Süddeutsche Zeitung

Übergriffe in Köln:Deutschland rüstet auf

Lesezeit: 5 min

Von Felicitas Kock

Frauen, die sich nachts alleine auf der Straße sicher fühlen, eine Polizei, die als Freund und Helfer verstanden wird - Deutschland gehört zu den Ländern, in denen an solche Dinge geglaubt wird. Oder sollte es heißen wurde? Denn was in Köln und anderen Städten in der Silvesternacht vorgefallen ist, hat Folgen.

"In Köln hat sich das Sicherheitsempfinden auf jeden Fall verschlechtert", sagt Günther Epple, Leiter des Departments für Einsatzmanagement an der Deutschen Hochschule der Polizei. Daten gibt es dazu nicht, Epple kann nur seine persönliche Einschätzung abgeben. Im Grunde fühlen sich die Menschen in Deutschland sehr sicher, das zeigen Befragungen immer wieder. Doch die Übergriffe in der Silvesternacht haben das Sicherheitsempfinden vor allem regional leiden lassen. Um Köln herum. Bundesweit sei das Phänomen nicht so stark, sagt Epple. Gerade in kleineren Städten gehen wohl viele davon aus, dass so etwas bei ihnen nicht möglich sei. In Köln und Düsseldorf aber regt sich nun privat organisierter Widerstand.

Bürgerwehren wollen "Frauen und Kinder beschützen"

Am Samstagabend hat sich zum ersten Mal die Bürgerwehr in Düsseldorf getroffen, die nicht so heißen will, sondern unter dem Motto "Einer für alle, alle für einen ... Düsseldorf passt auf" firmiert. Initiator Tofigh Hamid hatte zuvor mehrfach beteuert, es gehe ihm lediglich darum, Präsenz zu zeigen. Man wolle sich "anständig verhalten und Hilfe anbieten", um die Stadt "für unsere Damen sicherer zu machen", sagte der gebürtige Iraner dem WDR.

Von der Wucht der Unterstützer wurde Hamid überrascht. Mehr als 13 300 Fans hat seine Gruppe auf Facebook (Stand Montagmittag). Tatsächlich haben sich zum ersten Treffen in der Düsseldorfer Altstadt etwa 50 Personen eingefunden.

"Einzelne waren schon am Freitag unterwegs", sagt Susanna Heusgen. Die Sprecherin der Düsseldorfer Polizei sieht den Aktionismus kritisch. Auch wenn der Initiator Gutes im Sinne habe - er könne nicht kontrollieren, wer sich seiner Gruppe anschließe, sagt Heusgen. Die Beamten hätten am Freitagabend bereits polizeibekannte Personen angetroffen. "Es geht nicht, dass die Leute Hilfssheriff spielen." Polizisten seien geschult im Umgang mit der Klientel, die nachts auf den Straßen unterwegs sei: Wer ist angetrunken, wer pöbelt nur, von wem geht Gefahr aus? Laien scheiterten oft schon an der Einschätzung der Lage.

In Düsseldorf habe es am Wochenende keine Zwischenfälle mit der Bürgerwehr gegeben, sagt Heusgen. Das ist die gute Nachricht. Und die gilt auch nur, wenn man von den 20 Personen aus dem linken Spektrum absieht, die vorbeischauten, um ihre Kritik an den Bürgerwehrlern kundzutun. In diesem Zusammenhang sei eine Holzlatte sichergestellt worden, sagt Heusgen und schließt: "Die Bürgerwehr erreicht genau das Gegenteil dessen, was sie angeblich beabsichtigt: Statt der Polizei zu helfen, macht sie den ohnehin gut beschäftigten Beamten noch mehr Arbeit."

Was sich 40 Kilometer weiter südlich formiert, klingt noch beunruhigender. Hier sucht eine "Kölner Bürgerwehr" nach Kampfsportlern, Bodybuildern und Türstehern. Aktuell wird auf der Facebookseite Geld gesammelt, unter anderem für den Erwerb von "wiedererkennbarer Sicherheitskleidung". Man müsse schließlich "unsere Frauen und Kinder vor Übergriffen schützen".

Warum Pfefferspray keine Lösung ist

Günther Epple sieht diese Entwicklung als bedenklich an. Zwar habe es schon früher hier und da Bürgerwehren gegeben, etwa an der Grenze zu Polen, wo Menschen im vergangenen Jahr nachts durch die Dörfer patrouillierten, um einer steigenden Zahl von Einbrüchen Herr zu werden. Doch die Entstehung solcher Gruppierungen drückt aus, dass sich die Leute durch die staatlichen Behörden nicht mehr ausreichend geschützt fühlen. Und dann läuft etwas falsch.

Auch Einzelpersonen rüsten auf gegen die gefühlte Bedrohung. Zum Beispiel bei Jagdbedarf Frankonia in der Kölner Innenstadt. Fragt man dort nach, ob seit Silvester mehr Pfefferspray verkauft wird, bekommt man keine Zahlen, die Antwort ist dennoch eindeutig: "Das können Sie sich ja vorstellen, nach dem, was passiert ist", sagt die Mitarbeiterin am Telefon. Bei Google wird nach Pfefferspray gesucht wie lange nicht, auch die Verkaufstrends bei Amazon legen nahe, dass viele das Bedürfnis haben, sich selbst zu schützen.

Den Trend zum Pfefferspray gab es schon vor der Silvesternacht: 2015 wurde etwa doppelt so viel gekauft wie 2014, sagt Roland Zobel vom Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenhändler e. V. (VDB). Die Terroranschläge - ob nur befürchtet oder tatsächlich ausgeführt wie in Paris oder im tunesischen Sousse - hätten dazu beigetragen. Für das neue Jahr, die Zeit seit den Übergriffen von Köln also, liegen noch keine Verkaufszahlen vor. Zobel weiß jedoch, dass sich aktuell viele Menschen bei der Polizei, bei Verbänden oder in Fachgeschäften über Mittel zur Selbstverteidigung informieren.

Mit dem Pfefferspray ist das so eine Sache: Es darf nur gegen Tiere verwendet werden oder in Notwehrsituationen. Wenn der Täter durch das Spray eine Verletzung am Auge davonträgt und das Opfer nicht nachweisen kann, dass es in Notwehr gehandelt hat, kann es selbst angezeigt werden. "Der Täter ist zudem immer gewaltbereiter als das Opfer", sagt Zobel - wenn es ihm gelinge, die Waffe zu entreißen, sei er meist bereit, sie zu einzusetzen.

Mit Pfefferspray kaufe man eher gefühlte Sicherheit, sagt auch Susanna Heusgen. Wer von einer Gruppe Männer umringt werde, habe in der Regel gar keine Gelegenheit, die Sprühflasche aus der Tasche zu ziehen. Am Ende bekomme die Frau womöglich selbst mehr ab als die Angreifer. Als Mittel zur Selbstverteidigung taugt Pfefferspray wenig, lautet Heusgens Fazit.

Was besser hilft? Die Polizeisprecherin hat kein Patentrezept. Es sei schwierig, Tipps zu geben, weil nicht jede Frau in der konkreten Situation zu jeder Reaktion fähig sei. Wer imstande ist, die Angreifer wegzuschubsen, soll das tun, sagt Heusgen. Wer imstande ist, zu schreien, soll konkrete Personen ansprechen. "Sie da, im weißen Hemd, helfen Sie mir!", sei zielführender als ein pauschaler Hilferuf.

Waffenexperte Zobel empfiehlt den Schrillalarm, eine kleine Dose, die durch Knopfdruck einen Ton in Polizeisirenenlautstärke abgeben kann. Außerdem die taktische Taschenlampe, die durch Stroboskopmodus dafür sorgt, dass dem Angreifer Sterne vor den Augen tanzen - oder CS-Gas, besser bekannt als Tränengas, das keine chemischen Zusatzstoffe enthält und damit auch keine Langzeitschäden hervorruft wie Pfefferspray.

Mehr Anzeigen - bessere Karten für die Polizei

Wichtig ist, dass sich Opfer nach einer Attacke möglichst sofort bei der Polizei melden und dort eine möglichst präzise Täterbeschreibung abgeben. In Düsseldorf gingen nach Silvester bis zum Morgen nur vier Anzeigen wegen sexueller Übergriffe ein. Erst durch die Berichterstattung über die Vorfälle in Köln meldeten sich in den folgenden Tagen deutlich mehr Frauen.

Hinsichtlich des Anzeigeverhaltens beobachtet die Polizei seit Silvester eine Veränderung. Gerade bei sexuellen Übergriffen ist die Dunkelziffer hoch. Oft schämen sich Opfer, versuchen lieber, den Vorfall zu verdrängen, als einem fremden Polizisten davon zu erzählen, und - sofern der Täter geschnappt wird - vor Gericht auszusagen. Das könnte sich jetzt ändern.

Die Aussicht, jemanden anzeigen zu können, mag für Frauen, die sich jetzt vor Übergriffen fürchten, ein schwacher Trost sein. Und zunächst dürfte die Häufung der Anzeigen wegen sexueller Übergriffe das Sicherheitsempfinden noch weiter beeinträchtigen. Doch handelt es sich um eine Verschiebung "vom Dunkelfeld ins Hellfeld", und die kommt der Polizeiarbeit zugute.

Je mehr Übergriffe zur Anzeige gebracht und je mehr Täter zur Verantwortung gezogen werden, umso deutlicher ist, dass es eben keinen rechtsfreien Raum gibt, in dem Frauen, die nachts allein durch die Straßen laufen, Freiwild sind. Und umso schlagkräftiger ist der Rechtsstaat. Auch ohne Bürgerwehr.

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