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US-Amerikaner in Deutschland:"Der Sekt ist schon gekühlt"

Janyla Martin, Benjamin Wolfmeier, Ruth Kreider, Harrison Teeter, Veronica Cancio De Grandy und Antar Keith

(Foto: privat(6))

Selten wurde auf eine amerikanische Präsidentschaftswahl mit so großer Nervosität geblickt wie dieses Jahr. Sechs US-Amerikaner und -Amerikanerinnen, die in Deutschland leben, erzählen, wie sie die Wahlnacht verbringen.

Protokolle von Ramona Dinauer, Mareen Linnartz und Franziska Osterhammer

Vier Jahre können eine überschaubare Zeit sein - aber einem auch Lichtjahre entfernt vorkommen. Die Welt war eine andere, als Donald Trump 2016 zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde. Die US-Präsidentschaftswahl an diesem Dienstag findet unter erschwerten Bedingungen statt: Wegen Corona wird es kaum Wahlpartys geben, dafür werden viele mit Anspannung die Auszählung verfolgen. Wie ist das, wenn man weit entfernt lebt? Wenn man Familie und Freunde nicht um sich hat? Wir haben in Deutschland lebende US-Amerikaner und -Amerikanerinnen gefragt.

Janyla Martin, 20, Bundesfreiwilligendienstleistende, Freiburg im Breisgau

Janyla Martin
(Foto: privat)

Ich habe diese Woche erst per Mail gewählt. Vor fünf Jahren bin ich gemeinsam mit meiner Mutter von Indianapolis nach Deutschland gezogen, sie macht hier ihren Doktor. Meine erste Präsidentschaftswahl ist also aus dem Ausland.

An diesem Dienstag habe ich frei, da werde ich mir noch Snacks und ein Sixpack für meine Lockdown-Election-Night besorgen. Ich hoffe, ich finde online einen Livestream, in dem ich die Hochrechnungen verfolgen kann, dann bleibe ich die ganze Nacht wach. Außerdem werde ich mit meinen US-Freunden, die zum Teil auch in Deutschland leben, in unserem Gruppenchat schreiben.

2016, als Trump gewonnen hat, habe ich in der Schule geweint, weil ich so enttäuscht war. Wenn das noch mal der Fall ist, fließen wahrscheinlich wieder Tränen. Wobei ich auch bei Biden nicht vor Freude schreien würde. Es ist einfach schwierig. Und ich hoffe, dass sich etwas ändert, vor allem für meine Mutter: Sie will im Dezember wieder zurück in die USA gehen.

Ruth Kreider, 59, Therapeutin, München

Ruth Kreider
(Foto: Privat)

Seit 30 Jahren lebe ich in Deutschland, ich gebe zu: Ich habe nicht immer gewählt. Aber dieses Jahr natürlich, zumal ich auch noch aus Minnesota komme, ein "Swing State", ein stark umkämpfter Bundesstaat. Ich bin wirklich sehr nervös. Ab Mitternacht werde ich mit Freunden, Amerikaner und Amerikanerinnen, die wie ich in Deutschland leben, einen Videochat abhalten, etwa fünf bis 20 Leute. Party geht ja nicht, aber so kann jeder reden, wenn er reden will, und schweigen, wenn nicht. Man ist nicht allein mit seiner Unruhe.

Ich glaube, wir sind alle vorsichtig diesmal, was die Prognosen angeht. 2016 dachten wir alle: Hillary Clinton gewinnt, klar! Ich bin geradezu euphorisch auf eine Wahlparty gegangen, hatte Brownies mit blauen M&Ms darauf gebacken - die Farbe der Demokraten. Ab drei Uhr in der Nacht, als klar war, das wird nichts mehr, sind wir in eine Art Schockstarre verfallen. Meine Kollegen in der Arbeit haben mich die nächsten Tage ständig gefragt: Wie konnte das passieren? Aber ich wollte nicht mehr reden und habe nur abgewunken.

Diesmal kommt um drei Uhr nachts meine Tochter zu mir. Um die Zeit müssten die ersten Hochrechnungen aus den Ostküstenstaaten eintreffen. Wenn Biden Florida gewinnt, sieht es gut aus. Aber ich fürchte, es wird länger dauern, bis ein endgültiges Ergebnis feststeht. Ich werde also noch eine Weile nervös sein, nicht nur eine Nacht lang.

Benjamin Wolfmeier, 43, Pressesprecher der Republicans Overseas Germany e.V., Hannover

Aufmacher Pano, Wahlnacht
(Foto: privat)

Eigentlich wollten wir eine große Wahlparty schmeißen, coronabedingt geht das aber jetzt nicht. Deswegen feiern wir nur im kleinsten Kreis daheim. Snacks habe ich schon eingekauft, deutsche und amerikanische gemischt, der Sekt ist schon gekühlt, und an diesem Dienstag muss ich nur noch einen großen Vorrat an Cola besorgen. Denn mein Mann und ich bleiben die ganze Nacht wach.

Die Hochrechnungen verfolgen wir live auf Fox News, außerdem werde ich wahrscheinlich die ganze Zeit mit meiner Familie und Freunden in den USA über Facebook und Whatsapp schreiben. Allein weil ich Pressesprecher der Republicans Overseas in Deutschland bin, muss ich natürlich bestens informiert sein. Aufgeregt bin ich nicht, ich würde es eher freudige Erwartung nennen. Wobei ich selbst gar nicht wählen darf, denn genau genommen bin ich kein US-Amerikaner. Die Familie meiner Mutter kommt aber aus New York. An meiner Vorfreude auf die Wahlnacht ändert das aber nichts.

Antar Keith, 35, Sprachlehrer, Leipzig

Antar r. Keith
(Foto: privat)

Mit den anderen Mitgliedern von Democrats Abroad treffe ich mich online zu einer "Watch Party". Mehr als 300 Amerikaner schalten sich hier aus ganz Deutschland zu politischen Vorträgen und lockeren Diskussionen zusammen. Die Konferenz, die die ganze Nacht gehen soll, verfolge ich leider allein zu Hause wegen der Kontaktbeschränkungen. Eigentlich wollte ein Freund Kürbiskuchen mitbringen, ein anderer Süßkartoffelkuchen. Dazu werde ich wohl regelmäßig Kaffee kochen müssen, wie meine Erfahrungen aus der letzten Wahlnacht gezeigt haben. Die ganze Nacht schlage ich mir aber nicht um die Ohren, da ich am Morgen einen Englisch-Kurs gebe.

Anders als 2016 verfolge ich die Wahlergebnisse auf verschiedenen Kanälen. Ich zappe zwischen CNN und Fox News hin und her, weil ich diesmal wissen will, wie die Gegenseite die Lage einschätzt.

Harrison Teeter, 30, Manager, Berlin

Aufmacher Pano, Wahlnacht
(Foto: privat)

"Ich habe für die Wahlnacht vor, die Corona-Regeln auf jeden Fall einzuhalten und zu Hause bei einem Kumpel die Hochrechnungen live zu verfolgen. Um ein Uhr sollten die ersten Berichte kommen, wir werden es uns dann mit ein oder zwei Bierchen gemütlich machen und gespannt die Zahlen verfolgen. Und natürlich nicht schlafen. Ich habe Politikwissenschaften studiert und deswegen ist die Wahlnacht einfach zu spannend für mich, ich werde nicht wegschauen können, egal, wie schlimm es wird. 2016 habe ich die Wahlnacht in Spanien in einer irischen Kneipe zusammen mit US-Amerikanern verbracht. Die anderen sind irgendwann gegangen, als es ihnen zu aussichtslos wurde. Aber ich bin geblieben.

Veronica Cancio De Grandy, 38, Hochschulmitarbeiterin, München

Veronica Canacio De Grandy
(Foto: Privat)

In der Wahlnacht will ich nicht Nägel kauend vor dem Bildschirm warten. Nach der Arbeit werde ich mir in meiner Wohnung einen ruhigen Abend zu Hause machen, ohne Anruf bei meinen Eltern in Miami. Am Morgen danach sehe ich mir nur kurz an, wer gewonnen hat und bleibe dann jedem Newsfeed fern. Ich werde jetzt erst mal eine Woche lang alle ignorieren, bis sich die Gemüter beruhigt haben. Die Stimmung ist noch viel zu aufgeheizt, um über ein Ergebnis zu reflektieren.

Meine gesamte Familie unterstützt Donald Trump. Meine Oma hat sich sogar vergangenes Wochenende zu Halloween als Trump verkleidet. In den 1960er-Jahren sind meine Großeltern aus Kuba in die USA immigriert. Wie viele Exilkubaner sind sie Republikaner. Dass ich kein Trump-Fan bin, wissen meine Eltern. Meinungsverschiedenheiten diskutiere ich mit meinen Verwandten stark aus. In meinem Bekanntenkreis hingegen haben sich die meisten mit Joe Biden schlichtweg für das geringere Übel entschieden. Beide Kandidaten sind eine schlechte Entscheidung, deshalb kann ich dieses Jahr nicht richtig mitfiebern, da ich mich über den Sieger nicht freuen kann. Egal, wer es ist.

© SZ
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