Süddeutsche Zeitung

Überschwemmungen in Deutschland:Flut zieht sich langsam zurück

Ein Ende der Flut ist in Sicht, mancherorts können die Menschen bereits in ihre Häuser zurück. Doch noch immer stehen viele Quadratkilometer Land unter Wasser und nicht überall ist der Katastrophenalarm aufgehoben: Die Deiche sind bedroht.

Die Pegelstände in den Hochwassergebieten sinken, trotzdem gibt es nicht überall Entwarnung: Wegen aufgeweichter Deiche besteht immer noch die Gefahr von Dammbrüchen. An einigen Orten der Bundesrepublik belasteten Regenschauer die Deiche zusätzlich. Der Katastrophenalarm ist in manchen Orten noch nicht aufgehoben - auch wenn anderswo viele Einwohner ihre Häuser wieder beziehen und Schulen zum Normalbetrieb zurückkehren können.

In Sachsen-Anhalt standen nach wie vor viele Dutzende Quadratkilometer unter Wasser. In Magdeburg entspannte sich die Lage, dort soll am heutigen Freitag wieder an allen Schulen Unterricht sein. Die Bewohner konnten inzwischen in ihre Häuser zurück. Im Landkreis Stendal dagegen bleibt die Lage angespannt. "Obwohl die Pegelstände der Flüsse teilweise zurückgehen, besteht kein Grund, sich zurückzulehnen", sagte Landrat Carsten Wulfänger (CDU). Probleme bereite derzeit ein Umspannwerk in Sandau, das unter anderem die Stadt Havelberg mit Strom versorgt. Einsatzkräfte seien dabei, das Werk zu sichern.

Auch in Lauenburg in Schleswig-Holstein geht das Hochwasser weiter zurück. Einsatzkräfte beginnen damit, das Wasser aus der Altstadt abzupumpen. Am Pegel in Lauenburg wurden am Freitagvormittag 9,31 Meter gemessen. Das sind zehn Zentimeter weniger als am Donnerstagabend. Normalerweise beträgt der Wasserstand etwa 4,80 Meter.

Der Katastrophenalarm in der Hochwasserregion Mecklenburg-Vorpommerns soll trotz sinkender Pegelstände in Dömitz und Boizenburg erst nächste Woche aufgehoben werden. Voraussichtlich am Dienstag könnten die Schulen wieder öffnen und die Schulbusse wieder normal fahren. Der Wasserstand der Elbe sank trotz teils ergiebiger Regenfälle in der Nacht zum Freitag weiter.

Gauck dankt den Helfern

Im niederbayerischen Deggendorf dankte Bundespräsident Joachim Gauck am Freitag den Helfern und sprach Betroffenen Mut zu. Gauck zeigte sich erschrocken über die Kraft der Wassermassen, die er vom Hubschrauber aus sehen konnte. Die vom Hochwasser betroffenen Anwohner imponierten Gauck: "Das Allerbeeindruckendste ist aber: Du schaust die Menschen an - die sind total erschöpft, aber nicht traurig. Die sind innerlich bewegt." Das zeige ihm, dass die Deutschen sich in Notsituationen auf einander verlassen könnten. Allein bei den Freiwilligen, Berufs- und Werkfeuerwehren sind mehr als 82.000 Menschen im Einsatz gewesen.

EU-Finanzkommissar Janusz Lewandowski sicherte in Brüssel den deutschen Flutopfern zügige Hilfen zu. Voraussetzung sei, dass die Schäden erfasst und ein Antrag auf Hilfe aus dem Europäischen Solidaritätsfonds gestellt werde. Der Vorsitzende des Ausschusses für Haushaltskontrolle im Europäischen Parlament, Michael Theurer (FDP), rechnete laut Mitteilung mit bis zu 500 Millionen Euro der EU. Am Donnerstag hatten Bund und Länder einen Hilfsfonds von etwa acht Milliarden Euro beschlossen.

Der Deutschen Bahn ist durch das Hochwasser wohl ein Schaden von "mehreren hundert Millionen Euro" entstanden. Davon geht Vorstandschef Rüdiger Grube aus, auch wenn die Kosten für Reparaturen an Gleisen und Brücken noch ermittelt werden müssten.

Justizminister der Länder wollen Pflichtversicherung

Bei den Versicherungen beginnt derweil schon die Bestandsaufnahme der Flutschäden. Der Allianz-Konzern könnte glimpflicher davongekommen sein als bei der Elbe-Flut 2002. Europas größter Versicherer muss diesmal voraussichtlich für Schäden in Höhe von 350 Millionen Euro geradestehen.

Deutschlands größter öffentlicher Versicherer, die Versicherungskammer Bayern, rechnet mit Belastungen von etwa 50 Millionen Euro, verursacht durch mehr als 8.000 Schadenfälle.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fordert eine Versicherungspflicht gegen Schäden durch Hochwasser und andere Naturkatastrophen. Dabei müsse es aber für die Versicherten finanzielle Anreize geben, in Schutzmaßnahmen gegen solche Schäden zu investieren, heißt es einem Modell des DIW.

Flugbeschränkungen entlang der Elbe

Notwendig sei eine Staatsgarantie für besonders große Schäden, ohne die die Versicherungsbranche nicht mitmachen werde. Die Justizminister der Bundesländer hatten sich für eine Pflichtversicherung für Hausbesitzer ausgesprochen, die Elementarschäden etwa durch Hochwasser oder Erdrutsche abdeckt.

Um beim Hochwassereinsatz Probleme durch schaulustige Hobbypiloten zu verhindern, verlängerte das Bundesverkehrsministerium Flugbeschränkungen entlang der Elbe. Seit dem Wochenende waren Flüge zum Schutz des Einsatzluftverkehrs an der Donau und Elbe beschränkt. An der Donau um Deggendorf in Bayern werden die Beschränkungen den Angaben nach in der Nacht zum Samstag aufgehoben.

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