Urteil "Fast schon erpressbar"

Eine Bewertung nach dem Schulnotenprinzip: So funktioniert das Portal Jameda. Nicht alle Mediziner finden das gut.

(Foto: Uli Deck/dpa)

An diesem Dienstag verkündet der Bundesgerichtshof ein Urteil im Gerichtsstreit um das Ärzte-Bewertungsportal Jameda, eine Kölner Ärztin hatte geklagt. Drei Mediziner erklären, was das für sie bedeuten kann.

Von Felix Hütten und Jan Schwenkenbecher

Bei Jameda können Ärzte nach dem Schulnotenprinzip bewertet werden, etwa "275 000 Ärzte und andere Heilberufler" hat das Online-Portal laut eigenen Angaben in seiner Datenbank. Eine Kölner Ärztin hat jüngst geklagt und fordert, dass ihr Profil gelöscht wird. Jameda weigert sich, an diesem Dienstag verkündet der Bundesgerichtshof sein Urteil. Was bedeutet die Bewertungsseite für den Alltag von Medizinern? Drei Ärzte schildern Erfahrungen.

Adam Kaiser, Augenarzt, Jameda-Note: 4,6

"Als ich die Bewertungen entdeckt habe, hat mich das wirklich getroffen. Ich versuche wirklich immer, nicht nur fachlich gut zu arbeiten, sondern den Patienten auch menschlich gerecht zu werden. Aber natürlich bin auch ich mal gut und mal schlecht drauf, ich war bestimmt nicht zu jedem Patienten immer der absolute Strahlemann. Aber so wie ich da geschildert werde, sehe ich mich selbst nicht. Ich habe dann eine Arzthelferin beauftragt, Jameda im Blick zu behalten. Die Leute glauben ja, dass man sie nicht identifizieren kann, wenn sie dort eine Beurteilung schreiben. Das stimmt aber nicht. Ich behandle etwa 70 bis 80 Patienten am Tag und erinnere mich durchaus an einzelne Probleme. Und wenn Patienten dann wieder in die Praxis kommen, spreche ich sie auch darauf an. Zum Beispiel: Ich habe einen Patienten operiert, es hat alles gut geklappt, nur brauchte er besondere Linsen, die von der Kasse nicht bezahlt wurden. Das habe ich mit ihm besprochen und ihm die Linsen dann in Rechnung gestellt. Daraufhin hat er sich auf Jameda beschwert, von einem Kunstfehler geschrieben und mir mit einer Klage gedroht. Ich habe an Jameda geschrieben, dass ich diesen Eintrag nicht akzeptiere, und er ist dann auch innerhalb weniger Stunden verschwunden. Dummerweise habe ich ihn aber vorher nicht kopiert, denn später kam es tatsächlich zu einer Gerichtsverhandlung. Ich hätte den Eintrag da gerne gezeigt, aber Jameda wollte ihn mir nicht mehr zusenden. Letztlich musste der Patient alles bezahlen.

Ich habe es auch erlebt, dass Patienten mir mit einem schlechten Jameda-Eintrag gedroht haben, um unberechtigte Behandlungen, Termine oder Krankmeldungen zu bekommen. An meinem Rating sieht man, dass sie damit nie weit gekommen sind. Ich war am Anfang durch die schlechten Beurteilungen sehr getroffen, mittlerweile denke ich mir, dass sich ruhig an mir reiben soll, wer das will. Irgendein Patient ist immer unzufrieden - und das ganze Jameda-System lebt davon."

Anja Meurer, Internistin, Jameda-Note: 1,2

"In Jameda ist ja quasi jeder niedergelassene Arzt verzeichnet, Patienten finden einen also, ob man will oder nicht. Kurz nachdem auch unsere Praxis dort aufgelistet wurde, habe ich eine interessante Erfahrung gemacht: Ein Patient, der psychisch krank ist, hat uns eine extrem schlechte Bewertung hinterlassen, zudem zwei mehrseitige Beschwerdebriefe direkt in die Praxis geschickt. Dieser Patient hat bei einem Kollegen von mir eine ähnliche, fast identische Bewertung hinterlassen. Der Kollege hat Jameda gebeten, diese zu löschen - was dann auch passiert ist. Die Bewertung auf unserer Seite jedoch ist nach wie vor zu lesen.

Wir hatten bis vor Kurzem eine Goldmitgliedschaft bei Jameda, sodass Patienten die Möglichkeit bekommen, direkt über das Portal einen Termin zu vereinbaren. Mittlerweile aber vergebe ich diese Termine doppelt, denn mindestens 70 Prozent dieser Patienten kommen nicht, sagen gar nicht oder sehr kurzfristig ab. Zumindest diese Patienten scheinen also nicht unter dem oft beklagten Terminmangel zu leiden. Deshalb haben wir die Goldmitgliedschaft auch wieder gekündigt. Ich möchte auch nicht, dass Patienten denken, wir würden gute Bewertungen kaufen, das hört man ja immer wieder mal."

Michael Lange, Internist und Diabetologe, Jameda-Note: 4,6

"Eine schlechte Bewertung ist geschäftsschädigend. Ich wusste auch lange gar nichts davon, bis mich langjährige Patienten darauf angesprochen haben. Ich habe dann versucht, bei Jameda herauszufinden, von wem diese Einträge kommen, habe aber keine Auskunft erhalten. Das Portal ist in meinen Augen völlig intransparent. Ich weiß also nicht mal, ob diese Patienten wirklich bei mir waren, im Prinzip kann da ja jeder etwas reinschreiben. Ich habe von einer Patientin gehört, dass sie eigentlich nicht zu mir kommen wollte, weil sie die schlechten Bewertungen gesehen hat. Sie war dann ganz verblüfft, dass sie von mir gut behandelt wurde. Für mich als Arzt entsteht ein großer Druck. Vor Kurzem wollte ein Patient einen neuen Insulin-Pen, obwohl seiner noch tadellos funktionierte. Ich habe daher keinen verordnet, da die Kosten schließlich die Allgemeinheit tragen muss. Der Patient aber ist der Meinung, dass ihm dieser zusteht und hat mir eine schlechte Bewertung gegeben. Ärzte haben Angst vor solchen Ereignissen. Wenn ich etwas nicht aufschreibe, beispielsweise Antibiotika bei einer viralen Erkältung, fühlen sich manche schlecht behandelt, obwohl eine Verordnung medizinisch falsch wäre und ihnen sogar schaden kann. Sie beschweren sich dann im Netz und gehen zum nächsten Arzt. Wir sind damit fast schon erpressbar, Meinungsverschiedenheiten werden öffentlich ausgetragen. Das ist schade.