Überschwemmungen nach Dauerregen Katastrophenalarm in Bayern, Thüringen und Sachsen

Flüsse überfluten Straßen, ganze Ortschaften werden evakuiert, Dämme und Schleusen halten dem Hochwasser nicht stand. Die Rettungskräfte sind im Dauereinsatz - und kommen doch nicht gegen die extremen Regenfälle an. Jetzt kommt die Bundeswehr den überschwemmten Gebieten zu Hilfe.

Die Hochwasserlage ist im Süden und Osten Deutschlands, sowie in den Nachbarländern mittlerweile dramatisch. Mehrere Städte und Landkreise in Bayern, Thüringen und Sachsen riefen Katastrophenalarm aus. Die Bundeswehr bereitete sich auf Hilfseinsätze vor. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sicherte den vom Hochwasser am stärksten betroffenen Ländern die "volle Unterstützung" zu. In Tschechien und Österreich kamen drei Menschen ums Leben - mehrere weitere werden noch vermisst.

Bayern: Jahrhunderthochwasser in Passau

Nach tagelangem Dauerregen droht Passau und Südostbayern ein bislang noch nicht dagewesenes Hochwasserdrama. Die Staatsregierung hat einen Krisenstab eingerichtet. Das erste Treffen mit Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) an der Spitze sei für diesen Montag um 12.00 Uhr geplant, sagte Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP). Vor Beginn eines Krisentreffens in der Staatskanzlei hatte Seehofer am Sonntag gesagt: "Wir haben bereits Regionen in Bayern mit einem sogenannten Jahrhunderthochwasser. Möglicherweise werden wir eine Entwicklung bekommen, die zu einem Hochwasser führen könnte, das bisher noch nie dagewesen ist."

In Passau sind die Einsatzkräfte zusehends überfordert. Viele Häuser waren nur noch über Stege zu erreichen. In der Stadt droht das schlimmste Hochwasser seit dem Mittelalter - für die Donau ist ein Pegel von gut zwölf Metern prognostiziert. Das Jahrhunderthochwasser 2002 hatte einen Höchststand von 10,81 Metern. Einige Anwohner in der Altstadt von Passau müssen die Nacht zum Montag ohne Strom auskommen. Aus Sicherheitsgründen sei der Strom abgestellt worden, sagte ein Sprecher der Stadt. Die Verteilerkästen in den Gebäuden drohten unter Wasser zu geraten.

Autobahn bei Bamberg: In vielen Regionen Bayerns gibt es bereits jetzt Hochwasser.

(Foto: dpa)

In Berchtesgaden brach die Schleuse eines Bergsees, die Wassermassen ergossen sich unkontrolliert ins dort wenig bevölkerte Tal. In Oberbayern schwoll die Tiroler Achen bedrohlich an. Alle über den Fluss führenden Brücken wurden gesperrt. Die Ortschaften Unterwössen und Schleching waren von der Außenwelt abgeschlossen. Auch die Pegelstände der Mangfall in Rosenheim könnten bald einen neuen Rekord erreichen, befürchtete ein Sprecher der Stadt. Der Damm drohte zu brechen. Teile der oberbayerischen Nachbarstädte Rosenheim und Kolbermoor sind am Sonntagnachmittag wegen des sich zuspitzenden Hochwassers evakuiert worden.

Der Unterricht fällt am Montag nach Ende der zweiwöchigen Pfingstferien in etlichen Städten und Landkreisen Bayerns aus - darunter Stadt und Landkreis Rosenheim, der gesamte Kreis Berchtesgadener Land, in den Gemeinden Bad Wiessee, Rottach-Egern sowie in der Stadt Tegernsee. In Passau bleiben am Montag insgesamt 14 Schulen geschlossen. Auch die Abiturprüfungen an der Rosenheimer Fachoberschule (FOS), der Berufsoberschule (BOS) und der städtischen Gymnasien fallen in Absprache mit dem bayerischen Kultusministeriums aus.

Einen ausführlichen Bericht aus den Hochwassergebieten im Freistaat finden Sie hier im Bayern-Ressort auf Süddeutsche.de.

Land unter auch in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt

In Greiz wurde mit Evakuierungen begonnen. In Jena sollen die Schulen und Kindergärten am Montag und Dienstag geschlossen bleiben. In Chemnitz trat der gleichnamige Fluss über die Ufer - und überschritt kurzzeitig die Schwelle der Hochwasser-Alarmstufe 4. Für die Zwönitz galt bereits die höchste Alarmstufe.

Die thüringische Kleinstadt Gößnitz mit ihren rund 3000 Einwohnern sollte komplett evakuiert werden. "Gößnitz läuft voll", hieß es. Die Menschen sollten bei Verwandten oder in einem Notquartier untergebracht werden. In Gera wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Beendet ist inzwischen die Evakuierung von Serbitz. Aus dem kleinen Ort sind nach Behördenangaben 150 Menschen in Sicherheit gebracht worden, weil ein Damm zu brechen droht.

In Sachsen wurden vor allem im mittleren und westlichen Erzgebirge am Sonntag weiter erhebliche Niederschläge erwartet, teilte das Umweltministerium mit. Auch in Zwickau und im Landkreis Leipzig riefen die Behörden den Katastrophenfall aus. In Zwickau brachten Helfer Menschen eines Ortsteils in Sicherheit. Das Wasser der Mulde war dort nur noch wenige Zentimeter von der Dammkrone entfernt. Im Vogtland lief die Talsperre Pirk über. In Grimmas Altstadt standen Straßen unter Wasser. "Rund 2000 Menschen müssen in Sicherheit gebracht werden", sagte eine Stadtsprecherin. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sagte seinen Besuch in der Türkei ab.

Auch in Sachsen-Anhalt gab es keine Entwarnung. An mehreren Pegeln an der Saale und der Weißen Elster gilt weiter die höchste Warnstufe 4. "Die Lage sieht vor allem bei Wetterzeube dramatisch aus. Hier droht an der Weißen Elster das höchste Hochwasser seit 1924", sagte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU).

Dramatischer Rettungseinsatz in Steinmauern, Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg mussten die Helfer zu mehr als 3000 Einsätzen ausrücken. In Reutlingen wurden am Sonntag zwei Menschen vermisst - sie könnten in die Echaz, einen Neckarzufluss, gefallen sein. Im Stadtgebiet lief eine Tiefgarage voll Wasser. Im Nachbarort Gönningen trat die Wiezaz über die Ufer und überschwemmte die Produktionsanlagen einer Firma, eine Schule und eine Turnhalle.

Dramatische Szenen in Steinmauern bei Rastatt: Eine 29-Jährige war laut Polizei mit ihrem voll besetzten Auto trotz Straßensperre ins Hochwasser von Murg und Rhein gefahren. Der Wagen wurde von der Fahrbahn gespült, verfing sich aber in Bäumen. Die vier Insassen retteten sich aufs Dach. Beim Rettungsversuch kenterte ein Boot der Feuerwehr. Alle zehn beteiligten Personen fielen ins Wasser, konnten aber gerettet werden. Nach Angaben von Rettungskräften und Polizei trat auch der Neckar bei Tübingen über die Ufer.

Weite Strecken von Rhein, Main und Neckar für Schifffahrt gesperrt

Auf weiten Strecken von Rhein, Main und Neckar wurde die Schifffahrt wegen des Hochwassers gestoppt. Am Mittelrhein wurden weitere Überschwemmungen erwartet. Am Sonntagabend dürfte der Schiffsverkehr eingestellt werden, schätzte das Hochwasserzentrum Mainz. Schon zuvor mussten Schiffsführer langsamer und weiter entfernt vom Ufer fahren. Erst am Dienstag dürften die Wasserstände dort ihren Höhepunkt erreichen. Auch auf dem Rhein zwischen der Schweiz und Frankreich sowie Deutschland war am Sonntag jeglicher Schiffsverkehr untersagt. In der Schweizer Rheinmetropole Basel forderte der Krisenstab die Bevölkerung auf, sich nicht in die unmittelbare Nähe des Rheinufers zu begeben.

Bundeswehr unterstützt in den besonders stark betroffenen Regionen

Auswirkungen der Unwetter

Land unter

Zur Unterstützung der besonders betroffenen Hochwasser-Regionen bereitet die Bundeswehr einen Einsatz in den Bundesländern Bayern, Sachsen und Thüringen vor. Die für die Koordination der Hilfe zuständigen Landeskommandos in München, Dresden und Erfurt seien alarmiert und stellten derzeit ihre Einsatz-Kontingente zusammen, teilte die Bundeswehr in Berlin mit. Die Einsätze in den Hochwasserregionen werden zentral durch das Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr in Berlin geleitet.

In Berchtesgaden in Bayern würden 100 Soldaten als "helfende Hände" im Kampf gegen das Hochwasser eingesetzt, teilte das Bundesverteidigungsministerium in Berlin mit. Auf Anfrage des Landes Sachsen kämen Soldaten auch den Bewohnern in der Region Glauchau im Landkreis Zwickau zur Hilfe. Im bayerischen Bischoffswiesen und in Straubing unterstütze die Bundeswehr die Einsatzkräfte durch Bereitstellung von Unterkünften und Verpflegung, und in Bad Reichenhall stelle die Bundeswehr warme und trockene Bekleidung für Evakuierte zur Verfügung.

Zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den vom Hochwasser am stärksten betroffenen Ländern die Unterstützung der Bundesregierung zugesagt und den Einsatz der Bundeswehr angeboten. Wie ein Regierungssprecher am Sonntag mitteilte, telefonierte die Kanzlerin mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) und mit Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU). Die Bundesregierung stehe in ständigem Kontakt mit den betroffenen Ländern. Seehofer will sich am Montag an Brennpunkten des Hochwassergeschehens, insbesondere in Passau, über die aktuelle Lage informieren.

Dramatische Situation in Österreich, Entspannung in der Schweiz

Bislang gab es durch Überflutungen in Österreich mindestens einen Toten. Zwei weitere von Wassermassen mitgerissene Menschen wurden bis zum späten Sonntagabend noch vermisst. Prekär war die Lage unter anderem in der Wachau, wo die Altstadt von Melk teilweise von der Donau überflutet wurde. In der Wachau rechnet der Katastrophenschutz mit einem Donau-Pegel von bis zu elf Metern. Beim August-Hochwasser 2002 waren 10,90 Meter gemessen worden.

Die Polizei ordnete unter anderem in Klosterneuburg und Kritzendorf, rund 20 Kilometer nördlich von Wien, Evakuierungen an. Aus Sicherheitsgründen musste dort wie auch in anderen Ortschaften der Strom abgeschaltet werden. Im ganzen Land waren Hunderte Feuerwehren und Tausende freiwillige Helfer im Einsatz.

Wie in Österreich wurden auch in der Schweiz etliche Straßen durch Hangrutsche und Überschwemmungen unbefahrbar. In der Eidgenossenschaft mussten ebenfalls Bewohner mehrerer Ortschaften in Sicherheit gebracht werden. Allerdings stabilisierte sich die Lage in der Schweiz, nachdem am Sonntagmorgen die Regenfälle aufgehört haben. Gegen Abend meldeten die meisten Kantone eine Entspannung der Hochwassersituation.

Tschechische Regierung ruft den Notstand aus

Die Regierung in Prag rief am Abend den Notstand aus. Die Maßnahme in Tschechien gelte in allen Regionen mit Ausnahme der Region Pardubice, sagte Ministerpräsident Petr Necas im Tschechischen Fernsehen. Beim Einsturz eines Wochenendhauses bei Prag starben zwei Menschen. An zwei Flüssen in Böhmen wurden drei Wassersportler vermisst. Die Polizei musste die Suche nach ihnen wegen der Wassermassen abbrechen.

"Wir haben noch eine sehr kritische Nacht und einen kritischen Morgen vor uns", warnte der Regierungschef. Die Mitte-Rechts-Regierung stellte umgerechnet 11 Millionen Euro sowie bis zu 1000 Soldaten zur Bekämpfung der Fluten zur Verfügung. An mehr als 50 Orten Tschechiens galt die höchste Warnstufe 3. In Polen kam es vor allem in Südwesten des Landes zu Überschwemmungen.

Wetteraussichten

Trotz der dramatischen Hochwasserlage in vielen Regionen nähert sich der Sommer. Der Dauerregen im Süden und Osten Deutschlands lässt im Laufe des Montags langsam nach, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach mitteilte. Dennoch sehen Experten die Hochwassergefahr noch lange nicht gebannt.