Protest in Kiel "Auf lange Sicht hat die Kreuzfahrt-Industrie keine Zukunft"

Eine Gruppe von Umweltaktivisten hat im Hafen von Kiel ein Kreuzfahrtschiff an der Weiterfahrt gehindert. Eine Studentin, die sechs Stunden auf dem Wasser verbracht hat, erklärt, warum das in der Form einmalig ist.

Interview von Magdalena Pulz

Sechs Stunden lang hing am Sonntagabend ein riesiges Kreuzfahrtschiff samt Besatzung und Passagieren im Hafen von Kiel fest. Grund waren die 50 Aktivisten und Aktivistinnen mit rund 20 Schlauchbooten und Kajaks, die das Schiff am Weiterfahren hinderten. Zu der Aktion, die in Deutschland bislang einzigartig ist, bekannte sich das Kollektiv "Smash Cruiseshit", zu dem bundesweit mehrere Gruppen und Einzelpersonen gehören. Die Organisation wurde eigens für die Blockadeaktion gegründet, um gegen die Umweltverschmutzung durch Kreuzfahrtschiffe und deren schlechte Arbeitsbedingungen zu protestieren. Die 20-jährige Studentin Helena (Name von der Redaktion geändert) war mit dabei - möchte aber anonym bleiben. Sie gehört der "Turboklimakampfgruppe" (TKKG) an, die die Aktion nach eigenen Angaben initiiert und koordiniert hat.

SZ: Wie haben Sie die Räumung der Boote durch die Polizei erlebt?

Helena: Am Anfang gab es ein paar kritische Momente. Ich hatte das Gefühl, dass die einfach versucht haben, uns irgendwie loszukriegen und die Gefahren gar nicht einschätzen konnten - oder wollten. Da ging es schon ruppig zu. Sie haben mit ihrem Motorboot die Kajaks gerammt oder sind so an ihnen vorbeigefahren, dass die Kajaks umgekippt sind. Später kam ein Schlepper, der das Kreuzfahrtschiff abschleppen sollte und Menschen wurden fast zwischen Steg und Schlepper zerquetscht. Einige von uns waren immer mal wieder im Wasser.

Sie waren insgesamt sechs Stunden auf und im Wasser. Wie ging es dann weiter?

Gegen 21 Uhr oder 21 Uhr 30 sind das SEK und ein Tauchteam angerückt und haben uns und unsere Boote aus dem Wasser geholt. Das ging schnell. Uns war zu dem Zeitpunkt auch schon kalt und wir hatten ja auch nicht geplant, die ganze Nacht zu bleiben. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass das SEK kommt. Und die waren super koordiniert und professionell. Viel besser als die Polizei an dem Tag. Ich war zu dem Zeitpunkt auf keinem Boot, sondern saß auf dem Rumpf von dem Kreuzfahrtschiff.

Man wirft Ihnen Widerstand, Hausfriedensbruch und Nötigung vor - finden Sie das Vorgehen gerechtfertigt?

Nein, ich finde die Vorwürfe sehr übertrieben.

Während Sie das Schiff blockierten, gab es da Kontakt zur Crew oder den Passagieren?

Ja, vorne am Bug des Schiffes gibt es eine Luke. Da standen Menschen, die dort arbeiten. Mit denen haben wir uns unterhalten. Die waren hauptsächlich amüsiert, haben gefilmt und Fotos gemacht. Sie wirkten nicht sehr bestürzt, dass wir da waren. Die Touristen dagegen standen oben an der Reling und fanden die Aktion nicht so lustig. Da kamen dann die üblichen Kommentare: "Sucht euch einen Job!" und "Macht lieber was in China oder Indien". Die wollten am Ende einfach nur noch los. Wir haben versucht zu erklären, warum wir das machen, dass wir uns nicht gegen sie persönlich richten, sondern einfach gegen die gesamte Kreuzfahrt-Industrie sind.

Apropos: Ihre Forderungen - weniger Kreuzfahrten und bessere Arbeitsbedingungen auf den Schiffen - die widersprechen sich fast ein bisschen. Wenn es weniger Kreuzfahrtschiffe gibt, dann verlieren ja erst mal Tausende Menschen ihren Job.

Naja, es passiert ja nicht über Nacht, dass alle Kreuzfahrtschiffe verschwinden. Deswegen ist es für den Anfang erst mal wichtig, dass es auf Schiffen auch so etwas gibt wie eine Mindestlohnregelung. Die Reedereien können selbst wählen, unter welcher Flagge sie fahren, was dazu führt, dass auf keinem Schiff deutsches Tarif- oder Betriebsrecht gilt. Aber klar, auf lange Sicht hat die Kreuzfahrt-Industrie keine Zukunft. Da muss man dann auch ungemütliche Wege gehen.

Gibt es denn irgendeine Art und Weise, wie Kreuzfahrtschiffe klimafreundlicher sein könnten?

Im Moment wird oft davon gesprochen, Flüssiggas zu verwenden. Das stößt weniger Schadstoffe aus als Dieselkraftstoff, wird aber durch Fracking gefördert. Und dieses Verfahren ist auch schlecht für die Erde. Dann gibt es noch den sogenannten Landstromanschluss: Da werden die Schiffe im Hafen ans Stromnetz angeschlossen, um nicht die ganze Zeit ihre Motoren laufen lassen zu müssen. Das ist aber super teuer und total schwer umsetzbar. In Hamburg gibt es seit Jahren schon so einen Anschluss, der aber nur von einem einzigen Schiff genutzt wird. Und das auch nicht regelmäßig.

Wie lange hatten Sie die Aktion geplant?

Die Idee ist im Januar entstanden. Am Anfang haben wir nur ab und an rumgesponnen, wie man das anstellen könnte - so eine Aktion gab es in Deutschland noch nie. Es gab also keinen Vergleich und keine Orientierung. Dann wurde die Planung konkreter und schließlich haben wir andere Gruppen dazu eingeladen.

Aber woanders gab es solche Aktionen schon?

In Venedig gibt es die Gruppe "No Grandi Navi". Die haben vor zwei Jahren auch mit kleineren Booten Kreuzfahrtschiffe blockiert. Die haben es auch geschafft, dass die großen Kreuzfahrtschiffe nicht mehr direkt in der Innenstadt anlegen dürfen. Da hatten wir die Idee her.

Machen Sie sich keine Sorgen wegen der rechtlichen Konsequenzen?

Eigentlich nicht. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass wir wegen Hausfriedensbruch auf öffentlichen Gewässern echt Ärger kriegen. Vielleicht aber klagen Passagiere oder die Kreuzfahrtgesellschaft auf Schadenersatz. Da muss man mal schauen.