Unwetter auf Sardinien:"Cleopatra" bringt Tod und Verderben

Sintflutartige Regenfälle haben auf Sardinien mindestens 16 Menschen das Leben gekostet. Große Teile der Insel sind überflutet, viele Orte von der Außenwelt abgeschnitten. Ministerpräsident Letta spricht von einer "nationalen Tragödie".

Von Andreas Frey und Benedikt Warmbrunn

Die Flut kam mit einem solchen Tempo, dass sie ihre Opfer völlig überraschte: eine Familie, die in einem Kellergeschoss lebte, das binnen Kürze volllief; eine andere Familie, deren Auto von einer einstürzenden Brücke begraben wurde; oder die Helfer, die die Wassermassen zwar sahen, aber ihre Wucht unterschätzten. So wurde ein Polizist, der mit drei Kollegen einen Krankenwagen begleitete, von der Flut einfach weggeschwemmt und ertrank.

Mindestens 16 Tote forderte das Tief "Cleopatra", das in der Nacht auf Dienstag Sardinien heimsuchte und weite Teile der italienischen Mittelmeerinsel verwüstete. Am Dienstagnachmittag wurden außerdem noch viele weitere Menschen vermisst, wie Regionalpräsident Ugo Cappellacci in einem Fernsehinterview sagte.

Das Unwetter traf besonders den Nordosten der italienischen Mittelmeerinsel, am schlimmsten die Stadt Olbia mit ihren 55 000 Einwohnern. Dort wurden binnen zwölf Stunden pro Quadratmeter 93 Liter Regen gemessen; der durchschnittliche Niederschlag auf Sardinien liegt für den gesamten November bei 76 Litern. Durch den ungewöhnlich heftigen Regen traten Flüsse über die Ufer, sie überschwemmten Straßen und fluteten Keller; die Wassermassen rissen Bäume mit, legten Zuglinien lahm und überspülten Autos. Brücken stürzten ein, teilweise sogar Häuser. In Olbia fiel der Strom aus.

Noch am Dienstag mussten die Rettungskräfte Hunderte Menschen in Sicherheit bringen. Der italienische Ministerpräsident Enrico Letta sprach von einer "nationalen Tragödie". Die Regierung rief den Notstand aus und stellte 20 Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung. Ob das reichen wird, war angesichts der umfangreichen Schäden und der schweren Bergungsarbeiten am Dienstag fraglich.

Kein Zyklon, aber eine ungewöhnliche Wucht

Das Unwetter war so heftig, dass viele italienische Medien zunächst von einem "Zyklon" berichteten. Diese Darstellung beruhte jedoch auf einem Übersetzungsfehler, weil Meteorologen das Tief "Cleopatra" mit dem Fachbegriff "Zyklone" beschrieben hatten. Als Zyklon werden die Wirbelstürme im Indischen und im südlichen Pazifischen Ozean bezeichnet - wäre tatsächlich eine solche Sturmfront auf Sardinien zugezogen, wären die Schäden noch größer ausgefallen.

Trotzdem entwickelte "Cleopatra" eine ungewöhnliche Wucht. Derart mächtige Tiefdruckgebiete treten bevorzugt im Spätherbst auf, zu einer Jahreszeit, in der erstmals richtig kalte Luft aus dem Norden Europas in Richtung Süden strömt und dort auf spätsommerliche Restwärme trifft. Das Mittelmeer ist zurzeit noch fast 20 Grad warm. Stoßen Kaltluft und Warmluft aufeinander, schießt die feuchtwarme Mittelmeerluft in die Höhe, wo sie schwere Gewitterwolken produziert.

Seine zerstörerische Kraft entwickelte "Cleopatra" wahrscheinlich, da von den insgesamt 93 Litern Regen die größte Menge wohl binnen relativ kurzer Zeit fiel, vermutet der Meteorologe Andreas Bach vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach. Die Unwetterlinie zog sehr langsam voran, weshalb es in kurzer Zeit so stark regnete wie in der Region normalerweise von Juni bis Oktober. Zudem sind die Wolken am Gebirge im Norden der Insel "regelrecht gemolken worden", sagt der Geograf Johannes Schönbein von der Universität Freiburg.

Gefährliche Sturzbäche

Ist das Gelände steil, stürzen die Wassermassen zu Tal, der Boden vermag sie nicht zu schlucken und sie fließen oberirdisch weiter. Am Mittelmeer treten solche Sturzbäche im Herbst jedes Jahr auf. Besonders gefährlich sind sie nach einem langen, trockenen Sommer, da der ausgedorrte Boden dann kein Wasser mehr aufnehmen kann. In Spanien und Italien werden die Sturzbäche als torrente bezeichnet.

Da Bäche und kleine Flüsse häufig innerhalb sehr kurzer Zeit anschwellen, können die Behörden die Menschen kaum warnen - vor allem nachts nicht, wenn die Menschen schlafen. Auch in Deutschland sind Vorwarnungen an kleinen Einzugsgebieten nahezu unmöglich.

© SZ vom 20.11.2013/kfu
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