Italien:Heftige Unwetter auf Sizilien

Zwei Menschen kommen in den Fluten ums Leben. Die Wetterprognosen für die kommenden Tage sehen schlecht aus. Experten sehen im Mittelmeer einen "Hotspot des Klimawandels".

Von Oliver Meiler, Rom

Und plötzlich war die Via Etnea ein Fluss, ein reißender Strom. Italien schaut nach Catania und fragt sich, ob das, was seit Montag in der Stadt auf Sizilien und an ihrer Prachtstraße im Zentrum passiert, nur ein besonders außergewöhnliches und unselig langes Unwetter ist. Oder ob sich da schon mit Wucht die Auswirkungen des Klimawandels zeigen. In 24 Stunden fiel in Catania und Umgebung so viel Regen wie sonst in einem halben Jahr, an gewissen Orten sogar so viel wie sonst in einem ganzen Jahr. "Flash Floods", sagen die Experten, wenn sie überfallartige und gewaltige Überschwemmungen meinen.

Das Wasser riss alles mit, es flutete die Lokale an der Via Etnea. Auch das Krankenhaus Garibaldi stand im Wasser, das Rathaus, das Gericht. Salvo Pogliese, der Bürgermeister der Stadt, hatte die Bewohner aufgefordert, daheim zu bleiben und sich möglichst in höheren Stockwerken aufzuhalten. Doch nicht alle mochten sich an den Ratschlag halten. Zwei Männer sind von den Wassermassen weggetragen worden und gestorben, nach einer Frau sucht man noch. Und die Wetterprognosen für die kommenden Tage sind schlecht, für die ganze Region. Sorgen macht man sich auch um 367 Migranten, unter ihnen viele Minderjährige, die vor Agrigent auf der Geo Barents, einem Schiff der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, auf die Zuweisung eines sicheren Hafens warten. Ganze Ernten sind gefährdet, die Gegend rund um Catania ist unter anderem bekannt für ihre wunderbaren Zitrusfrüchte.

Im Süden der Insel dreht ein "Medicane" - so nennt man Sturmtiefs im Mittelmeer. Die bilden sich oft im Herbst im Ionischen Meer und sind in aller Regel viermal weniger stark als ihre Verwandten in den Tropen. Doch dieser Wirbelsturm stellt die Meteorologen vor Rätsel: Seine Winde sind etwa 120 Stundenkilometer schnell, also recht durchschnittlich, er bewegte sich bisher aber kaum vom Fleck. Es ist derzeit noch unklar, ob er bald im Meer verpufft oder zusätzlich an Geschwindigkeit gewinnt und dann die Ostküste Siziliens erreicht.

"Es ist jedes Jahr derselbe Film", schreibt "La Stampa"

Schon im vergangenen Sommer, als einmal 48,8 Grad Celsius gemessen wurden auf der Insel, angeblich die höchste je in Europa registrierte Temperatur, debattierte man in Italien darüber, ob es bereits genügend wissenschaftliche Evidenz gebe, dass es sich bei diesen Ereignissen um Folgen der globalen Erderwärmung handelt. Zweifel wären wohl verwegen, das südliche Mittelmeer erlebt in immer schnellerer Abfolge extreme Phänomene: extreme Trockenheit, extreme Hitze, extreme Regenfälle. Klimaforscher, die nun von den italienischen Zeitungen interviewt werden, sehen im Mittelmeer einen "Hotspot des Klimawandels".

Doch diese großen, globalen Umwälzungen sind nur ein Teil des Problems, der Rest ist hausgemacht: Italien leidet an mangelnder Prävention, an Bausünden und zubetonierten Flussbetten. "Es ist immer derselbe Film, jedes Jahr", schreibt La Stampa in einem Kommentar, "ob eine Katastrophe nun über Ligurien, das Piemont oder Sizilien niedergeht: Jedes Mal enden wir im Schlamm."

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