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US-Bundesstaat North Carolina:Die Frau, die mehr als 300 Nachfahren hinterlässt

Hester McCardell Ford - Ältester Mensch der USA gestorben

Hester McCardell Ford, hier an ihrem 111. Geburtstag, wurde sogar 115 Jahre alt.

(Foto: Diedra Laird/dpa)

Mit 115 Jahren ist die Afroamerikanerin Hester McCardell Ford gestorben, und märchenhaft ist nicht nur die Zahl ihrer Nachfahren.

Von Moritz Geier

Es war einmal ein Sultan, der hatte 888 Kinder. Okay, vielleicht sollte man das anders schreiben, so klingt es nach einem Märchen. Der sagenumwobene marokkanische Sultan Mulai Ismail, geboren 1645, gestorben 1727, ist aber trotz zweifelhafter Faktenlage im Guinnessbuch der Rekorde gelandet, Mann mit den meisten Nachkommen, und vor ein paar Jahren haben Wissenschaftler mit einem Algorithmus und einer Computersimulation sogar mal ausgerechnet, dass durchaus möglich ist, was eher nach Märchen klingt.

Basierend auf der Tatsache, dass ein Mann im Durchschnitt zwischen einem und 28 Mal Sex haben muss, um ein Kind zu zeugen, so folgerten sie, musste der Sultan im günstigsten Fall 0,8 Mal Sex pro Tag gehabt haben, eher aber zwei Mal täglich, um auf die Zahl von 888 Kindern zu kommen. Immerhin stand ihm dafür ein Harem von 500 Konkubinen zur Verfügung.

Jetzt aber zu den Märchen der Gegenwart.

Es war einmal eine Amerikanerin, die hatte mindestens 325 Kinder. Zugegeben, damit sind an dieser Stelle alle Nachfahren gemeint, Kindeskinder und Kindeskindeskinder und sogar Kindeskindeskindeskinder. Dass die Matriarchin Hester McCardell Ford es mit dem Patriarchen aus Marokko zahlenmäßig zumindest annähernd aufnehmen kann, liegt ja auch nicht an ihrer Gebärfähigkeit, sondern an ihrem märchenhaften Alter.

An diesem Samstag ist Hester McCardell Ford in ihrem Haus in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina gestorben, 115 Jahre war sie mindestens alt, die älteste Frau der USA. (Das "mindestens" sei in dieser Rechnung eine zu vernachlässigende Variable, es existieren zwei offizielle Dokumente, die ihre Geburt einmal aufs Jahr 1904 und einmal aufs Jahr 1905 datieren.)

Hester McCardell Ford hatte, so berichtet der Charlotte Observer, zwölf Kinder, 68 Enkel, 125 Urenkel und mindestens 120 Ururenkel. Mehr als doppelt so alt ist sie geworden wie ihr Ehemann. Der starb schon 1967 mit nur 57 Jahren.

Geboren auf einer Farm in Lancaster County, South Carolina, musste sie als Kind Baumwolle pflücken, so wie viele andere Afroamerikaner jener Zeit, obwohl die Sklaverei natürlich lange vorbei war. Mit 14 wurde sie verheiratet, mit 15 gebar sie ihr erstes Kind. Da war gerade der Erste Weltkrieg vorbei. Ford war auch einer der wenigen Menschen, für die eine globale Pandemie nichts Neues war: Sie hatte die Spanische Grippe 1918/1919 miterlebt. Um das Jahr 1960 herum zog die Familie nach Charlotte, da nahm die Bürgerrechtsbewegung in den USA gerade Fahrt auf.

Und so kann man an Fords langem Leben auch den Fortschritt der Afroamerikaner in der US-Gesellschaft ablesen. "Sie war eine Erinnerung daran, wie weit wir als Menschen auf dieser Erde gekommen sind", teilte die Familie mit. Bei ihrem Tod soll die alte Dame von Angehörigen umgeben gewesen sein. Die schönsten Märchen sind halt jene, die der Realität entspringen.

© SZ
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