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Ungewöhnliches Hobby:Warum Menschen in Neuseeland ihre eigenen Särge basteln

Auf der Insel hat die Do-it-yourself-Bewegung kuriose Auswüchse: Dort gibt es ein Dutzend Clubs, in denen Heimwerker ausgefallene Objekte für die Zeit nach dem Tod schreinern.

Wir brauchen einen neuen Klub, hieß es im Sommer 2010 im Bürgerhaus von Rotorua, einem Städtchen im Norden Neuseelands.

Stricken? Fischen? Backen? So gut, so gewöhnlich. Bis Rentnerin Katie Williams vorschlug: Lasst uns Särge bauen! Siebeneinhalb Jahre sind nun vergangen, und aus einem Sargbastler-Klub sind inzwischen ein Dutzend geworden. Im ganzen Land werkeln Neuseeländer an ihren Särgen. Anneke Slager, 64, ist eine von ihnen.

SZ: Nichts für ungut, Frau Slager, aber die meisten basteln was fürs Wohnzimmer.

Anneke Slager: Ob Sie es glauben oder nicht, ich kenne Leute, die stellen sich ihre Särge tatsächlich ins Wohnzimmer. Sie legen Kissen drauf und benutzen den Sarg dann als Sofa oder als Couchtisch. Andere nutzen ihn als Minibar.

Ganz schön makaber.

Wieso denn? Es ist einfach nur eine Box - solange niemand drinnen liegt. Und eine hübsch dekorierte noch dazu.

Genau genommen ist es eine hübsche Erinnerung an den Tod.

Das stimmt, aber nur, wenn man den Tod als etwas Natürliches, Alltägliches sieht, verliert man auch die Angst davor. Das Basteln an den Särgen hilft uns, genau das zu akzeptieren.

Wie haben Sie Ihren Sarg denn aufgehübscht?

Ich liebe Kaffee. Deshalb sind auf meinem Sarg Tassen, und auf den Deckel klebe ich dann noch Kaffeebohnen, die riechen einfach so gut.

Verrückt.

Ach was, das ist gar nichts. Eine Frau in unserem Klub ist absoluter Elvis-Presley-Fan. Sie hat ihren kompletten Sarg vollgepflastert mit seinen Fotos und in den Deckel hat sie ein lebensgroßes Poster von ihm geklebt. So wird Elvis immer über ihr liegen.

Soso.

Und einmal kam ein Mann, der sich sein ganzes Leben lang ein Gokart gewünscht hat. Er bat uns, einen Sarg auf Rädern für ihn zu bauen. Also haben wir Rollen an die Box geschraubt und seine Glückszahl draufgemalt.

Sie nehmen also auch Bestellungen an?

Ja, wir verkaufen auch Särge. Umgerechnet 200 Euro verlangen wir. Ich weiß ja nicht, wie viel ein Sarg bei Ihnen in Deutschland kostet, aber hier bekommt man ihn nirgends so billig.

Davon wird das örtliche Bestattungsunternehmen aber nicht begeistert sein.

Nein, nein, denen macht das nichts aus. Für die sind wir nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es gibt hier viele Maoris mit großen Familien und wenig Geld, die können sich einen normalen Sarg gar nicht leisten. Deswegen kommen sie zu uns. Mit einigen sind wir inzwischen sogar befreundet.

Der Sarg dient bei Ihnen also auch der Völkerverständigung?

Ja absolut, ohne den Klub wären wir nie mit den Maori zusammengekommen. Und auch sonst wären viele unserer Mitglieder wahrscheinlich sehr einsam. Die meisten von uns wohnen alleine und haben kaum Besuch. Wir treffen uns einmal in der Woche, basteln zusammen an unseren Särgen, essen gemeinsam und trinken Kaffee.

Und vor Kurzem kam auch eine Regisseurin vorbei.

Genau, sie hat einen Kurzfilm über uns gedreht. Das war vielleicht eine Aufregung, sage ich Ihnen. Wir haben Glitzerkostüme angezogen und sind um die Särge getanzt. Sie sehen schon, traurig ist es bei uns nicht.

© SZ vom 07.09.2017/eca
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