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Unfreiwillig nach Lampedusa geflohen:Nur mit Hilfe von Italienern überlebt

"Wenn uns kurz vor Lampedusa niemand geholfen hätte, hätten wir es nicht geschafft. Die Menschen dort haben ihr Bestes gegeben, um uns zu retten", sagt der 37-Jährige.

Nach seiner Ankunft schlief Tchassei zwei Nächte mit 4500 anderen Geflüchteten auf dem Boden eines Erstaufnahmelagers in Lampedusa. An einem Sonntagmorgen wurden er und andere Flüchtlinge dann in Bussen zu Schiffen gebracht. "Wir wurden aufgeteilt und in verschiedene italienische Städte gefahren", erzählt der Togolese. Er selbst kam nach Bari und wohnte dort drei Tage lang in einem großen Lager mit 2000 Menschen.

Flüchtlinge in Hamburg

Seit Mai 2013 demonstrieren etwa 300 Flüchtlinge, die aus Afrika nach Lampedusa flüchteten, auf den Straßen Hamburgs.

(Foto: OH)

Anschließend wurde er nach Fasano, eine kleine Stadt 50 Kilometer entfernt von Bari, gebracht. Dort lebte er zwei Jahre lang im Flüchtlingslager. "Es ist alles andere als gemütlich, es ist hart", beschreibt er die Situation im italienischen Lager. Was er dort gemacht hat? "Nur gegessen und geschlafen. Wir hatten nichts zu tun und durften auch nicht arbeiten."

Anfang 2013 habe die italienische Regierung entschieden, dass sie die Flüchtlinge nicht mehr unterstützen kann, berichtet Tchassei. Die EU hatte kurz zuvor die finanziellen Mittel für Italien zur Aufnahme von Kriegsflüchtlingen eingestellt.

Von Italien nach Deutschland weitergereicht

Tchassei wurde aus dem Lager geworfen und mit hundert Euro und einer Reiseerlaubnis aus Italien weggeschickt. Er ist einer von 300 Lampedusa-Flüchtlingen, die von der italienischen Regierung mit befristeten Reisedokumenten und etwas Geld zur Ausreise gezwungen wurden.

"Ich habe ein Zugticket bekommen und bin nach Deutschland gefahren", sagt er. Er wollte in Hamburg sein Glück versuchen. Dort hat er aber keine Perspektive, weil der Sozialsenat in Hamburg die Rückreise der Lampedusa-Flüchtlinge als "einzige Option" sieht.

"Sie behandeln uns, als wären wir keine Menschen", schimpft Tchassei auf die deutsche Regierung und den Hamburger Senat. Er sagt: "Wir sind voller Talente und dürfen nichts beitragen. Dabei wollen wir doch nur zur Schule oder arbeiten gehen und eine Unterkunft haben." Momentan bietet die St.-Pauli-Kirche in Hamburg Tchassei und den anderen Lampedusa-Flüchtlingen eine Anlaufstelle: zum Schlafen, Essen und Reden. Er ist auf die Unterstützung der Kirche und die Lebensmittel- und Sachspenden engagierter Bürger angewiesen.

"Wir können eben nicht jeden aufnehmen"

Doch die Situation in Hamburg ist kompliziert: Der Aufenthaltsstatus der Lampedusa-Flüchtlinge ist ungeklärt und Zugang zum Winternotprogramm der Stadt - ein zeitlich befristetes Angebot zur Unterbringung von Wohnungslosen - erhalten die Geflüchteten nur, wenn sie ihre Identität preisgeben. Das wollen sie aber nicht, weil sie dann zurück nach Italien geschickt werden können. Gemäß der Dublin-II-Verordnung ist nämlich das erste Land, das die Flüchtlinge betreten haben, für deren Asylverfahren zuständig.

Trotzdem betont der Sprecher der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration in Hamburg (BASFI): "Wir können den Flüchtlingen erst helfen, wenn sie einen Asylantrag stellen." So lange könne es auch keine pauschalen Leistungen geben. Die BASFI sagt: "Wenn sie sich weigern, ihre Identität preiszugeben, ist ihre Situation teilweise selbst verschuldet."

Ohne eine außergewöhnliche Fluchtgeschichte sei es aber auch unwahrscheinlich, dass die Lampedusa-Flüchtlinge in Deutschland bleiben dürfen, so die BASFI. Genau das ist Tchassei und den 300 anderen Afrikanern in Hamburg bewusst. Der Sprecher der BASFI erklärt: "Es ist natürlich ein heikles Thema, wenn man Menschen zurückschieben muss, aber wir können eben nicht jeden aufnehmen".

Pro Asyl bestätigt Geschichten der Flüchtlinge aus Libyen

Die Hamburger Innenbehörde hat dazu eine andere Haltung: "Wenn man das zugrunde legt, was die Männer öffentlich geäußert haben, dürfte es wohl allenfalls für einige wenige von ihnen eine Perspektive in Deutschland geben und für die meisten nicht", so ein Sprecher. Zudem habe nur einer der 300 Lampedusa-Flüchtlinge einen Asylantrag in Hamburg gestellt.

Karl Kopp von Pro Asyl kritisiert, dass Deutschland "sich gerne nicht zuständig fühlt", wenn es um Flüchtlingsfragen geht. "Die Menschen aus Libyen wurden erst Opfer des Bürgerkriegs, mussten dann die dramatische Überfahrt nach Europa mitmachen und sind letzten Endes an dem fehlenden Aufnahmesystem in Italien gescheitert", erläutert Kopp. Für diese Situation müsse Deutschland eine humanitäre Lösung finden und dürfe nicht stur auf die geltenden Gesetze bestehen. "Den Geflüchteten steht ein moralisches Recht auf eine menschenwürdige Perspektive in Europa zu", so Kopp.

Dass die geltenden Gesetze für Tchassei und die anderen Geflohenen nicht ausreichen, hat die Katastrophe von Lampedusa überdeutlich gezeigt.

In dieser Woche beleuchtet die Redaktion von Süddeutsche.de Diskriminierung im Alltag. Zur Themenseite "Alltagsrassismus"

Italien
Das wichtigste zur Asyl- und Einwanderungspolitik
  • "Bossi-Fini" ist seit 2002 das Synonym für die harte Flüchtlingspolitik Italiens.
  • Das Gesetz sieht vor, dass Flüchtlinge aus Drittstaaten, die in internationalen Gewässern von italienischen Patrouillenbooten entdeckt werden, direkt in ihre Heimatländer zurückgesandt werden können. Diese Praxis verstößt nach der Meinung von Kritikern gegen Artikel 13 der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" (1948) und gegen die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951.
  • Kein Boot mit Passagieren ohne gültiges Visum darf an italienischen Küsten anlegen.
  • Wen die Polizei als illegalen Einwanderer identifiziert, wird so schnell wie möglich in sein Heimatland bzw. in einen an das Land angrenzenden Staat zurückgeschickt. Bis zum Zeitpunkt ihrer Ausweisung können Flüchtlinge in Haftzentren für Einwanderer festgesetzt werden. Ein Visum für Italien können sie erst zehn Jahre nach ihrer Abschiebung wieder beantragen.
  • Bis 1998 konnte jeder Ausländer, der seit mindestens fünf Jahren illegal in Italien war, eine unbefristet geltende Aufenthaltskarte für sich, seinen Ehepartner und seine minderjährigen Kinder beantragen. Diese Frist wurde 2002 auf sechs Jahre angehoben.
  • Einwanderer, die Italiener heiraten, können erst zwei Jahre nach der Hochzeit die italienische Staatsbürgerschaft bekommen.
  • Generell gilt seit Inkrafttreten des Bossi-Fini-Gesetzes, dass Menschen aus Nicht-EU-Staaten nur nach Italien immigrieren dürfen, wenn sie bereits über einen Mietvertrag und einen Arbeitsvertrag verfügen. Letzterer muss unbefristet sein, der Immigrant muss in dem Arbeitsverhältnis mindestens 800 Euro verdienen.
  • Seit 2009 ist es unter Strafe gestellt, Flüchtlingen bei der illegalen Einwanderung zu helfen. Das heißt, italienische Staatsbürger, die beispielsweise Ertrinkende aus dem Mittelmeer retten, müssen mit Gefängnisstrafen von bis zu drei Jahren rechnen. Lehrer müssen Kinder von illegalen Einwanderern den Behörden melden.
© Süddeutsche.de/feko/leja/rus
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