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US-Proteste gegen Polizeigewalt:Wie ein defekter Blinker das Leben einer Familie ruinieren kann

Er berichtet von Klienten, finanziell ruiniert wurden, weil ihr Blinker kaputt war oder sie angeblich zu schnell gefahren sind. Weil es im Landkreis 91 Kommunen gibt, von denen viele ihre eigenen Gerichte haben, ist das Risiko, eines "Vergehens" überführt zu werden, extrem hoch: Entlang der Natural Bridge Road befinden sich auf 16 Kilometer Länge genau 16 Gemeinden, die - etwa wegen einer fehlenden Versicherung - alle ein separates Verfahren einleiten können.

Die verhängten Strafen betragen oft mehrere hundert Dollar. Wer sich einen Anwalt leisten kann, der Einspruch erhebt, der zahlt zwar meist mehr, doch das Vergehen erscheint nicht in seiner Akte. Wer nicht persönlich erscheint, um die Gebühr zu bezahlen, erhält die nächste Strafe. Und irgendwann werden die "Arch City Defenders" aus dem Gefängnis angerufen. Michael-John Voss versteht, wieso viele Arme nicht mehr an den Rechtsstaat glauben: "Wir reden über Vergehen, bei denen es keine Opfer gibt, doch die Leute werden inhaftiert. Es ist ein Schuldengefängnis."

Erhebliche Folgen für ganze Familien

Ein besonders dramatischer Fall ist der von Nicole Bolten. Die Mutter von vier Kindern hatte ihre Strafe wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung in Florisdale nicht bezahlt. Als sie 2009 unverschuldet in einen Verkehrsunfall verwickelt wurde, überprüfte die Polizei ihre Daten - und entdeckte die ausstehende Strafe. Ihre Schwester konnte die Kinder noch abholen, bevor der Sheriff Bolten ins Gefängnis brachte.

Zwar verfügen viele Gemeinden über ein städtisches Gericht, doch verhandelt wird nur alle zwei Wochen. Wer die Kaution nicht zahlen kann, der muss bis zur Verhandlung hinter Gitter. Wie Nicole Bolten verlieren viele ihre Jobs, wenn sie nicht zur Arbeit erscheinen. Wegen der Geringfügigkeit des Vergehens muss der Bundesstaat Missouri keinen Pflichtverteidiger stellen, der die Hintergründe erläutert. Um aus dem Gefängnis zu kommen, so berichtet Voss, verzichten viele Klienten darauf, über eine Reduzierung der Strafe zu verhandeln und bekennen sich unnötigerweise schuldig.

Mit weitreichenden Folgen: Durch das Schuldeingeständnis wird man offiziell zu einem Straftäter. Diese "felons" dürfen in vielen US-Staaten nicht wählen, sie haben kein Recht auf eine Sozialwohnungen und erhalten keine Essensmarken mehr. Zudem müssen Vorstrafen bei jedem Vorstellungsgespräch angegeben werden, was die Chance auf einen Job dramatisch verringert. Auch wenn nur ein Verkehrsvergehen dahinter steckt.

Außerdem fällt es Menschen, die mit verschiedenen Teilzeitjobs nur gut 12 000 Dollar im Jahr verdienen, sehr schwer, Strafen von durchschnittlich 275 Dollar abzuzahlen. "Oft geht es um die Entscheidung, Essen für die Kinder zu kaufen oder die nächste Rate zu begleichen", sagt Voss. Natürlich dächten die meisten Eltern zunächst an ihre Söhne und Töchter. Diesen Zwiespalt kennen zahlreiche Schwarze in Ferguson: 22 Prozent der Einwohner sind auf Essensmarken angewiesen. Ähnlich viele leben unter der Armutsgrenze; unter den Kindern sind es 35 Prozent.

"Wir leben hier von einem Gehaltsscheck zum nächsten", sagt David Whitt. Wenn es Jobs gebe, dann seien diese oft weit entfernt - nicht selten gehe die Hälfte des Lohns für Benzin drauf. Whitt und den Bewohnern der Canfield Green Apartments geht es wie allen Amerikanern, die keine oder nur eine schlechte Ausbildung haben. Für sie gibt es - unabhängig von der Hautfarbe - immer weniger Jobs in Industrie oder Handwerk. Es bleiben vor allem Teilzeitstellen.

Missouris lange Geschichte der Diskriminierung

Wie intensiv jeder einzelne nach einer Arbeitsstelle sucht, ist schwer zu beurteilen. Doch dass Afroamerikanern rund um St. Louis es schwer haben aufzusteigen (Details hier), hat Gründe, die weit zurück liegen. Um die aktuelle Situation zu verstehen, sagt Politik-Professor Terry Jones, müsse man bis zum Bürgerkrieg in den 1860er Jahren zurückgehen. Missouri sei lange ein Sklavenhalter-Staat gewesen, doch im "Civil War" habe es die siegreichen Nordstaaten unterstützt. "St. Louis sah aus wie eine typische Industrie-Stadt im Norden, doch es gab so viele Vorurteile gegenüber Schwarzen wie im tiefen Süden", sagt Jones.

Solange die Fabriken boomten, zogen immer mehr Afroamerikaner nach St. Louis. In Schulen wie Wohngebieten gab es eine strikte Trennung zwischen Schwarz und Weiß, Gleichberechtigung gab es nur auf dem Papier. 1916 stimmten die Bürger von St. Louis für eine Regel, wonach alle Schwarzen nördlich der Hauptstraße Delmar Boulevard wohnen mussten. Als das Verfassungsgericht dies für verfassungswidrig erklärte, unterzeichneten alle weißen Anwohner untereinander Verträge, die es unter Strafe stellten, Häuser an Schwarze zu verkaufen oder zu vermieten.

Diese "restrictive deed covenants" setzten Missouris Gerichte jahrzehntelang durch - und zementierten so die Rassentrennung. Broschüren für Immobilienkäufer nannten für die jeweiligen Viertel unter anderem den "Anteil von Negern". Auch Bauvorschriften, die es verboten, Mehrfamilienhäuser zu errichten, sorgen dafür, dass Weiße unter sich blieben.