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Überschwemmungen auf Madeira:Schlammschlachten

Madeiras Bürger haben nach den schweren Unwettern Dutzende Tote zu beklagen. Auch die Regierung der Insel beklagt sich. Über die Umweltschützer zum Beispiel.

Georg Diez und Javier Cáceres

Die Tragödie kündigte sich in der Nacht an, mit dem sanften Klopfen des Regens an die Fenster von Madeira, und niemand gab sich alarmiert.

Die Schlammmassen rissen ín den Straßen von Madeiras Hauptstadt Funchal Autos mit sich.

(Foto: Foto: Reuters)

Warum auch?

Regen ist nicht ungewöhnlich in Madeira, und der ganze Winter war schon nass gewesen; das hatten die Einheimischen den Touristen gesagt, die im Atlantik ihren Wintern entfliehen wollten und zu viele Wolken vorfanden.

Stunden später jedoch hatte sich das zarte Klopfen längst verwandelt, in einen Sturm von Wasser und Wind, der Teile der Insel ins Rutschen geraten ließ. Und niemand konnte sich mehr erinnern an einen Regen in dieser Menge, nie habe es so etwas gegeben, nicht in 30, nicht in 40, nicht in 50 Jahren habe es so etwas gegeben.

Mindestens 42 Menschen kamen um, mehr als 100 wurden verletzt, am Sonntagnachmittag galten 240 Personen als vermisst. Und Hunderte verloren ihr Obdach. 1993 hatte es einen Erdrutsch gegeben, der acht Menschen in den Tod riss. Er steckt den Madeirenses noch in den Knochen. Doch dies hat alles übertroffen.

Allein zwischen zehn und elf Uhr morgens gingen 52 Liter Wasser pro Quadratmeter nieder. Weil Madeira kein eigenes Wetterradar besitzt, war niemand auch nur ansatzweise gewarnt, dass die Insel zum Fraß des Gerölls werden würde.

Schlammig, braun und brutal

Kleine Bäche schwollen zu Strömen an und wälzten sich durch die engen Schluchten und Täler. Schlammig, braun und brutal wischten sie jede Erinnerung an Ufer fort. Brücken wurden weggehauen, die neuen Autobahnen geflutet, Autos von Steinlawinen mitgeschleift. In Funchal, der Hauptstadt der 250.000-Einwohner-Insel, wurden weite Teile der Innenstadt überspült; aus einem Autotunnel am Hafen schoss das Wasser heraus wie aus einem gigantischen Abflussrohr.

Zwei Menschen erschlug ein Baukran, als der auf ihr Haus stürzte. Menschen flüchteten auf Dächer und Bäume, saßen teilweise noch am Sonntag in ihren Häusern fest. Meterhohe Wellen schlugen gegen die Promenaden, die Erdgeschosse ganzer Straßenzüge waren mit Schlamm vollgepumpt. Vor den Türen türmen sich Steine jetzt meterhoch.

Besondere Sorge macht die Lage in Curral das Freiras, einem Dorf in der ohnehin schwer zugänglichen Inselmitte, das wie andere, kleinere Ortschaften auch am Sonntag noch von der Außenwelt abgeschnitten war. Am Mittag mussten die Rettungshubschrauber umkehren, wegen der Wolken, die in den Bergen hingen, und wegen der starken Winde, die am Samstag mit stellenweise bis zu 100 Kilometern in der Stunde über die Insel gefegt waren. Der Flugbetrieb war deshalb erst Samstagabend wieder aufgenommen worden. Zuvor wurden Dutzende Flüge annulliert, die Reisenden saßen fest. Noch am Samstag machte sich Portugals Ministerpräsident José Sócrates auf den Weg nach Madeira und versprach alle Hilfe.

Im Video: Nach den schweren Erdrutschen auf der portugiesischen Ferieninsel Madeira werden immer noch Meschen vermisst. Mit schwerem Gerät versuchen Helfer, die Schlamm- und Geröllmassen zu beseitigen.

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Wie auch der berühmteste Sohn der Insel, der Fußballer Cristiano Ronaldo von Real Madrid. "Niemand kann diesem Desaster gleichgültig gegenüber stehen", sagte er. Schon in der Nacht hatten sich Hubschrauber der Armee und eine Fregatte der Marine in Bewegung gesetzt, um die örtlichen Feuerwehr- und Polizeikräfte zu unterstützen, Madeira ist 900 Kilometer vom portugiesischen Festland entfernt.

"Die Ufer sind stranguliert worden"

Der Zivilschutz bat die Inselbewohner, nach Möglichkeit in den Häusern zu bleiben, um die Aufräumarbeiten und mögliche Rettungsaktionen nicht zu behindern. Und so glich Funchal einer Geisterstadt, erfüllt von Stille und Angst. Mindestens 250 Menschen mussten evakuiert werden, weil ihre Häuser auch am Sonntag noch einzustürzen drohten.

Viele Bauten sind in den letzten Jahren entstanden, und so mutmaßen Umweltschützer jetzt, dass der Insel nicht nur ihre Höhenstruktur zum Verhängnis wurde, weil das abschüssige Gelände die Wassermassen auf die Küstenstädte regelrecht zutrieb. Sie glauben auch, dass viele Häuser, sogar Krankenhäuser und Feuerwehrgebäude in Gegenden entstanden sind, die der zürnenden Natur völlig hilflos ausgeliefert sind.

Portugal hat zwar keinen so wahnwitzigen Bauboom erlebt wie Spanien. Doch hier, in Madeira, ist sehr wohl wild gebaut worden, steht Hotel an Hotel, Haus an Haus. Bis zum Wochenende waren es noch Denkmäler des Wohlstands und des Touristenbooms. Rund eine Million Menschen, die meisten von ihnen Briten und Deutsche, reisen wegen des eigentlich milden, ausgeglichenen Klimas auf die Insel.

Der Ministerpräsident beschwichtigt

Nun scheinen die Bauten zum Symbol für Grenzen und Gefährdungen dieses Booms zu werden. Gerade Funchal sei in den letzten zwanzig, dreißig Jahren zu sehr und falsch gewachsen, glaubt Hélder Spinola von der Umweltschutz-Organisation Quercus. "Die Ufer sind regelrecht stranguliert worden", sagt er. Und als wäre das allein nicht schlimm genug, seien auch noch gerade an den Ufern Krankenhäuser und Feuerwehrgebäude entstanden.

"Niederträchtig" nannte Madeiras Ministerpräsident Alberto João Jardim den Umweltschützer deshalb. Jardim, erklärter Bewunderer von Franz Josef Strauß, regiert die Insel schon seit 1978. Hätte es keine Flussbegradigungen gegeben, wäre die Katastrophe noch größer gewesen. Behauptet er. Seine Sorge gelte den Lebenden.

Doch sie gilt auch den Urlaubern, "keine einzige Tourismus-Anlage war betroffen", sagt er. "Wir dürfen das alles nach außen hin nicht zu sehr dramatisieren. Vergessen wir nicht, unsere Wirtschaft ist vom Ausland abhängig." Am Sonntag landeten schon wieder die Billigflieger aus England und Deutschland, bei langsam aufklarendem Himmel.

© SZ vom 22.02.2010/bilu
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