bedeckt München

Udo Jürgens wird 70:Segelohren und Sahne

Udo Jürgens hat den deutschen Schlager endlich auf ein musikalisch ernst zu nehmendes Niveau gehoben - ein Aufruf zur Würdigung.

Von Karl Forster

Das Umfrageergebnis ist niederschmetternd. "Geiler Bock", "Weiberheld", "Bademantelskandal". Keiner sagt: "Das war doch der, der für Shirley Bassey ,Reach For The Stars' geschrieben hat?" "Genau, und für Jean-Claude Pascal hat er komponiert, für Sarah Vaughn, Brenda Lee und Sascha Distel." "Und Bing Crosby sang sein ,Come Share the Wine'", hätte einer sagen und dabei zum imaginären Sirtaki die Finger schnalzen lassen können.

Doch wenn man am Mittagstisch probehalber fragt, was den Tischgenossen zum Namen Udo Jürgens einfällt, kommt halt der geile Bock zuerst. Dabei saßen drei ausgewiesene Musikanten mit beim Mahle.

Er wird heute, am 30. September, 70 Jahre alt. Und Udo Jürgens wird sich, das zumindest ist zu schließen aus all den Interviewantworten zum 50., 60., 65. Lebensjubiläum, über diese Spontaneinschätzungen nicht allzu sehr grämen. Hat er doch Zeit seines Liebens dieses nie unter Ausschluss der Öffentlichkeit getan. Ob dies der Grund dafür ist, dass man in den Archiven vergeblich nach größerer feuilletonistischer Würdigung seines Werkes fahndet?

Talent geschmiedet

Simmel wurde wenigstens von einem der Literaturpäpste mit Achtung geadelt. Bei Udo Jürgens versagte den Edlen der Musikbeurteilung die Feder. Und das ist vielleicht doch ein Versäumnis, betrachtet man nüchtern den musikalischen Lebenslauf des Klagenfurters mit deutschem Verdienstkreuz erster Klasse und Wohnsitz Zürich. Anders als viele seiner Kollegen von der leichten Muse hat Udo Jürgens sein Handwerk studiert und dabei sein Talent geschmiedet.

Harmonielehre, Komposition, Gesang und Klavier waren die Hauptfächer am Kärntner Landeskonservatorium. Und lange bevor er mit "Merci Cherie" 1966 beim dritten Anlauf endlich den "Grand Prix d'Eurovision de la Chanson" gewann (der damals noch was zählte), hatte er sich als Jazzpianist durchs Leben gespielt; was man, betrachtet man Melodie und Akkorde dieses Siegerliedchens, gar nicht glauben mag.

Er hat ja auch nicht viel dazu getan, das "Aber bitte mit Sahne"-Image mit Gershwin, Ellington und Basie aufzupolieren, obwohl ihm diese Musiker Vorbild waren. Vielleicht ist Udo Jürgens wie der Name ein Kunstprodukt, von ihm, der eigentlich Udo Bockelmann heißt, geschaffen, um die Welt vergessen zu lassen, dass eben dieser Udo Bockelmann ein "dünnes, schmächtiges Mauerblümchen mit fürchterlich abstehenden Ohren" ist (so die eigene Selbsteinschätzung), wogegen Udo Jürgens sich schon bald einen Smoking kaufte und die Mädchen sich nach ihm umzudrehen begannen.

Dann war es möglicherweise auch gar nicht Udo Jürgens, der, irgendwann Mitte der siebziger Jahre, mit kleinem Gefolge ins Münchner Jazzlokal "domicile" in der Siegesstraße kam und, als das Joe-Haider-Trio gerade Pause machte, sich an den Flügel setzte und jazzte, dass es eine Freude war. Der Mann hatte zumindest abstehende Ohren.

Man muss sich, um die Qualität von "Merci Cherie" und all den Nachfolgern von "17 Jahr, blondes Haar" bis "Immer wieder geht die Sonne auf", einzuschätzen, die damalige Popszene Deutschlands vor Ohren halten. Die Welt lag im Beatles- wahlweise Stones-Fieber und die Beach Boys feierten ihre "Good Vibrations". In Deutschland dagegen sang Roy Black erfolgreich "Ganz in Weiß", und Wencke Myhre biss nicht gleich in jeden Apfel.

Drei Jahre später war laut einer Umfrage der Wickert-Institute Udo Jürgens nach den ermordeten Kennedy-Brüdern das beliebteste Idol der deutschen Jugend. Und als er sechs Jahre später wieder mal die Bravo-Titelseite schmückte (die Ohren unterm Langhaar versteckt), fand, neben T.Rex und Slade, auch Peter Alexander Platz im Jugendpopmagazin.

Die Welt hatte Rockmusik, Deutschland hatte den Schlager. Hätte damals, 1966, Udo Jürgens "When A Man Loves A Woman" oder "Mustang Sally" gesungen statt "Merci Cherie", nie hätte er beim Grand Prix in Luxemburg gewonnen. Udo Jürgens war eben musikalisch "niemals in New York", die blue notes blieben Herrn Bockelmann vorbehalten. Jürgens hob stattdessen den deutschen Schlager endlich auf ein musikalisch ernst zu nehmendes Niveau. Nicht zuletzt auch dank seines Kapellmeisters Pepe Lienhard.

Denn es ist sicher kein Zufall, dass der Jazzer Bockelmann sich einen Musikanten an die Seite holte, der vor dieser Jahrzehnte dauernden Zusammenarbeit im Basler Jazzclub Atlantis Herbie Manns "Memphis Underground" trefflich auf der Querflöte zu spielen verstand. Das Gespann Jürgens / Lienhard verzauberte dann Abermillionen von Konzertbesuchern und verkaufte bis heute gut 70 Millionen Tonträger.

Udo Jürgens war und ist ein deutscher Schlagersänger. Wenn bei der letzten Zugabe der weiße Bademantel zu weit aufklafft, macht Bild logischerweise eine Schlagzeile draus, hat aber mittlerweile aufgehört, die Affären zu zählen. Doch hat Udo Jürgens auch Texte gesungen, die für damalige Verhältnisse, deutsche Verhältnisse, nicht selbstverständlich waren. Vom Vaterland, das er "nicht aus heißem Herzen lieben" kann beispielsweise.

Mit dem kirchenkritischen Lied "Kondom tabu und Pille verpönt - denn aus beruf'nem Munde ertönt: Gehet hin und mehret Euch" kam er - welche Ehre - bei einigen Sendern gar auf den Index. Und jener seiner Songs, den auch Bing Crosby sang, heißt auf Deutsch "Griechischer Wein". Es ist ein Gastarbeiterlied, über Menschen, die hier Fremde bleiben werden und deswegen von grünen Hügeln, Wind und Meer träumen. Das war damals, 1974, doch etwas ungewöhnlich. Für einen Schlagersänger. So etwas hätte zumindest den Musikkennern am Mittagstisch einfallen können beim Stichwort Udo Jürgens.

© SZ vom 30.9.2004
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema