jahr

Kaum ein Thema ist in den USA so umstritten wie das Recht auf Abtreibung. Der Supreme Court, das oberste Gericht in Washington, hat Abtreibungen 1973 grundsätzlich landesweit erlaubt, doch besonders konservative Staaten haben dies nie wirklich akzeptiert. Kliniken wie die von Planned Parenthood und deren Mitarbeiter sind deswegen immer wieder das Ziel von Drohungen, Einschüchterungen und Gewalt geworden. In den vergangenen 20 Jahren ist es im Schnitt zu 257 Zwischenfällen pro Jahr gekommen, dazu gehörten überwiegend Landfriedensbruch, Vandalismus und Brandstiftung, wobei auch immer mal wieder Ärzte erschossen wurden, weil sie Abtreibungen vorgenommen hatten, zuletzt 2009 in Kansas.

Im Jahr 1994 hat Präsident Bill Clinton ein Gesetz unterschrieben, das Patienten und Angestellte auf dem Weg in die Kliniken schützt, wo sie regelmäßig bedroht und beschimpft werden. Die meisten Patienten kommen nicht für Abtreibungen zu Planned Parenthood, sondern lassen sich über Verhütung und Schwangerschaft beraten und vorsorglich untersuchen. Viele der Patienten sind arm.