Süddeutsche Zeitung

Unfreiwillig nach Lampedusa geflohen:"Auch ich hätte sterben können"

Lesezeit: 5 min

Nicht alle Flüchtlinge kommen aus eigenem Antrieb nach Europa: Nach dem Schiffsunglück vor Lampedusa erzählt ein Togolese von seiner unfreiwilligen Flucht nach Italien, wie er bei der Überfahrt andere Menschen ertrinken sah - und schließlich von der italienischen Regierung weiter nach Deutschland abgeschoben wurde.

Von Caro Lobig

Wenn Affo Tchassei über das Schiffsunglück vor Lampedusa spricht, sagt er: "Auch ich hätte sterben können." Mindestens 194 Menschen sind am vergangenen Donnerstag vor der italienischen Küste ertrunken, als ihr aus Libyen kommendes Boot Feuer fing und sank. Von den 500 Flüchtlingen werden noch 151 vermisst. Tchassei weinte, als er von der Tragödie hörte. Auch er ist in einem überfüllten Boot von Libyen nach Lampedusa gekommen - und das, so sagt er, obwohl er nie nach Europa wollte. Das war im Jahr 2011.

Seine Reise begann in Libyen im April 2011 nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs. "Ich hatte sechs gute Jahre in dem Land", betont der gebürtige Togolese. Er habe dort in einer afrikanischen Botschaft gearbeitet und genug Geld verdient, um seine Eltern und Geschwister in Togo zu ernähren.

Heute lebt der 37-Jährige in Hamburg auf der Straße. Weil er keinen geregelten Aufenthaltsstatus hat, hat Tchassei dort kein Recht auf Unterbringung, Arbeit oder Sozialleistungen. Seine Verwandten in Togo kann er somit auch nicht mehr unterstützen.

Er gehört zu den dreihundert Männern, die sich seit Mai 2013 in der Flüchtlingsbewegung "Lampedusa in Hamburg" organisiert haben und gegen die Asylpolitik in Europa protestieren.

Von Libyen nach Europa geschickt

Tchasseis Weg nach Europa führte über das Mittelmeer und war riskant - er selbst habe sich das nicht ausgesucht. "Ich hatte nie die Absicht, nach Europa zu kommen, weil ich wusste, dass ich dort keine Chancen habe, keinen Job, kein Geld", sagt Tchassei. Der Bürgerkrieg in Libyen sei der Anlass für die Opposition gewesen, ihn und andere Schwarze aus Libyen wegzuschicken. Man habe ihn für einen Söldner der Regierung gehalten. "Wir wurden von libyschen Oppositionellen in überfüllte Boote gesetzt und nach Europa geschickt", erinnert sich der Togolese.

Eine Geschichte, die Karl Kopp, Europareferent der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl, bestätigt. Tatsächlich seien damals Afrikaner in Libyen zur Flucht nach Europa gezwungen worden. Zwar lasse sich nicht jedes einzelne Schicksal verifizieren, aber Tchasseis Bericht klinge plausibel, sagt Kopp und fügt hinzu: "Leider."

"Es gab kein Zurück", sagt Tchassei von der Überfahrt. Doch damals habe er noch Hoffnung in Europa gesetzt und versucht, nach vorne zu schauen. "Wir dachten, die Länder, in denen wir ankommen, würden uns Schutz bieten", so der Togolese.

Tchassei erzählt von seinem Weg nach Lampedusa:

"Wir waren 750 Menschen auf einem 25 Meter langen und zehn Meter breiten Boot", sagt er. Zwei Tage hat die Überfahrt gedauert. Auf dem Boot gab es nur wenig Wasser. "Ich konnte in zwei Tagen nur einmal etwas trinken, deshalb war ich müde und sehr schwach", erzählt er. Gegessen hat niemand etwas, die meisten Passagiere wurden seekrank und erbrachen.

Die wenigsten Flüchtlinge können schwimmen

Tchassei musste mit ansehen, wie auf der Fahrt drei Flüchtlinge im Meer ertranken. "Wir haben geschrieen und ein Seil nach unten geworfen, um die Menschen zu retten, aber sie konnten nicht schwimmen." Auch Tchassei hat nie schwimmen gelernt. "Ich könnte jetzt genauso tot sein."

Manche Flüchtlingsboote sind bis zu fünf Tage oder länger unterwegs - Tchassei war froh, die Küste bereits nach zwei Tagen erreicht zu haben. In einer Freitagnacht im April 2011 erreichte er Lampedusa. Schon einige Kilometer vor der Küste retteten italienische Beamte ihn und die anderen Flüchtlinge.

"In unser Boot kam immer mehr Wasser und es wäre fast gesunken, weil wir zu viele waren. Außerdem wurde es schon dunkel", erinnert er sich. Italiener kamen den Flüchtlingen dann mit drei großen Schiffen zur Hilfe, um sie sicher an Land zu bringen. Ein Helikopter lokalisierte das Flüchtlingsboot und hielt Ausschau nach Ertrinkenden.

"Wenn uns kurz vor Lampedusa niemand geholfen hätte, hätten wir es nicht geschafft. Die Menschen dort haben ihr Bestes gegeben, um uns zu retten", sagt der 37-Jährige.

Nach seiner Ankunft schlief Tchassei zwei Nächte mit 4500 anderen Geflüchteten auf dem Boden eines Erstaufnahmelagers in Lampedusa. An einem Sonntagmorgen wurden er und andere Flüchtlinge dann in Bussen zu Schiffen gebracht. "Wir wurden aufgeteilt und in verschiedene italienische Städte gefahren", erzählt der Togolese. Er selbst kam nach Bari und wohnte dort drei Tage lang in einem großen Lager mit 2000 Menschen.

Anschließend wurde er nach Fasano, eine kleine Stadt 50 Kilometer entfernt von Bari, gebracht. Dort lebte er zwei Jahre lang im Flüchtlingslager. "Es ist alles andere als gemütlich, es ist hart", beschreibt er die Situation im italienischen Lager. Was er dort gemacht hat? "Nur gegessen und geschlafen. Wir hatten nichts zu tun und durften auch nicht arbeiten."

Anfang 2013 habe die italienische Regierung entschieden, dass sie die Flüchtlinge nicht mehr unterstützen kann, berichtet Tchassei. Die EU hatte kurz zuvor die finanziellen Mittel für Italien zur Aufnahme von Kriegsflüchtlingen eingestellt.

Von Italien nach Deutschland weitergereicht

Tchassei wurde aus dem Lager geworfen und mit hundert Euro und einer Reiseerlaubnis aus Italien weggeschickt. Er ist einer von 300 Lampedusa-Flüchtlingen, die von der italienischen Regierung mit befristeten Reisedokumenten und etwas Geld zur Ausreise gezwungen wurden.

"Ich habe ein Zugticket bekommen und bin nach Deutschland gefahren", sagt er. Er wollte in Hamburg sein Glück versuchen. Dort hat er aber keine Perspektive, weil der Sozialsenat in Hamburg die Rückreise der Lampedusa-Flüchtlinge als "einzige Option" sieht.

"Sie behandeln uns, als wären wir keine Menschen", schimpft Tchassei auf die deutsche Regierung und den Hamburger Senat. Er sagt: "Wir sind voller Talente und dürfen nichts beitragen. Dabei wollen wir doch nur zur Schule oder arbeiten gehen und eine Unterkunft haben." Momentan bietet die St.-Pauli-Kirche in Hamburg Tchassei und den anderen Lampedusa-Flüchtlingen eine Anlaufstelle: zum Schlafen, Essen und Reden. Er ist auf die Unterstützung der Kirche und die Lebensmittel- und Sachspenden engagierter Bürger angewiesen.

"Wir können eben nicht jeden aufnehmen"

Doch die Situation in Hamburg ist kompliziert: Der Aufenthaltsstatus der Lampedusa-Flüchtlinge ist ungeklärt und Zugang zum Winternotprogramm der Stadt - ein zeitlich befristetes Angebot zur Unterbringung von Wohnungslosen - erhalten die Geflüchteten nur, wenn sie ihre Identität preisgeben. Das wollen sie aber nicht, weil sie dann zurück nach Italien geschickt werden können. Gemäß der Dublin-II-Verordnung ist nämlich das erste Land, das die Flüchtlinge betreten haben, für deren Asylverfahren zuständig.

Trotzdem betont der Sprecher der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration in Hamburg (BASFI): "Wir können den Flüchtlingen erst helfen, wenn sie einen Asylantrag stellen." So lange könne es auch keine pauschalen Leistungen geben. Die BASFI sagt: "Wenn sie sich weigern, ihre Identität preiszugeben, ist ihre Situation teilweise selbst verschuldet."

Ohne eine außergewöhnliche Fluchtgeschichte sei es aber auch unwahrscheinlich, dass die Lampedusa-Flüchtlinge in Deutschland bleiben dürfen, so die BASFI. Genau das ist Tchassei und den 300 anderen Afrikanern in Hamburg bewusst. Der Sprecher der BASFI erklärt: "Es ist natürlich ein heikles Thema, wenn man Menschen zurückschieben muss, aber wir können eben nicht jeden aufnehmen".

Pro Asyl bestätigt Geschichten der Flüchtlinge aus Libyen

Die Hamburger Innenbehörde hat dazu eine andere Haltung: "Wenn man das zugrunde legt, was die Männer öffentlich geäußert haben, dürfte es wohl allenfalls für einige wenige von ihnen eine Perspektive in Deutschland geben und für die meisten nicht", so ein Sprecher. Zudem habe nur einer der 300 Lampedusa-Flüchtlinge einen Asylantrag in Hamburg gestellt.

Karl Kopp von Pro Asyl kritisiert, dass Deutschland "sich gerne nicht zuständig fühlt", wenn es um Flüchtlingsfragen geht. "Die Menschen aus Libyen wurden erst Opfer des Bürgerkriegs, mussten dann die dramatische Überfahrt nach Europa mitmachen und sind letzten Endes an dem fehlenden Aufnahmesystem in Italien gescheitert", erläutert Kopp. Für diese Situation müsse Deutschland eine humanitäre Lösung finden und dürfe nicht stur auf die geltenden Gesetze bestehen. "Den Geflüchteten steht ein moralisches Recht auf eine menschenwürdige Perspektive in Europa zu", so Kopp.

Dass die geltenden Gesetze für Tchassei und die anderen Geflohenen nicht ausreichen, hat die Katastrophe von Lampedusa überdeutlich gezeigt.

In dieser Woche beleuchtet die Redaktion von Süddeutsche.de Diskriminierung im Alltag. Zur Themenseite "Alltagsrassismus"

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1787210
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.