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Urteil zu Beschneidungen:Tradition und Geschichte treten in den Hintergrund

Schritt für Schritt hat der Passauer Strafrechtler sich dann die gängigen Argumente für die Straffreiheit der Beschneidung vorgenommen. Weil es das Recht auf Religionsfreiheit erlaubt? Das findet im Recht auf körperliche Unversehrtheit seine Schranken, sagt Putzke, ebenso das Recht der Eltern, über die Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden.

Weil die Beschneidung dem Wohl des Kindes dient, weil ohnehin weltweit jeder vierte Mann beschnitten ist, in den USA gar 75 Prozent der Männer ohne Vorhaut leben, nicht besser und schlechter als Männer mit? Auch der medizinische Nutzen der Operation sei umstritten, antwortet Putzke. Und wie gut es tatsächlich für ein Kind sei, den Schmerz und die Traumatisierung einer medizinisch nicht notwendigen Operation auszuhalten, um dann zu einer Gemeinschaft zu gehören - das bleibe dahingestellt. "Warum verschieben Juden und Muslime die Beschneidung nicht auf einen späteren Zeitpunkt", fragt er, "und belassen es bei einem symbolischen Ritus, einem kleinen Stich zum Beispiel?"

Es ist eine positivistische Argumentation unberührt und unbeeindruckt von Tradition und Geschichte des Abendlands und Orients - und das wahrhaft Bemerkenswerte an ihr ist, dass das Kölner Landgericht ihr folgt. Das Urteil vom Rhein spiegelt, wie sich das Verhältnis von Recht und Religion in einer Gesellschaft wandelt, die säkular und multireligiös wird.

Irgendwann wird sich wohl Karlsruhe mit religiösen Beschneidungen befassen

Es gibt nicht mehr wie vor dreißig Jahren neben den kulturbestimmenden Christen knapp 30.000 weitgehend für sich lebende Juden und eine muslimische Community, von der man annimmt, dass sie bald wieder in die Heimat zurückkehren wird. Es leben inzwischen mehr als vier Millionen Menschen im Land, deren Religion es gebietet, Knaben zu beschneiden.

Der Sinn für die eigenen christlichen Rituale geht verloren, die der anderen Religionen bleiben erst recht unverstanden, werden bestritten, bekämpft, die Gerichte werden angerufen - und zum Schiedsrichter.

Manchmal zu Recht, wenn es zum Beispiel um dramatische Menschenrechtsverletzungen geht wie die Frauenbeschneidung, die nicht mehr ist als eine Gewalttat zum Zeichen dafür, dass Frauen nicht Herrinnen ihrer Sexualität sein dürfen. Manchmal aber ist es überhaupt nicht gut, wenn sich Richter zu Schiedsrichtern der Religion machen, sich über sie stellen, einen Rechtspositivismus quasi zur Ersatzreligion machen. Wo diese Grenze zwischen legitimem Einspruch im Namen des Grundgesetzes und Grenzüberschreitung liegt, das werden in den kommenden Jahren viele Urteile von vielen Gerichten neu justieren müssen, bis hin zum Verfassungsgericht.

Es spricht einiges dafür dass sich die Karlsruher Richter irgendwann mit der Beschneidung von Knaben aus religiösen Gründen werden beschäftigen müssen. Und dann der Auffassung des Zentralrats der Juden folgen, der im Kölner Urteil einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften sieht.