Überschwemmung in Indien Tragödie im Land der Götter

Tausende sind verschollen, Hunderte in den Fluten gestorben. In Nordindien sind Pilger vom heftigen Monsun überrascht worden. Und die Katastrophe droht noch viel schlimmer zu werden.

Von Arne Perras, Singapur

Oben in den indischen Bergen liegt das "Land der Götter". Wenn die Sonne strahlt, wenn ein leichter Wind über die Kämme zieht und Wolken große Schatten auf die steilen grünen Hänge malen, möchten viele von dort gar nicht mehr fort. Die Täler des südlichen Himalayas begeistern Hunderttausende Urlauber und Pilger, die zu den heiligen Stätten und Hindu-Tempeln wandern. Friedliche Höhen, eine wunderbare Welt - solange der Monsun noch nicht hereingebrochen ist.

In der Zeit des großen Regens werden einige Tempelstätten jedes Jahr für mehrere Monate gesperrt, man darf dann nicht mehr hinauf. Aber am vergangenen Samstag sind noch sehr viele Menschen da oben, um die Bergwelt zu genießen, um an den Schreinen zu beten. Zu diesem Zeitpunkt fürchten offenbar weder die Menschen noch die Behörden heftigen Regen. Alle glauben, dass der Monsun erst zwei Wochen später kommen würde, dass sie noch Zeit hätten für ihren Ausflug.

170 Brücken reißen die Fluten mit sich

Aber dann ist er plötzlich da, mit einer Wucht, wie sie Indien seit 60 Jahren nicht mehr erlebt hat. Und die Tragödie in den steilen Schluchten nimmt ihren Lauf. Der Regen, der zwei Tage lang in riesigen Mengen niedergeht, verwandelt die Täler in Schneisen des Todes. 170 Brücken reißen die tosenden Fluten im Laufe der Woche ein, sie spülen mehrere Hundert Straßen fort und viele Häuser gleich mit. Und zwischen den Fluten kämpfen seither Zehntausende Bewohner, Touristen und Pilger darum, lebend davonzukommen.

Schon am Freitag waren mehr als 30.000 Menschen aus den Katastrophengebieten gerettet, aber noch stecken Zehntausende weiter in den Bergen fest. Anfangs sind es nur die Hubschrauber der Armee, die ihnen zu Hilfe kommen können und sie nach und nach ausfliegen, alle Routen am Boden sind noch abgeschnitten. 40 Helikopter werfen Essenspakete und andere Ausrüstung ab, damit die Menschen durchhalten können. Nach und nach werden nun verschüttete oder teils zerstörte Routen wieder geöffnet, sodass die Eingeschlossenen vielleicht schneller in Sicherheit gebracht werden können.

Tausende könnten ihr Leben verloren haben

Verzweiflung, Schock und Trauer halten den Norden Indiens in diesen Tagen gefangen, das ganze Ausmaß der Katastrophe ist noch immer nicht zu fassen. Die Regierung rechnet mit einer "schockierend hohen Zahl" von Toten, wie ein Beamter in den Medien sagte.

Es wird befürchtet, dass Tausende Menschen in den Fluten ihr Leben verloren haben könnten. Aber das sind noch immer Mutmaßungen, denn die Behörden konnten sich in all dem Chaos bislang kaum einen Überblick über die Zerstörungen verschaffen. Viele Tote wird man nicht bergen können, weil sie unter Schlamm und Geröll begraben liegen.