bedeckt München 11°

Unfälle - Erfurt:Blumen, Kerzen, Andacht: Trauer nach dem tödlichen Busunfall

Deutschland
Mittels Hebekissen wird der verunglückte Schulbus aufgestellt. Foto: Swen Pförtner/dpa (Foto: dpa)

Berka/Hainich (dpa/th) - Die kleine Dorfkirche von Bischofroda fasste kaum die vielen Menschen: Mit einem Trauergottesdienst ist dort am Freitagabend der zwei bei einem Schulbusunfall ums Leben gekommenen Kinder gedacht worden. Unter den Trauernden waren nach Angaben eines Kirchensprechers viele Familien aus dem Ort im Wartburgkreis. Sie zündeten Kerzen für die Kinder an. Auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und Innenminister Georg Maier (SPD) waren in das kleine Dorf, den Heimatort der Kinder, gekommen.

"Herr, unser Gott, stell diesen gestrigen Tag noch mal auf Beginn, dreh die Uhren zurück", las der evangelische Superintendent des Kirchenkreises Eisenach-Gerstungen, Ralf-Peter Fuchs, aus einem eigens für den Gottesdienst geschriebenen Klagepsalm. Der evangelische Landesbischof Friedrich Kramer sprach den Segen in der Andacht, die einen Tag voller Trauer in dem kleinen Ort abschloss.

Auf dem Weg von Eisenach zur Grundschule in Berka vor dem Hainich war am Donnerstagmorgen ein Bus mit 23 Kindern auf eisglatter Strecke gerutscht und in einen Graben gestürzt. Ein Mädchen und ein Junge im Alter von acht Jahren sterben. 21 weitere Kinder zwischen acht und elf Jahren werden nach Polizeiangaben verletzt, zwei von ihnen schwer. Der Busfahrer erleidet einen Schock. Alle kommen in Krankenhäuser.

Einige Schüler hatten am Freitag das Krankenhaus verlassen und waren schon wieder in der Schule, wie Karola Hunstock sagte. Sie ist die Vorsitzende der Verwaltungsgemeinschaft Hainich-Werratal, zu der Berka gehört. "Aber manche Kinder werden auch noch stationär betreut", fügte sie hinzu.

Schulpsychologen hatten am Freitag in der betroffenen Grundschule ihre Arbeit aufgenommen. "Alle gehen sehr professionell vor", sagte ein Sprecher des Bildungsministeriums. Den Eltern war es freigestellt worden, ihre Kinder am Freitag in die Schule gehen zu lassen.

"Aus allen Klassen sind Kinder da", sagte der Ministeriumssprecher vor Ort. Die Schulpsychologen sollten solange an der Grundschule bleiben, wie es die Fachleute für nötig halten. Dass der Montag ein normaler Unterrichtstag werde, sei unwahrscheinlich. "Auch Alltag soll wieder einkehren, aber man muss aufpassen, dass der Unfall angemessen verarbeitet wird", erklärte der Sprecher.

Die Polizei hat am Freitag mit der Untersuchung des geborgenen Unfallbusses begonnen. Persönliche Gegenstände der Kinder aus dem Bus, wie etwa die Schulranzen, seien sichergestellt und an die Eltern herausgegeben worden, sagte eine Polizeisprecherin.

Nach ersten Ermittlungserkenntnissen gibt es keine Hinweise auf einen technischen Defekt oder ein Fehlverhalten des Fahrers. Fest stehe, dass es in dem Bus Sicherheitsgurte gab. Ob die Kinder angeschnallt waren, konnte eine Polizeisprecherin aber weiterhin nicht sagen.

Der Unfall hat eine Debatte über die Anschnallpflicht in Schulbussen ausgelöst. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) werde den Bundesländern vorschlagen, die seit 2005 geltenden Empfehlungen für die Schülerbeförderung zu aktualisieren, sagte ein Sprecher des Verkehrsministeriums am Freitag in Berlin. Thüringens Landeselternsprecher Roul Rommeiß sagte, es müsse immer wieder überprüft werden, wie die Sicherheit der Kinder erhöht werden könne. Dazu gehöre auch das Anlegen von Gurten. Zudem müsse jeder Schüler im Bus einen Sitzplatz haben. Dazu brauche es aus seiner Sicht ein echtes Schulbussystem statt Linienbussen, sagte Rommeiß.

Der Schülerverkehr erfolgt nach Auskunft des Verkehrsministeriums in Thüringen überwiegend über Omnibusse des öffentlichen Linienverkehrs. Diese sind von der Gurtpflicht ausgenommen. Nach Informationen des Verbands Mitteldeutscher Omnibusunternehmer handelte es sich bei der Unglücksfahrt um eine Linienfahrt. "Im Linienverkehr gilt keine Anschnallpflicht, egal ob es Gurte in dem Bus gibt oder nicht", sagte Verbandschef Tilman Wagenknecht. Daher müssten die Fahrer in solchen Fällen auch nicht zum Anlegen der Gurte auffordern.

Eine Änderung der bundesweiten Regelung zur Gurtpflicht in den Linienbussen hält das Thüringer Verkehrsministerium nicht für angebracht. Dies sei mit Blick auf den häufigen Fahrgastwechsel auf Buslinien - anders als bei Reisebussen - nicht praktikabel, erklärte Sprecherin Antje Hellmann. Zudem gebe es im öffentlichen Nahverkehr eine Mitnahmepflicht im Rahmen der verfügbaren Sitz- und Stehplätze.

"Wie die Statistiken immer wieder beweisen, ist die Fahrt mit dem Bus eine der sichersten Beförderungsarten in Deutschland", konstatierte Hellmann. Das bestätigte auch Busverbandschef Wagenknecht: "Der Bus ist mit großem Abstand das sicherste Verkehrsmittel auf dem Weg zur Schule." Nach Zahlen des Landesamtes für Statistik waren 2018 gut 9900 Kraftfahrzeuge in Verkehrsunfälle in Thüringen verwickelt - darunter 89 Busse. Abschließende Zahlen für 2019 lagen noch nicht vor.

Zur SZ-Startseite