Unwetter in Benelux:"Besonders klein und verletzlich"

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Auch Teile Belgiens, der Niederlande und Luxemburgs sind von den starken Regenfällen und Überflutungen betroffen. Andere europäische Länder schicken Hilfe.

Von Matthias Kolb, Brüssel

Es ist der Versuch, Hilflosigkeit in Worte zu fassen und trotzdem Zuversicht auszudrücken: "Bei dieser brutalen Naturgewalt fühlen wir uns besonders klein und verletzlich", sagte Belgiens Premierminister Alexander De Croo angesichts des Hochwassers, das vor allem Ost- und Südbelgien stark getroffen hat. Man werde aber alles Menschenmögliche tun, um den Opfern zu helfen, betonte er. Die Brüsseler Tageszeitung Le Soir bilanzierte auf ihrer Titelseite: "Die Ohnmacht". Es folgen 14 Sonderseiten, die das Ausmaß der Verwüstung und das Leid der Menschen dokumentieren.

Am Freitagnachmittag meldeten die Behörden 23 Tote, allerdings dürfte sich wie in Deutschland die Zahl erhöhen, wenn die Rettungskräfte alle überfluteten Gemeinden erreichen. 13 Personen gelten als vermisst. Das Krisenzentrum forderte die Bürger im Süden und Osten des Landes auf, auf sämtliche Reisen zu verzichten. Elio Di Rupo, der Ministerpräsident der besonders betroffenen Region Wallonie, hatte am Morgen von einer "gewissen Entspannung" gesprochen: Substanziell verbessert habe sich die Lage jedoch noch nicht, denn man sei noch immer mit Nothilfe beschäftigt. Das Trinkwasser ist stellenweise ungenießbar, in Ostbelgien sind Zehntausende ohne Strom, und der Schienenverkehr ist stark beeinträchtigt.

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Innenministerin Annelies Verlinden rief bereits am Donnerstag den nationalen Notstand aus und besuchte gemeinsam mit König Philippe und Königin Mathilde die stark betroffene Stadt Chaudfontaine. Um Hilfe aus dem Ausland zu erhalten, aktivierte Verlinden den europäischen Katastrophenschutzmechanismus. Benötigt werden etwa Rettungsboote. Neben Italien und Österreich hilft auch Frankreich. Am Freitagmorgen teilte Premier Jean Castex mit, dass 40 Einsatzkräfte des französischen Militärs sowie ein Rettungshubschrauber in die Region Lüttich entsandt worden seien.

Sofas, Autos und Schutt treiben im Wasser

In der gleichnamigen Universitätsstadt mit 200 000 Einwohnern war die Lage am Donnerstag besonders heikel. Der Bahnhof wurde gesperrt, die Versorgung mit Gas, Wasser und Strom war unterbrochen, und wer entlang des Flusses Maas wohnt, sollte Wohnungen und Häuser verlassen. Filmaufnahmen zeigten einen reißenden Strom, der Steinmauern zum Einstürzen brachte und in dem Sofas, Autos und Schutt trieben.

Autos stehen im Hochwasser einer überschwemmten Straße im belgischen Lüttich. (Foto: Valentin Bianchi/dpa)

Wie die Lütticher Polizei mitteilte, stieg der Wasserpegel der Maas in der Nacht nicht weiter an, wodurch das Stadtzentrum verschont blieb. Auch in den anderen Flüssen der Region, die an Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz grenzt, soll das Wasser nach Einschätzung der Behörden im Laufe des Freitags absinken - allerdings sei das Bild wegen zahlreicher zerstörter oder beschädigter Messstationen beeinträchtigt.

Im niederländischen Maastricht wurden am Donnerstagabend etwa 10 000 Bürger und Bürgerinnen aufgerufen, sich vor dem Hochwasser in Sicherheit zu bringen. Mehrere Hundert Soldaten waren als Unterstützung im Einsatz. Auch das Königspaar reiste in die südniederländische Region Limburg, wo Keller vollliefen und es zu Stromausfällen kam. In grünen Gummistiefeln stapften Willem-Alexander und Máxima durch Valkenburg und sprachen mit Bürgern. Am Freitag wandte sich der König direkt an die Nachbarn Belgien und Deutschland: "Ich wünsche allen Menschen, die von dem Hochwasser betroffen sind, sehr viel Kraft."

Der niederländische König Willem-Alexander und Königin Máxima besuchten das überschwemmte Valkenburg. (Foto: via www.imago-images.de/imago images/ANP)

Pipeline der Nato beschädigt

In Luxemburg stufte die Regierung die Unwetter als Naturkatastrophe ein, dadurch werden sofort 50 Millionen Euro an Soforthilfe frei. Unkompliziert werde man Privatpersonen, Betrieben und Landwirten unter die Arme greifen, sagte Premier Xavier Bettel am Donnerstagabend. Auch im Großherzogtum mussten Hunderte evakuiert werden, etwa aus den Orten Echternach, Hesperingen und Ettelbruck, allerdings starben nach bisherigem Kenntnisstand in Luxemburg keine Menschen. Dort sanken am Freitag auch überall die Pegel fast aller Flüsse außer der Mosel.

Weil ein Pipeline-System der Nato durch die Überschwemmungen beschädigt wurde, über das auch der Luxemburger Flughafen mit Kerosin versorgt wird, wurden Fluggesellschaften zwischenzeitlich gebeten, den Treibstoff auf dem Landweg herbeizuschaffen oder auf andere Airports der Region auszuweichen. Inzwischen ist die Versorgung wiederhergestellt worden, wie das Mobilitätsministerium in Luxemburg aber mitteilte. Immerhin eines dürfte die Bürgerinnen und Bürger in der Benelux-Region ein wenig positiv stimmen: Für die nächsten Tage sind Sonnenschein und Temperaturen von bis zu 27 Grad vorhergesagt.

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