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Übergriffe an Silvester:Günter Rohland und die Welt schauen auf Köln

Videoüberwachung vor Silvesternacht

Mit acht Kameras kann die Polizei den Bahnhofsvorplatz jetzt lückenlos überwachen.

(Foto: dpa)
  • Köln ist nach der Silvesternacht 2015 zum Synonym für den Stimmungswechsel in der Flüchtlingsdebatte geworden - und für ein Versagen des Staates.
  • Fast alle Übergriffe blieben ohne strafrechtliche Konsequenzen.
  • Hunderte zusätzliche Polizisten, Überwachungskameras und andere Sicherheitsmaßnahmen sollen nun einen friedlichen Jahreswechseln in der Stadt garantieren.

Günter Rohland sieht das so: Silvester in diesem Jahr ist mal was Neues. Rohland, 59, ist seit 43 Jahren Polizist, doch wenn er am Samstagabend in der Polizeiwache Köln-Kalk zur Arbeit geht, wird er in seinem neuen Büro in der Direktion Gefahrenabwehr sitzen, Leitstelle Videobeobachtung. Und er wird als Erster die Bilder sehen, auf die in diesen Tagen ganz Deutschland schaut.

Die Kölner Silvesternacht, das ist seit fast einem Jahr ein Begriff für eine Katastrophe. Köln wurde nach der sexuellen Gewalt gegen Frauen auf der Domplatte und im Hauptbahnhof ein Synonym für den Stimmungswechsel in der Flüchtlingsdebatte, weil die meisten Täter Nordafrikaner waren. Köln wurde ebenso zum Stichwort für Kritik an einem Staat, der seine Bürger nicht schützen kann, weil zu wenige Polizisten den vielen Frauen nicht helfen konnten - und bis heute kaum Täter verurteilt sind. 513 Strafanzeigen wegen sexueller Übergriffe wurden bearbeitet, doch bislang nur zwei Angeklagte wegen sexueller Nötigung verurteilt.

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Die Vorkommnisse, so steht es in einem Gutachten für den Untersuchungsausschuss im nordrhein-westfälischen Landtag, hätten verhindert werden können, wäre konsequenter eingegriffen und besser geplant worden. Es werden noch immer kaum begreifbare Details öffentlich. Erst kürzlich berichtete die Bild-Zeitung, ein Sicherheitsunternehmen habe in jener Silvesternacht Flüchtlinge beschäftigt, ohne ausreichende Ausbildung und für fünf Euro die Stunde. Die Stadt überprüft den Vorwurf, er passt ins Bild vom Chaos. Doch nun, ein Jahr später, soll Köln zu Silvester etwas Neues beweisen, das Gegenteil: dass der Staat sehr wohl Sicherheit garantieren und Straftaten aufklären kann.

Jasmin Bauer hat acht Monate gebraucht, bis sie sich wieder nach Köln getraut hat

Es ist Donnerstagvormittag, der letzte Besuchstermin für Journalisten bei der Kölner Polizei vor dem Großeinsatz. Günter Rohland bedient an seinem Arbeitsplatz vor zwei Computerbildschirmen acht Kameras, die den Bahnhofsvorplatz filmen, der im vergangenen Jahr zum Tatort wurde. Zur Schau wiederholt er es für jedes Fernsehteam: den Verdächtigen fixieren, ihm über den ganzen Platz folgen, ihm ins Gesicht zoomen, sein Bild ausdrucken. "Ich denke, dass nicht so viel passieren kann", sagt Rohland. Tags zuvor hat Oberbürgermeisterin Henriette Reker gesagt, dass sie sich auf eine Lichtinstallation freue, die diesmal die Domplatte erleuchtet, und sie sich von Straftätern und Terroristen das Feiern nicht verbieten lassen will. Polizeipräsident Jürgen Mathies, als eine Konsequenz aus der vergangenen Silvesternacht ins Amt gekommen, hat sein Sicherheitskonzept vorgestellt: 1500 Polizisten werden im Einsatz sein, dazu im Vergleich zum Vorjahr fünfmal so viele Bundespolizisten im Hauptbahnhof, Hunderte Ordner der Stadt. Rund um den Dom sind Böller verboten, die Hohenzollernbrücke hinter der Kathedrale ist gesperrt, worum die Bundespolizei schon im Vorjahr gebeten hatte.

Die Kameras am Bahnhofsvorplatz sind der bereits fertige Teil eines neuen, eine Million Euro teuren Sicherheitskonzepts, das Polizeipräsident Mathies im Frühjahr vorgestellt hat. Es sind solche Kameras, die gerade jeder fordert, nach der unzureichenden Aufklärung in Köln, nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin. Die Ermittler in Köln haben sich nach der Silvesternacht insgesamt 1100 Stunden Videomaterial angesehen, sie waren auf Bilder aus dem Hauptbahnhof und auf private Aufnahmen mit Smartphones angewiesen; die Bilder von großen Menschenmengen und Feuerwerk, verpixelt, dunkel und in schlechter Qualität, sind berühmt geworden, sie laufen jetzt gerade wieder in jedem Sender. Sonderermittler der Polizei sahen sich am Tag manchmal 8000 Bilder an, bis sie einen Tatverdächtigen erkannten. Sagt einer, der verdeckt ermittelt und deshalb seinen Namen nicht nennen will.

Nachdem das Ausmaß der Silvesternacht bekannt wurde, boten britische Polizisten von Scotland Yard den Kollegen in Köln ihre Hilfe an. Dort gibt es eine Sondereinheit, sogenannte Super-Recognizer mit der seltenen Gabe, sich Gesichter innerhalb von Sekunden einzuprägen und nicht mehr zu vergessen. Die Polizei versuchte, die Täter mithilfe eines "opferorientierten Auswerteverfahrens" zu ermitteln: Die Frauen, die in den Tagen nach Silvester Anzeige erstatteten, wurden gebeten, ihre Kleidung am Silvesterabend zu beschreiben. Anschließend wurden sie in der Videoaufnahme gesucht - und ihr Weg zurückverfolgt.

"Silvester in diesem Jahr möchte ich eigentlich in die Tonne kloppen. Ich werde auf keinen Fall alleine rausgehen."

Wege wie der von Jasmin Bauer, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen will. Eine Stunde nach Mitternacht betrat sie an Silvester mit ihren Freundinnen die Domplatte, ging Richtung Bahnhof. Sie wollte noch etwas essen vor dem Heimweg nach Gummersbach, doch dann wurde es im Hauptbahnhof plötzlich eng, sie spürte erst eine Hand am Po, dann Hände überall, auf ihrer Haut, in ihrer Hose. Wenn sie sich an die Nacht von Köln erinnert, dann sieht sie die Gesichter der Männer vor sich, die ihre Mundwinkel zu Fratzen verziehen, sie auslachen.

Die Polizei hat sie irgendwann angerufen, man habe sie auf den Videoaufnahmen erkannt. Mehr hat sie nicht erfahren. Sie glaubt nicht, dass die Polizei die Männer findet, die sie belästigt haben. Doch es ist ihr auch egal, sagt sie: "Ich lebe so oder so weiter, ob der Mensch jetzt im Gefängnis sitzt oder nicht." Aber: Wie fühlt sich das an, mit diesem Gefühl zu leben?

Bauer hat im Januar kaum das Haus verlassen, in der Schule hat sie nicht über Silvester geredet und wenn sie im Radio "Köln" hörte, dann hat sie es gehasst. Im August war sie zum ersten Mal danach wieder in Köln feiern. Sie ist mit ihren Freundinnen mit dem Auto angereist. Mit dem Zug fahren, am Hauptbahnhof ankommen - "geht nicht", sagt sie. Als ihre Freundin im Club zum Klo ging, ist Bauer ihr hinterhergelaufen, um sie nicht alleine gehen zu lassen. Silvester, sagt sie, diesen Tag will sie dieses Jahr "eigentlich in die Tonne kloppen". Sie wird mit ihrem Freund unterwegs sein, etwas mit der Familie machen. Auf keinen Fall alleine sein.

Günter Rohland, der Polizist, will mithelfen, etwas wieder gutzumachen. Vor einem Jahr, sagt er, habe er an Neujahr gearbeitet und noch nichts gewusst von der Katastrophe, von der NRW-Innenminister Ralf Jäger erstmals am Nachmittag des 1. Januar, die Öffentlichkeit erst scheibchenweise in den Tagen danach erfuhr. Doch Rohland hat sich noch aus einem anderen Grund für den Bürodienst an Silvester gemeldet: Auch er will nicht alleine sein. Rohlands Frau ist auch Polizistin. Sie muss am Samstag arbeiten.

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