Süddeutsche Zeitung

U-Boot-Wrack vor Schwedens Küste:Dämon des Kalten Krieges

Vor der schwedischen Küste liegt das Wrack eines U-Bootes auf Grund. Man weiß bisher nur, dass es wohl aus Polen oder aus der Sowjetunion kam. Ist es nur Schrott? Oder wurde es versenkt - von der schwedischen Marine gar?

Gunnar Herrmann, Stockholm

Wie ein Dämon erhebt sich das stählerne Gerippe über dem Meeresgrund. Das rostige Wrack, das kürzlich nahe der Insel Öland entdeckt wurde, erinnert viele Schweden an ein finsteres Kapitel ihrer Geschichte. Die Bilder des gesunkenen U-Bootes sind derzeit in allen schwedischen Zeitungen zu sehen. Denn das Wrack, das aus einem Ostblockstaat stammt, gibt eine Menge Rätsel auf. Niemand weiß, warum es seine letzte Ruhestätte ausgerechnet vor der schwedischen Küste fand. Ist es nur Schrott, den jemand dort entsorgt hat? Oder wurde das Boot versenkt? Gar von der schwedischen Marine? Befinden sich noch die Knochen der Mannschaft an Bord?

Die Geschichte des mysteriösen Fundes begann 2009, als Mitarbeiter der Göteborger Firma MMT bei Vermessungsarbeiten zufällig auf ein U-Boot-Wrack stießen. Sie dachten sich zunächst nichts dabei - der Grund der Ostsee ist nach zwei Weltkriegen voll von altem Kampfgerät. Doch ein Jahr später sahen sie sich den Fund bei einem Tauchgang genauer an. Verwundert stellen sie fest, dass sie ein Fahrzeug der Whiskey-Klasse entdeckt hatten. Dieser U-Boot-Typ wurde früher von Polen und der Sowjetunion eingesetzt. Ola Oskarsson, Chef von MMT, war elektrisiert. Er meldet die Sache sofort der schwedischen Marine, die verbrachte schließlich mehrere Jahrzehnte mit der Suche nach dieser Art von Eindringling.

Denn bis zum Ende des Kalten Krieges wurden in Schwedens Gewässern immer wieder U-Boote gesichtet - und scharf beschossen. Das Militär jagte mehrmals vermeintliche Feinde mit Wasserbomben und Seeminen. Einmal, 1981, lief sogar ein sowjetisches U-Boot im felsigen Schärengarten in der Nähe des Marinestützpunktes Karlskrona auf Grund. Die gestrandete U 137 wurde als "Whiskey on the Rocks" weltberühmt und verursachte eine schwere diplomatische Krise zwischen Stockholm und Moskau.

All die anderen U-Boot-Sichtungen blieben dagegen unbestätigt. Die Marine erwischte bei ihren spektakulären Einsätzen nie etwas, weshalb sich um ihre U-Boot-Jagden bis heute Legenden ranken. Alte Offiziere beteuern, die geheimnisvollen Eindringlinge seien Sowjets gewesen. Kritiker meinen dagegen, in Wahrheit hätten Nato-U-Boote Schwedens Hoheitsrechte verletzt. Und erwischt habe man sie deshalb nie, weil Schwedens Militär im Kalten Krieg eben doch nicht so neutral war, wie immer behauptet. Einer weiteren Theorie zufolge waren die Sichtungen bloß Fehlalarme. Die Marine verwechselte demnach schwimmende Nerze mit feindlichen Schiffen - die Pelztiere erzeugen im Wasser angeblich eine Sonar-Spur, die der eines sowjetischen U-Bootes ähnelt.

Sollte nun das Wrack vor Öland Schäden aufweisen, die von Wasserbomben stammen, dann wäre dies ein Beweis dafür, dass man damals keine Phantome gejagt hat. "Diese U-Boot-Jagden sind ein schweres Trauma für uns Schweden", sagt Ola Oskarsson von MMT. "Darum fände ich es wichtig, dass die Marine nun klärt, was da passiert ist." Die Befehlshaber in Stockholm sehen das jedoch anders: Vor zwei Tagen erklärte ein Militärsprecher, man gedenke das Wrack nicht näher zu untersuchen.

Das löste in den Medien einen Aufschrei aus; schon wurde darüber spekuliert, ob die Streitkräfte etwas zu vertuschen haben. Daraufhin änderte die Marine ihre Meinung. Stabschef Bo Rask, Kapitän zur See, erklärte am Donnerstag, man werde sich das Fundstück ansehen - aber erst später. Es gebe keine Eile, denn das Wrack habe "begrenzten militärischen Wert". Anhand der Fotos glaube man bereits sagen zu können, dass das Boot nicht einsatzbereit war, als es sank. Unter anderem fehlen die Hoheitszeichen und das Periskop.

Vermutlich sei das Boot auf dem Weg zum Abwracken gewesen, so Rask. In den 90er-Jahren wurden ihm zufolge mehrere U-Boote der Whiskey-Klasse zur Verschrottung nach Spanien geschleppt. Einige seien dabei in der Ostsee "verlorengegangen". Ola Oskarsson meint, diese Theorie könne stimmen. "Doch genauso gut könnten Taucher das Periskop und die Hoheitszeichen nachträglich entfernt haben." Ganz sicher könne man erst sein, wenn das Wrack untersucht wurde. Bis dahin bleibt es geheimnisvoll.

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SZ vom 05.03.2011/olkl
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