Umstrittene Konföderiertenflagge:Das Kreuz mit dem Süden

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Die 1861 entworfene Kriegsfahne der Konföderierten: Sie weht auch heute noch in unmittelbarer Nähe des Regierungssitzes im Bundesstaat South Carolina.

(Foto: AFP)

Das Attentat von Charleston hat die Frage nach der Bedeutung der Konföderiertenflagge neu aufgeworfen. Es erfordert einiges an politischer Blindheit, all das Blut und den Schmutz zu übersehen, die an ihr haften.

Von Jörg Häntzschel

Mal im Schlafzimmer, mal zwischen Topfpflanzen: auf seiner Website posierte Dylann Roof, der vergangene Woche neun Schwarze in einer Kirche in Charleston, South Carolina, erschoss, wieder und wieder mit der Südstaaten-Flagge. Seit der Entdeckung dieser gleichermaßen verstörenden wie unfreiwillig komischen Bilder ist in den USA die alte Debatte über die Flagge der Konföderation neu entbrannt.

Es geht dabei um die Frage, ob sie nur spleenige aber harmlose Südstaaten-Nostalgie und Heimatliebe ausdrückt so wie die Freistaat-Bayern-Flagge, die in vielen Vorgärten eher unrebellischer Bayern flattert. Oder ob sie für die selben Werte steht, wegen derer 1861 die Staaten der Konföderation die Abspaltung von der Union betrieben und Fort Sumter angriffen, namentlich diesen: "die große Wahrheit, dass der Neger dem Weißen nicht gleich ist; dass seine Versklavung, Unterordnung unter die überlegene Rasse sein natürlicher und normaler Zustand ist", wie es der Vizepräsident der Konföderation, Alexander Stephens, vor Beginn des Bürgerkriegs proklamierte.

Che Guevara für Rednecks

Für viele im Süden hat sich die Bedeutung der Flagge seit langem von all dem gelöst. Dass grafische Echos der Südstaaten-Flagge in den Fahnen von Alabama, Florida und Mississippi erscheinen, sehen sie als Beleg dafür, dass ihre Symbolik durch offiziellen Gebrauch reingewaschen sei. Wobei Rassismus auch im politischen Mainstream der Südstaaten bekanntlich tief verwurzelt ist.

Für andere drückt sie nicht Rassenhass aus, sondern eine vage Idee von Rebellion. Sie ist für Rednecks - Fernfahrer, Army-Veteranen, Harley-Davidson-Opas - das, was der ikonische T-Shirt-Che-Guevara für Linke ist. Für die Altrocker von Lynyrd Skynyrd ("Sweet Home Alabama") etwa gehört die Flagge zum Bühnendekor. Die "Rebellenfahne" stehe für "kulturelles Erbe, nicht Hass" erklärte Gitarrist Gay Rossington. Als die Band die Flagge vor ein paar Jahren aufgab, forderten die Fans sie empört zurück.

Doch es erfordert schon einiges an politischer Blindheit, all das zu übersehen, was an Blut und Schmutz an der Flagge haftet. Zumal mit dem Bürgerkrieg ja keineswegs Schluss war. Milizen, Weiße Suprematisten und allen voran der Ku Klux Klan haben die Fahne zu ihrem Symbol gemacht.

Wie schwer sich der Süden mit dem Konflikt zwischen Historie und Gegenwart tun, zeigt sich an South Carolinas Kapitol. Bis zum Jahr 2000 wehte die Flagge von der Kuppel, dann stellte man ihr einen Mast an einem Bürgerkriegsdenkmal nebenan auf - mit dem Nebeneffekt, dass sie nach dem Attentat nicht auf Halbmast gesetzt wurde. Inzwischen ist das "Southern Cross" auch zum Symbol für den Kampf um Meinungsfreiheit geworden. Am Tag nach dem Attentat entschied der Supreme Court, Texas habe das Recht, das Southern Cross auf "vanity plates", den mit Slogans und Werbung verzierten Nummernschildern, nicht zuzulassen.

© SZ vom 23.06.2015/fued
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